Mühldorf – Im Kriegswinter 1915/1916 hatte Ludwig Thoma seine Legende „Heilige Nacht“ geschrieben in seinem Haus auf der Tuften am Tegernsee unter dem Riederstein und der Baumgartenschneid. Es wurde ein Meisterwerk der bayerischen Mundartdichtung. Geprägt haben Thoma dabei sicher die Erlebnisse an der Kriegsfront.
Thoma war im Forsthaus Vorderriß an der oberen Isar zwischen Mittenwald und Lenggries aufgewachsen. Und er übersetzt die Weihnachtsgeschichte von der Geburt Christi nach dem Lukas-Evangelium in Vierzeilern in die altbayerische Oberlandler-Mundart. Er, der nie Familie hatte, widmete den ersten Teil der Legende den Töchtern von Ignatius Taschner, dem 1913 zu früh verstorbenen Maler und Zeichner. Dieser sollte die Illustrationen dazu machen.
Pläne zu einem Weihnachtsspiel, beginnend mit der Verkündigung und endend bei den Heiligen Drei Königen hatte Thoma schon früher mit Taschner besprochen. Und Max Reger sollte dazu die Musik komponieren. 1916 wurde die Heilige Nacht zum ersten Mal gelesen im Thoma-Haus von dem Volksschauspieler Gustl Waldau. Elise Aulinger und Maidi Liebermann von Wahlendorf, Thomas Geliebte, die noch 50 Jahre lang nach seinem Tod das Haus in der Tuften bewahrte wie zu Thomas Zeiten bevor es in den Besitz der Stadt München überging, begründeten die Tradition, die Weihnachtslegende alle Jahre in der Tuften vorzutragen. Bis heute führt die Stadt München diese Tradition mit namhaften Interpreten fort.
Seither wird diese Legende alle Jahre wieder in vielfacher Weise im deutschen Sprachraum in der Adventszeit gelesen, von Schauspielern, Mundartsprechern, Pfarrern und manch anderen, die sich dazu berufen fühlen. Die Lesung der „Heiligen Nacht“ ist zur Weihnachtszeit fester Bestandteil des Kulturprogramms in vielen südbayerischen Orten und darüber hinaus. Aufführungen, umrahmt von mehr oder weniger regionaler traditioneller Musik und mit alternativen Liedern in großen Konzertsälen, Kirchen oder auch im Fernsehen lassen aber nur schwer das Erlebnis der am Stubentisch schlicht erzählten Legende und die tief empfundene Frömmigkeit des Dichters erahnen.
Der Schauspieler, Marionettenspieler und Mundart-Sprecher Klaus Wittmann aus Bad Tölz hat im Kulturhof Mettenheim Thomas Legende nicht vorgelesen, sondern auswendig vorgetragen. Und mit dieser Erzählform im freien Vortrag eröffnet sich dem Zuhörer die Geschichte mit einer ganz anderen Faszination, man erlebt die Handlung mit.
Mit dezenter Gestik untermalen die freien Hände das Geschehen der gleichsam sich vor den Augen der Zuhörer entwickelnden Szenerie. Wie mit kindlich-offenen Ohren und mit den Augen an den Lippen des Erzählers hängend folgt man der Geschichte, hält den Atem an und lebt gebannt mit den Figuren der Legende. Die sprichwörtliche Stecknadel hätte man fallen hören können im Mettenheimer Kulturhof-Saal.
Dazu hat der Mühldorfer Viergesang die fünf Gesänge vierstimmig schlicht vorgetragen in der Fassung des Mühldorfer Lehrers Franz Xaver Rambold von 1922. Musikalisch wurde die Erzählung umrahmt von einem Musikstück des Kiem Pauli wozu es eine Notiz von Thoma gibt: „Pauli war da und spielte auf der Gitarre“. Und zum Abschluss erklang ein einfacher ruhiger Landler, der die Besinnlichkeit und die Entschleunigung der Zeit durch die Erzählung noch einmal unterstrich. Nach einem Moment der Stille dankten die Zuhörer mit anhaltendem herzlichem Beifall für dieses besondere Erlebnis.
Als wohl einer der ersten hatte Franz Xaver Rambold, der sich auch als Dichter, Liedersammler, Liedschöpfer und Heimatkundler sowie als Schriftsteller betätigte, ein Jahr nach Ludwig Thomas Tod am Heiligen Abend 1922 die fünf Gesänge der Legende in einfacher Weise vertont für eine Singstimme mit Gitarre-Begleitung. 1925 wurden diese im Druck herausgegeben.
Es ist aber kein Exemplar erhalten. Rambold war 34 Jahre lang Lehrer an der Münchner Volksschule an der Wörthstraße. Als interessierter und gebildeter Lehrer, Dichter und Sänger war er in den Künstler- und Schriftstellerkreisen des Simplicissimus bekannt und dürfte so auch mit Ludwig Thoma bekannt geworden sein. Annette Thoma hat Rambold einmal als „Vorläufer des Kiem Pauli“ bezeichnet wegen seiner Sammlungen von Mundartliedern in Oberbayern.
Aus der Vertonung von F. X. Rambold erschien der erste Gesang in einer dreistimmigen Fassung in der Sänger- und Musikantenzeitung von Annette Thoma und Wastl Fanderl und verbreitete sich dadurch bei vielen Gesangsgruppen, wie auch Willi Großer, ehemaliger Kreisheimatpfleger, Sänger, Sprecher und Dichter aus Starnberg, zu berichten wusste.
Die Melodien sind bis heute bei einigen Gesangsgruppen lebendig geblieben, wenn sie auch jetzt von anderen Vertonungen verdrängt werden. Die Fassung von Franz Xaver Rambold gehört aber sicherlich zu den stilistisch Besten und ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Der Mühldorfer Viergesang hat die Gesänge in einer vierstimmigen Bearbeitung 2013 erstmals vorgetragen. Diese ist im Druck erhältlich bei der Kreisheimatpflege Mühldorf.
Viele weitere Vertonungen der Gesänge zur Legende folgten im Laufe der Jahre, so zum Beispiel von Ludwig Prell, dem Vater von Bally Prell. Seine Vertonung wurde in Rottach-Egern 1929 uraufgeführt. Heute ist am bekanntesten die Fassung von Hans Seidl, dem Münchner Musikant und vor allem Klarinettenspieler, dem Kiem Pauli Teile seiner Landler-Sammlung abschreiben ließ. Seidl war von 1949 bis 1959 Abteilungsleiter für Volksmusik im Bayerischen Rundfunk und baute ein umfangreiches Volksmusik- und Volksliedarchiv mit Tonbandaufnahmen auf. Viele Jahre haben die Waakirchner Sänger die Gesänge bei den Lesungen der Stadt München am Stubentisch in Thomas Haus gesungen in der Fassung von Hans Seidl. Durch die Verbreitung über den Rundfunk verdrängte diese Fassung der Gesänge die Rambold`schen Weisen. Der Mühldorfer Viergesang erhält sie aber lebendig.