„Maria Pauer, die Hexe von Mühldorf“

von Redaktion

Historische Aufarbeitung: Neumarkter Ex-Rektor mit neuen Erkenntnissen auf 350 Seiten

Neumarkt-St. Veit – Kaum ein Mühldorfer, der das Hexenkammerl im Rathaus nicht kennt. Auch Straßen sind inzwischen nach Maria Pauer benannt, in Neumarkt-St. Veit und auch in Mühldorf. Und nachdem der 250. Todestag schon längst Geschichte war, bekam die letzte Hex‘ aus Mühldorf ein eigenes Theaterstück, das sogar in Salzburg aufgeführt worden ist.

Doch danach ist es ruhig geworden um die letzte Hex‘ aus Mühldorf, die am 6. Oktober 1750 in Salzburg durch das Schwert hingerichtet und anschließend verbrannt wurde. In der Öffentlichkeit gab es nicht viele Gelegenheiten, sich mit der Person zu beschäftigen, die sich hinter der jungen Dienstmagd verbarg.

Einer, den das Schicksal der 16-jährigen Mühldorferin immer schon beschäftigt hat, ist der ehemalige Neumarkter Schuldirektor Dieter Gruber. Schon während seiner Zeit an der Teilhauptschule in Schönberg hat er sich des Themas angenommen und mit seinen Schülern aus Schönberg, Egglkofen und Lohkirchen den ersten Platz bei einem Landeswettbewerb „Straßennamen erzählen Geschichte“ gemacht.

Die Kirche bittet erst
2009 um Vergebung

Den 275. Todestag bezeichnet Gruber als trauriges Jubiläum, eines, das ihn aber dazu motiviert habe, ein Buch über das kurze Leben von Maria Pauer zu schreiben. „Mit fast allen Hintergründen, Umständen und Ereignissen, die sich rund um ihre Person in der Vergangenheit abgespielt haben und heute noch abspielen.“ Wenn er vom „heute“, deutet Gruber bereits an, wie lange es gedauert hat, bis auch die Kirche die Hinrichtung der letzten Mühldorfer Hex‘ verurteilt hatte. Das war nämlich erst am 18. Juni 2009 der Fall, als der Salzburger Erzbischof Dr. Alois Kothgasser zum Hexenprozess eine Stellungnahme abgegeben hatte, in der er die Verurteilung als „Justizmord“ und „entsetzliches Verbrechen“ bezeichnete. Er habe darin „Gott und die Menschen um Vergebung für diese Gräueltat“ gebeten.

Als Ausgangspunkt für seine Arbeit hat Gruber auf ein Buch von August Friedrich Neumeyer aus dem Jahr 1926 zurückgegriffen. Neumeyer hatte die Hofrat-Akten zum Hexenprozess durchgearbeitet und beim Heimatbund erstmals veröffentlicht. Gruber ging nun tiefer ins Detail, hat sich in jahrelanger Kleinarbeit die Mühe gemacht, das Leben, den Leidensweg und den Tod von Maria Pauer zu erforschen.

Protokolle lesen sich
wie ein Krimi

Spannend: Wie Gruber den Verlauf des Prozesses, Fragen und Antworten der Vernehmungen verknüpft hat, dabei auch die bairische Mundart nutzt. „Man kann sich dann besser in die Personen hineinversetzen“, rechtfertigt Gruber diese Entscheidung. Tatsächlich lesen sich die Protokolle wie ein Krimi. Gruber unterteilt die Vernehmungstage, die sich von ihrer Verhaftung am 27. Januar 1749 bis zu ihrem Schuldspruch am 10. September 1750 hingezogen hatten.

Gruber erläutert wie in einer Enzyklopädie Hintergründe und Sachverhalte, erklärt Begrifflichkeiten und auch das Weltbild dieses Zeitalters, „um die Welt des 18. Jahrhunderts und den damaligen Glauben an Hexen besser zu verstehen!“

Sein Fokus lag nicht nur auf Marias Pauer. Gruber skizziert auch das Schicksal derer nach, die durch den Pauer-Prozess selbst verdächtig geworden sind und ihre Nähe zur „Hex‘“ ebenfalls mit dem Tod bezahlt haben. Das Nachschlagewerk Grubers wirkt authentisch, nicht zuletzt, weil der Neumarkter bei seinen Nachforschungen Orte, die beim Hexenprozess genannt werden – neben seiner Heimat Neumarkt-St. Veit waren das Mühldorf, Salzburg, Burghausen und Landshut – besucht hat. Er hat dabei Orte ehemaliger Richtstätten aufgesucht. Gruber steigt tief in die Materie rund um das „Hexenwesen in der frühen Neuzeit“, wie er es nennt, ein. „Ich war erstaunt, wie viele Frauen allein in Bayern als Hexen abgestempelt worden sind.“

Über die schaurige Welt
im 18. Jahrhundert

Zahlreiche Schaubilder, auch über damalige Foltermethoden, unterstreichen die tiefgründige Recherche Grubers. Seine Nachforschungen gingen so weit, dass der ehemalige Rektor sogar den Weg der „Pauerin“ von Mühldorf nach Salzburg nachzeichnete, kombinierte, wo sie ihren Zwischenhalt auf ihrer letzten Reise eingelegt haben muss. Und Gruber wäre nicht Gruber, wenn sich nicht auch Verslein in seinem Schriftstück finden würden. 16 mehrzeilige Reime verfasste der Neumarkter, der viele Jahre auch als Hobby-Kabarettist der Neumarkter Wadlbeißer auf der Bühne stand, über die Morität der Maria Pauer. Diese finden sich gleich zu Beginn des großformatigen Buches.

Angekommen auf Seite 352, der letzten Seite seiner aufwendigen Recherchearbeit, versteht man auch, was der Autor in seinem Vorwort gemeint hat, wenn er zunächst viel Freude beim Schmökern wünscht, aber auch auf seine eigene Sprachlosigkeit verweist, „wie leicht man damals zur Hexe werden konnte“.

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