Waldkraiburg – Es war ein kleiner Geniestreich: Am 1. Januar des Vorjahres hatte Max Kendlinger mit seinem Orchester schon einmal das Publikum in Waldkraiburg euphorisch auf ein neues Jahr eingestimmt. Für den Neujahrstag 2026 waren die Musiker erneut gewonnen worden.
So war es kein Wunder, dass Hausherr Bürgermeister Robert Pötzsch in seiner Begrüßung im Haus der Kultur nicht nur auf einen großen Saal blicken konnte, der bis auf den letzten Platz gefüllt war: „Was gibt es Schöneres, als mit solcher Musik das Jahr 2026 zu begrüßen? Die Kendlinger-Dynastie sucht ihresgleichen in ganz Europa!“
Vater und Sohn
stehen am Dirigentenpult
Damit meinte Pötzsch den 61-jährigen österreichi- schen Impressario und Komponisten Matthias Georg Kendlinger, der allein im Januar und Februar 2026 über 20-mal die Strauß-Gala dirigiert. Er meinte aber auch dessen Sohn Max, der am Silvesterabend 2025 in Klagenfurt Orchesterleiter war und jetzt – einen Tag später – in Waldkraiburg.
Schon mit 13 Jahren hatte der Vater den inzwischen 27-Jährigen an den Taktstock gewöhnt. Der beherrschte damals schon mehrere Musikinstrumente. Inzwischen komponiert er selbst und dirigierte unter anderem in der Hamburger Elbphilharmonie, im Leipziger Gewandhaus, in Mailand wie auch im Festspielhaus Erl. Sein CD-Debüt legte er 2019 mit Beethovens „Pastorale“ vor und pünktlich 2025 zum 200. Geburtstag von Johann Strauß Sohn sein drittes Strauß-Album.
Für sein Waldkraiburger Konzert hatte er sich einleitend mit der Kaiser-Wilhelm-Polonaise ein recht anspruchsvolles Stück ausgesucht, das die Verbundenheit der preußischen mit der Wiener Kultur betonen sollte.
Mit vollem jugendlichen Schwung hatte Kendlinger sein großteils recht junges Orchester von der ersten Note bis zur letzten Zugabe voll im Griff. Er gab deutlich Einsatzmomente an, verstärkte durch klare Hinweise, verstand es aber auch, besonders gelungene Leistungen zu loben.
Der flotte Marsch „Benedek“ erinnerte an den Offizier der kaiserlichen Armee in der Schlacht bei Königgrätz 1866. Vom jüngsten Sohn Eduard der Strauß-Dynastie stammte die schnelle Polka „Wer tanzt mit?“. Der anschließende beschwingte „Dynamiden-Walzer“ von Josef Strauß war 1865 im Wiener Redoutensaal zum ersten Mal zu hören, verständlicher angekündigt als Musik der anziehenden Kräfte.
Es folgte die Ouvertüre zu „Cagliostro in Wien“. Hier lebt der Bösewicht mit seinem hypnotischen Blick weiter, auf den alle Frauen der Stadt hereingefallen sind, was zweifellos auch in der Musik spürbar ist.
Als „Radl-Polka“ kündigte Kendlinger das sehr schnelle „Velocipede“ an, das immer noch gerne am österreichischen Nationalfeiertag gespielt wird. Entspannter die folgenden „Donauschwalben“, ein romantischer Walzer, der das ländliche Leben beschreibt.
Kontrastprogramm gleich danach mit „Un ballo in mascera“. Eine Quadrille, in der sich ursprünglich vier Tanzpaare im Quadrat gegenüberstehen, frei nach Motiven aus Verdis „Maskenball“.
Vor allem die Besucherinnen meinten in der Pause: „Diese Musik lädt ja förmlich zum Tanzen ein!“
Zwar nicht unbedingt zu Beginn des zweiten Teils beim „Sperl-Galopp“, benannt nach einem Lokal in Wien. Die Ouvertüre zur Operette „Das Spitzentuch der Königin“ hingegen entpuppte sich als leichte Melodie mit Esprit und Dynamik. Und wer wollte bei diesem Programm schon „Loslassen“, wie es die schnelle Polka von C. M. Zierer befahl?
Beim „Aquarellen-Walzer“ von Johann Strauß, der sich zum Mitsingen eignet, hätte man sich gerne mit eingebracht. Dies tat stellvertretend die junge Dame am Trommelbecken des Orchesters, die bei jedem Stück in vollem Einsatz war, sei es mit ihren Klöppeln, einem zarten Glöckchenspiel oder mit den Paarbecken und so auch überleitete zur „Orpheus-Quadrille“ nach Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“.
Viel Applaus für
grandioses Konzert
Wiener Tanzmusik, die das Publikum immer stärker zum Mitklatschen animierte. Denn viele wollten es einfach nicht wahrhaben, dass dieses grandiose Neujahrskonzert zu Ende ging.
Nach dem beliebten „Donau-Walzer“ als erste Zugabe folgte der unvermeidliche Radetzky-Marsch mit Standing Ovations. Als der lautstarke Applaus nicht enden wollte, dirigierte Max Kendlinger als Abschiedsgeschenk noch einmal die „Orpheus-Quadrille“. Es waren zwei großartige Strauß-Neujahrskonzerte. Vielleicht folgt noch eine weitere Aufführung der Kendlinger-Tausendsassas? Die Hoffnung auf die phänomenalen Kendlingers stirbt zuletzt!