Weltmeister nach Hitzeschlacht

von Redaktion

Stephan Hammerl aus Zangberg triumphiert in der Wüste von Abu Dhabi – Konkurrenz weit abgehängt

Vor dem Speerwurf hatte Hammerl den größten Respekt. Er traf aber bereits beim ersten Wurf.

Materialschlacht im Wüstensand: Hammerl setzte auf eine breite Sohle und einen engen Überzug.

Neumarkt-St. Veit – Wenn Stephan Hammerl von seinem Sport spricht, glänzen seine Augen – und manchmal bricht die Emotion sogar heraus. „Ich wollte immer Weltmeister werden“, sagt der 55-Jährige. „Aber ich habe das viele Jahre nicht einmal laut ausgesprochen.“ Heute darf er es nicht nur sagen – er ist Weltmeister. In Abu Dhabi sicherte sich der Zangberger in seiner Altersklasse den Titel bei der Spartan-Beast-Weltmeisterschaft, einer der härtesten Disziplinen im Obstacle-Course-Racing (OCR), dem Hindernislaufsport.

Ein Rennen, das mehr
verlangt, als angekündigt

Offiziell umfasst die Kategorie Beast 21 Kilometer und 30 Hindernisse – in Abu Dhabi wurden daraus 22 Kilometer und mehrere zusätzliche Kraftproben. „Bei Weltmeisterschaften legt der Veranstalter immer noch ein paar Gemeinheiten drauf“, schmunzelt Hammerl. Ein Beispiel: Beim Sandsack-Hindernis mussten die Athleten erst einen Sack weit tragen, ihn auf eine Metallplatte legen, auf der schon zusätzlich ein zweiter Sandsack lag und diese ziehen. „Für leichte Athleten wie mich ist das extrem hart.“

Andere Aufgaben forderten Präzision: Monkey Bars, Twister, Farmer Carries und vor allem der Speerwurf. „Du hast nur einen einzigen Versuch. Wenn der Speer nicht trifft, musst du 30 Burpees machen.“ Hammerl traf. „Da bekomme ich heute noch Gänsehaut.“

Hitze, Sand, Überleben:
Die Wüste als Gegner

Der Kurs führte 50 bis 60 Kilometer außerhalb Abu Dhabis mitten in die Wüste. „Plötzlich ist da nichts mehr – kein Schatten, nur Sand.“ Temperaturen von 33 bis 35 Grad Celsius, reflektierende Hitze, weicher Wüstensand, der bei jedem Schritt nachgibt – für Hammerl war es „ein reiner Überlebenskampf“. 17 Wasserstationen nutzte er konsequent, teilweise mit längeren Pausen: „Ich habe mich hingekniet und versucht, die Körperkerntemperatur runterzubringen.“ Normal laufen konnte man kaum, berichtet er. „Vielleicht auf einem Kilometer. Der Rest war mehr ein Tasten, Stapfen, Rutschen.“ Dünen rauf, Dünen runter, schräge Passagen – „ich habe so etwas noch nie erlebt.“

Ein großes Problem: der Sand in den Schuhen. Viele Athleten mussten das Rennen wegen blutiger Füße abbrechen. Hammerl jedoch hatte sich vorbereitet, im Vorfeld tagelang recherchiert, sprach mit Profis und entschied sich für ein seltenes Salomon-Modell, dessen integrierte Gamasche Sand zuverlässig abhält. „Ich bin nach dem Rennen unter die Dusche – kein einziges Sandkorn drin. Das war Gold wert.“

OCR-Athleten starten altersklassenweise. Hammerl lief gemeinsam mit Teilnehmern im Alter von 55 bis über 60 Jahren. Nicht einmal 20 von ihnen erreichten am Ende das Ziel. „Ich wusste nicht, wer in meiner Klasse ist. Manche schätzen mich wegen meiner grauen Haare auf 70, andere auf 30, wenn sie meinen Sixpack sehen.“ Ein echtes Renntempo zu kontrollieren, sei so kaum möglich.

