Mühldorf – „Ich hatte Todesangst“, sagt ein Leser (28), der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er sei Mitte September morgens um halb sechs am Bahnhof Mühldorf von vier Leuten mit einer Eisenstange angegriffen worden. Ein Vorfall, den die Bundespolizei auf Nachfrage bestätigt.
Auf seiner Flucht sei er vom Parkhaus aus rund fünf Meter in die Tiefe gesprungen und habe sich dann beim Schrottplatz versteckt, schildert der Leser. Dabei habe er sich beide Fersen gebrochen und musste ins Krankenhaus. „Ich hatte Todesangst und habe mich acht Wochen lang nicht aus dem Haus getraut.“
Wie sicher beziehungsweise wie gefährlich ist der Bahnhof Mühldorf? Diese Frage stellte sich zum Jahresausklang.
Im Oktober gab es zwei
Vorfälle in acht Tagen
Im Oktober kam es zum Beispiel innerhalb von acht Tagen zu zwei Schlägereien: einmal in der Bahnhofsvorhalle, einmal am Bahnsteig zwischen Gleis 4 und Gleis 5. Die Opfer: am Bahnsteig ein 17-Jähriger, in der Bahnhofsvorhalle ein 15-Jähriger.
Nach Angaben der Bundespolizei saß der 17-Jährige am Dienstag (21. Oktober) gegen 13.15 Uhr am Bahnsteig auf einer Sitzbank, als er von einem noch unbekannten Täter angesprochen und unvermittelt mit mehreren Schlägen ins Gesicht und auf den Hinterkopf traktiert wurde. Der 17-Jährige erlitt erhebliche Verletzungen im Kopfbereich. Die Bundespolizei geht laut Pressemitteilung davon aus, dass der Haupttäter im Vorfeld mit einer größeren Gruppe unterwegs war, die sich schon längere Zeit im Bereich des Bahnhofs Mühldorf aufgehalten haben könnte.
Acht Tage zuvor (Montag, 13. Oktober) wollten gegen 15.30 Uhr drei Männer zwischen 15 und 21 Jahren einen 15-jährigen Mühldorfer aus dem Bahnhof drängen. Dabei kam es zu einem Gerangel und ein Täter soll den Mühldorfer mit einem Gegenstand in die Rippen geschlagen haben.
„Die Sicherheitslage am Bahnhof Mühldorf stellt sich aus bundespolizeilicher Sicht insgesamt positiv dar“, schreibt Pressesprecherin Carolin Nowag. Die Zahl der registrierten Straftaten – ohne Schwarzfahrdelikte – sei 2025 deutlich zurückgegangen. 2023 seien noch 285 Delikte erfasst worden; 2024 waren es 167 und 2025 bis einschließlich Oktober 62 Straftaten, „was auf eine weiterhin positive Entwicklung hindeutet“.
„Körperverletzungsdelikte bewegten sich in den vergangenen Jahren ebenfalls auf einem moderaten Niveau“, schreibt Nowag. 2023 gab es sieben erfasste Fälle, 2024 acht und 2025 zehn Fälle. Das sei im Schnitt ein Delikt pro Monat.
„Im Deliktsfeld Bedrohung und Nötigung ist ein Anstieg festzustellen“, hält Nowag fest. 2024 wurde nur ein entsprechender Fall registriert, 2025 waren es bis Oktober sechs Fälle.
„Die Zunahme in diesem Deliktsfeld ist durchaus ernst zu nehmen, jedoch kann aufgrund der tatsächlichen Fallzahlen hier noch nicht von einem strukturellen Handlungsfeld für die bundespolizeiliche Aufgabenwahrnehmung gesprochen werden“, bewertete Leitender Polizeidirektor Ludger Otte, Inspektionsleiter der Bundespolizeiinspektion Freilassing, diese Entwicklung. „Sechs Fälle sind definitiv sechs zu viel – Anlass zur Sorge, dass sich der Bahnhof Mühldorf zu einem Hotspot der Gewaltdelikte auf Bahnanlagen und Bahnhöfen entwickelt, besteht derzeit jedoch noch nicht.“
Im Bereich der Betäubungsmitteldelikte registrierte die Bundespolizei 2023 sechs Fälle, 2024 und 2025 jeweils drei Fälle. Eigentumsdelikte waren es 2023 15 Fälle, 2024 sechs und 2025 wieder acht Fälle. Sachbeschädigungen gab es 2023 18 Fälle, 2024 dann sieben und 2025 bislang 13 Fälle. Dafür registrierte die Bundespolizei 2025 nur einen Verstoß gegen das Waffengesetz sowie vier „Widerstandshandlungen gegen Vollstreckungsbeamte“.
Den deutlichsten Rückgang zeigten die Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz. 2023 waren es noch 232 Fälle, ein Jahr später 135 und 2025 bislang sieben Fälle. Polizeisprecherin Nowag führt dies auf die „deutlich erhöhten grenzpolizeilichen Kontroll- und Fahndungsmaßnahmen der Bundespolizei“ zurück.
„Die aktuellen Zahlen und deren Entwicklung zeigen, dass die bestehenden Sicherheitskonzepte insgesamt greifen“, schreibt Nowag. „Die Gewährleistung der Sicherheit der Bahnnutzer genießt dabei oberste Priorität.“
Bahn verweist auf gesell-
schaftliche Entwicklung
„Für die Deutsche Bahn steht die Sicherheit ihrer Fahrgäste und Mitarbeitenden an erster Stelle“, schreibt auch Kathrin Kratzer, Sprecherin der Deutschen Bahn in Bayern. „Um Gewalttaten wirksam zu verhindern, setzen wir dabei auf die Präsenz unserer eigenen Sicherheitskräfte, den engen Schulterschluss mit der Bundespolizei und den Polizeien der Länder sowie auf Videotechnik.“
„Anspannung und Respektlosigkeiten in der Gesellschaft nehmen zu“, schreibt Kratzer. „Wir beobachten ebenso wie die Behörden eine kontinuierlich sinkende Hemmschwelle für Gewalt.“ Im Bahnhof und im Bahnhofsumfeld würden all jene Konflikte ausgetragen, die auch auf Plätzen, in Parkanlagen, in öffentlichen Einrichtungen und auf Straßen überall in Deutschland stattfinden. „Klar ist: Jede Straftat ist eine zu viel.“
Die Bahn habe täglich rund 20 Millionen Reisende und Besucher auf den rund 5.700 Bahnhöfen, so Kratzer: „Gemessen an der Zahl der Reisenden und Bahnhofsbesucher ist das Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, sehr gering.“
Kratzer zählt auf, wie viele Mitarbeiter zur Sicherheit eingesetzt würden, was die Bahn in Maßnahmen wie zum Beispiel Videokameras investiert habe; das allerdings nur bundesweit. „Uns liegen keine auf Mühldorf heruntergebrochenen Zahlen vor“, schreibt dazu auf Nachfrage Bahn-Sprecherin Maja Moritz.