Mühldorf/Altötting – Seit dem 1. November 2025 gilt bundesweit der neue Hebammenhilfevertrag. Der könnte laut Deutschem Hebammenverband (DHV) für bis zu 30 Prozent weniger Einnahmen für freiberufliche Beleghebammen sorgen. Der Grund: Bisher wurden diese Hebammen pro Geburt entlohnt, der neue Vertrag sieht erstmals eine minutengenaue Abrechnung vor.
22 Beleghebammen
am InnKlinikum
Dieser Vergütungsvertrag zwischen dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) und den drei Hebammenverbänden wurde nach gescheiterten Verhandlungen von einer Schiedsstelle festgelegt. Auch das InnKlinikum Altötting-Mühldorf ist von diesem Vertrag und seinen Folgen betroffen.
Derzeit arbeiten am InnKlinikum 22 Beleghebammen, keine der Hebammen ist festangestellt. Bis einschließlich 30. November 2025 kamen im InnKlinikum Altötting im laufenden Jahr 1.482 Babys zur Welt. Die OVB-Heimatzeitungen haben mit der Klinikleitung und einer der Beleghebammen gesprochen.
Hat das InnKlinikum Einfluss auf den neuen Hebammenhilfevertrag?
Thomas Ewald (Vorstandschef des InnKlinikums): Nein, das InnKlinikum hat keinen Einfluss auf den neuen Hebammenhilfevertrag. Die neue Vergütungssystematik wurde in einer Schiedsstelle vereinbart, die aus Mitgliedern des GKV-Spitzenverbands und den Hebammen-Berufsverbänden besteht.
Wie bewertet das InnKlinikum diesen Vertrag und die möglichen Einkommenseinbußen der freiberuflichen Hebammen? Kann die Klinik einen finanziellen Ausgleich anbieten?
Ewald: Die Hebammen sind ein wichtiger Bestandteil unserer Geburtshilfe und wir wollen keine einzige von ihnen verlieren. Wir unterstützen die Hebammen bei ihrem Wunsch nach einer angemessenen Vergütung. Bei einem Defizit des InnKlinikums, das sich zwar von Jahr zu Jahr bessert, aber aktuell noch immer bei 23,1 Millionen Euro liegt, ist es nicht möglich, hier hohe Zusatzzahlungen zu leisten. Aus unserer Sicht sollte auf der Ebene der Verhandlungsparteien, also dem GKV-Spitzenverband und den Hebammenberufsverbänden, eine Übergangsphase vereinbart werden, um mit Beispielabrechnungen die tatsächlichen Vergütungsunterschiede für die Hebammen beziffern zu können.
Haben bereits Beleghebammen ihre Verträge gekündigt oder dies angekündigt?
Ewald: Einige Beleghebammen überlegen anscheinend, ihren Beruf komplett aufgeben zu wollen, andere möchten sich wohl freiberuflich ihren Hebammenpraxen widmen. Konkrete Kündigungen verzeichnen wir aber derzeit nicht.
Ohne Hebammen
keine Geburtshilfe
Wäre ohne Beleghebammen die Geburtshilfe in Altötting noch zu stemmen?
Ewald: Ohne Hebammen wäre die Geburtshilfe nicht zu stemmen, dabei spielt es aber keine Rolle, ob es sich um festangestellte oder freiberufliche Hebammen handelt.
Könnte das InnKlinikum alle 22 Beleghebammen in Festanstellung übernehmen?
Ewald: Dieses Angebot haben wir den 22 Beleghebammen gemacht.
Frau Sahm, wie stehen Sie zum neuen Hebammenhilfevertrag?
Levke Sahm (Beleghebamme am InnKlinikum): Der neue Hebammenhilfevertrag stellt für die Beleghebammen an allen Kliniken eine deutliche Verschlechterung der Vergütung dar. Unsere Wochen-end- und Nachtzuschläge werden von 20 Prozent auf 17 Prozent gekürzt. Für unsere erste Patientin bekommen wir nur noch 80 Prozent vom Stundenlohn, für die zweite und dritte Patientin bekommen wir nur noch 30 Prozent des Stundenlohns, für die vierte Patientin nichts mehr. Im InnKlinikum kommen aktuell circa 33 Prozent der Frauen in den Genuss der 1:1-Betreuung durch freiberufliche Beleghebammen, im Gegenzug zum Angestelltenverhältnis, wo es aktuell rund drei Prozent sind.
Spielen Altöttinger Beleghebammen wegen dieser Veränderungen mit dem Gedanken zu kündigen?
Sahm: Fünf bis sieben Hebammen haben bereits angekündigt, falls es wirklich zu dem geplanten Verdienstausfall von 40 Prozent kommt, die Geburtshilfe am InnKlinikum zu verlassen und stattdessen die freiberufliche Arbeit in ihren Hebammenpraxen auszuweiten. Für diese Tätigkeiten wurden die Pauschalen erhöht und das bei weniger Wochenend- und Nachtarbeitszeit. Außerdem entfällt das sehr hohe Haftungsrisiko. Andere Kolleginnen planen einen Wechsel in ihre vorherigen Berufe.
Das InnKlinikum hat Festanstellungen angeboten. Ist das interessant?
Sahm: Eine Festanstellung kommt für keine von uns infrage und wurde mit der Geschäftsführung keinesfalls im Detail besprochen. Eine Festanstellung löst weder das finanzielle Problem noch werden die Familien, die zur Geburt kommen, dadurch besser betreut. Wir hoffen stattdessen, dass der aktuelle Hebammenhilfevertrag per Eilantrag erstmal gestoppt und dann nochmal überarbeitet und deutlich nachgebessert wird. All diese geplanten Kürzungen würden über kurz oder lang zu einem Versorgungsengpass für die Familien führen.
„Wir sind ein zufriedenes, hochmotiviertes Team“
Welche Vorteile haben Sie und Ihre Kolleginnen als Beleghebammen?
Sahm: Wir Beleghebammen am InnKlinikum hatten in den letzten Jahren sehr wenig krankheitsbedingte Ausfälle, unsere Urlaube haben wir selbst abgestimmt, ältere Kolleginnen mussten keine Nachtdienste machen. Wir schreiben aktuell den Dienstplan nach den Wünschen der jeweiligen Kolleginnen und berücksichtigen dabei Kinderbetreuung, zu pflegende Angehörige, Kurse und andere hebammenrelevante Tätigkeiten, aber auch die Work-Life-Balance. Wir sind ein zufriedenes, hochmotiviertes Team und brennen alle für die Geburtshilfe und es wäre wirklich schade, wenn es politisch und gesellschaftlich nicht möglich wäre, eine Lösung für das Einkommensproblem zu finden, das uns in Altötting und alle Beleghebammen in Deutschland betrifft.