Neumarkt-St. Veit – Kurz bevor der Jahreswechsel bevorstand, lud der Bayerische Landesverein für Heimatpflege zu einer ganz besonderen Abstimmung ein. Es geht um den „Abriss des Jahres“. Auch dieses Mal hat der Verein einige Objekte aus ganz Bayern, die dem Abriss zum Opfer gefallen sind, zur Abstimmung gestellt. Gut vertreten in der Abstimmung für diesen Schmähpreis waren auch Gebäude aus dem Landkreis Rosenheim, Traunstein und Mühldorf. Das Lechnerhaus in Prien, der Alte Wirt in Rosenheim-Aising oder das ehemalige Gasthaus „Alte Post“ in Grabenstätt waren vorgeschlagen worden. Auch das sogenannte „Fischerhäusl“ aus Neumarkt-St. Veit stand zur Abstimmung für einen besonders bedauerlichen Abriss.
Zahlreiche Bürger
gaben ihre Stimme ab
Bis zum 11. Januar wurde nun fleißig geklickt, aber für das längst schon abgerissene Gebäude aus Neumarkt-St. Veit hat es nicht gereicht. 152 Stimmen fielen auf das Gebäude, das bereits im Frühjahr letzten Jahres dem Erdboden gleichgemacht wurde. Das bedeutet am Ende Platz sechs. Gewinner des „Schmähpreises“ wurde das historische Lechnerhaus in Prien, das mit 471 Stimmen das Prädikat „Abriss des Jahres 2025“ erhält. Es gewann vor dem traditionsreichen Gasthaus „Alter Wirt“ in Aising (406 Stimmen) und einem historischen Fachwerkhaus in Winkelhaid (318 Stimmen).
Fachwerkhaus stammte
aus dem 16. Jahrhundert
Die drei erstplatzierten Abrisse verdeutlichen nach Einschätzung des Bayerischen Landesvereins die breite Spanne verlorener historischer Bausubstanz: ein Wohnhaus aus dem späten 19. Jahrhundert, ein Gasthof aus dem frühen 19. Jahrhundert und ein fränkisches Fachwerkhaus im Kern von 1600. Insgesamt seien bei der Aktion mehr als 2300 Stimmen eingegangen – etwa 600 mehr als im Vorjahr. Die Zuschriften, so die Pressestelle des Landesvereins, würden von der hohen emotionalen Verbundenheit mit den verlorenen Gebäuden zeugen.
Zum Neumarkter Fischerhäusl gab es auch konkrete Stimmen. Es sei nicht nur ein Stück Regionalgeschichte, sondern ein Stück Religions- und Glaubensgeschichte ausgelöscht worden. „Wer weiß schon noch, welch vielfältiges Leben in und um Klöster früher anzutreffen war?“, fragte ein Einsender. Ein anderer meinte, das Fischerhäusl sei „einzigartig in Bayern“ gewesen, jedoch dem Verfall überlassen worden. „Seit Jahrzehnten klafften Löcher im Dach, die immer größer wurden. Die Behörden versagten, das Denkmal ist verschwunden – für immer.“ Dr. Olaf Heinrich, der Vorsitzende des Landesvereins, zieht ein zufriedenes Fazit nach der vierten Auflage der Abstimmung: „Wir benötigen jetzt dringend einen Umbau-Turbo. Und auf dem Weg dahin war die Aktion wieder ein großartiger Erfolg, weil durch die Rückmeldungen förmlich spürbar wurde, dass sich viele Menschen für Baukultur interessieren und sich um sie sorgen.“
Ein positiver Effekt der Aktion sei, dass im Zuge von ‚Abriss des Jahres‘ auch immer wieder Anfragen von Eigentümern eintreffen würden, die sich beim Landesverein Tipps holen würden, wie sie ihre ortsbildprägenden Gebäude retten und entwickeln können. „Dafür hat der Landesverein seit mehr als 120 Jahren Expertise, weil schon seine Gründer wussten, dass Denkmalpflege und Baukultur elementar sind für das Heimatempfinden.“
Aktion soll Finger
in die Wunde legen
Dr. Rudolf Neumaier, Geschäftsführer des Landesvereins, betont: „Wir wollen Bewusstsein für den Wert historischer Baukultur und städtebaulicher Identität schaffen. Der Verlust historischer Gebäude betrifft nicht nur die Ortsgeschichte, sondern auch soziale und ökologische Aspekte. Mit der Aktion legen wir einmal im Jahr den Finger in die Wunde.“
Die Beispiele aus Prien, Aising und Winkelhaid würden eine fatale Entwicklung aufzeigen: Historische Gebäude würden zunehmend der maximalen Grundstücksverwertung weichen. Selbst die Denkmaleigenschaft biete nicht immer Schutz, wie der Fall Winkelhaid besonders schmerzlich verdeutliche.
Bevorstehender
Abriss in Ramerberg
Auch in Ramerberg im Landkreis Rosenheim beobachtet der Landesverein derzeit mit Sorge einen bevorstehenden Abriss: Das Gasthaus Bichler soll offenbar durch sieben Doppelhäuser ersetzt werden, was bei den Bewohnern großes Bedauern auslöst. Ob der Gasthof auf der „Abriss des Jahres“-Liste 2026 stehen wird, bleibt abzuwarten.