Aufgeben ist für Hammerl keine Option. „Ich frage mich während eines Rennens oft: Was mache ich hier eigentlich? Aber umdrehen? Niemals.“ Das ist nicht übertrieben: 2016 lief er ein Rennen mit gebrochenem Wadenbein zu Ende – über 50 Hindernisse hinweg. „Jeder wollte mich rausnehmen. Ich habe gesagt: Nein.“

Vom Triathlon zur Wüste:
Wie alles begann

Über 20 Jahre war Hammerl im Triathlon zu Hause – Ironman, Langdistanz, sogar Ultraman, ein dreitägiger Ausdauerwettkampf. Erst andere Sportler brachten ihn 2016 zu OCR. „Der Triathlet will ja sauber bleiben – OCR ist das Gegenteil. Matsch, Kriechen, Schleppen. Das hat mich sofort fasziniert.“

Trainingsstunden zählt Hammerl nicht. Er pendelt täglich mit dem Rad zur Arbeit, macht zusätzlich Laufeinheiten, Hindernistraining, Kraftübungen – und wenn er Ski fährt, dann „von acht bis vier, nur Gelände, bis ich vom Berg falle.“

Wochen vor einem Rennen analysiert er die Bedingungen: Sind es Berge? Hitze? Sand? „Ich simuliere, was geht.“ Für Abu Dhabi lief er auf Volleyballplätzen, dort wo die Gemeinde mit seiner Unterstützung einen Parcours für Krafttraining errichtet hat. „Die letzten Wochen waren hart. Ich wusste: Das ist eine Once-in-a-Lifetime-Chance. Da schindest du dich noch einmal.“

Als Hammerl nach dem Zieleinlauf erschöpft im Beduinenzelt saß, wusste er nicht, was er geleistet hatte. Erst der Blick in den Live-Ticker brachte Klarheit. „Ich musste es fünfmal aktualisieren. 21 Minuten Vorsprung? Das gibt’s doch nicht. Ich dachte erst an einen Fehler im System“. Hammerl war ein „Clean Race“ gelungen. Das heißt: Alle Übungen perfekt umgesetzt. Ohne Strafburpees. Am Ende brauchte er rund 3:26 Stunden. Bei der Siegerehrung kamen die Tränen. „Das war der emotionalste Moment meines Sportlerlebens.“ Er hat jetzt noch Gänsehaut, wenn er davon berichtet. Von 722 Finishern war Hammerl unter den besten zwölf Prozent, ließ so manchen Jungspund hinter sich.

Auch wenn Hammerl sich „Wettkampfrente“ auferlegt hat – mit dem Sport aufhören wird er nie. „Ich liebe Wettkämpfe, aber ich hasse meine Aufgeregtheit davor.“ Den Stress möchte er sich vorerst nicht mehr antun.

Stattdessen gibt er seine Erfahrung weiter: in Kindergruppen, im Verein OCR Munich, bei Personal-Coachings. Spielerisch, motivierend, mit viel Geduld. „Die Leute sagen oft: Das kann ich nicht. Das will ich nicht hören“, sagt er und lacht. „Jeder kann mehr, als er glaubt.“

Eine Rückkehr will er
nicht ganz ausschließen

Viele seiner Schützlinge überraschen sich selbst – etwa das Mädchen, das sich plötzlich über eine ganze Monkey-Bar-Bahn hangelte. „Das war ein Wahnsinnsmoment. Solche Erlebnisse brauche ich genauso wie meine eigenen Siege.“

Ob er eines Tages zurückkehrt? Ganz ausschließen will Hammerl es nicht. „Vielleicht mit 60, als Jüngster der Altersklasse. Wenn ich dann noch fit bin.“ Doch bis dahin will er genießen: die Ruhe, den Titel, die Freiheit. „Was will ich jetzt noch gewinnen? Ich bin Weltmeister. Das darf ich jetzt erst mal auskosten.“

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