Mühldorf/Simbach – Am Campus Mühldorf wird Psychologie zum Erfahrungsraum: Kunsttherapeutin Carolin Behr zeigt Studierenden bei der Arbeit mit Ton, Körperbildern und in Gruppenübungen, wie Selbstwahrnehmung, Halt und Handlungsfähigkeit wachsen können.
Eine Frau taucht ihre Hände in den feuchten Ton. Ein Holzkasten mit der mineralischen Masse steht auf dem Tisch vor ihr. Sie spürt, wie das Material ihre Finger, ihre Haut umschließt. Ihre Augen sind geschlossen. Sie kommt ins Fühlen, ihr Gehirn muss keine Aufgabe lösen, sich nicht überlegen, wie sie eine Figur aus dem Ton herausarbeiten kann.
Therapeutisches
Arbeiten mit Ton
Wie fühlt sich der Ton an? Weich und entgegenkommend oder eher kalt und abweisend? In achtsamen Pausen stellt Therapeutin Carolin Behr Fragen. Sie nimmt wahr, wie die Frau in die Masse greift. Zögerlich oder kraftvoll? Der Ton im Holzkasten steht für das Umfeld bzw. die Welt. „Schon beim ersten Berühren kann man sehen, wie die Person in Kontakt mit ihrem Umfeld geht“, erklärt Behr.
Die gebürtige Heidelbergerin hat in Kassel Bildhauerei und in München an der Akademie der bildenden Künste „Bildnerisches Gestalten und Therapie“ studiert. Heute lebt die Kunsttherapeutin in Simbach und ist Lehrbeauftragte am Campus in Mühldorf am Inn im Studiengang Angewandte Psychologie. Derzeit macht sie eine Weiterbildung im Bereich „Therapeutisches Arbeiten mit Ton“.
Halt finden
bei Arbeit mit Ton
Angesprochen werden dabei die Tiefensensibilität, das Gleichgewicht und der Hautsinn. „Diese drei Sinne entwickelt der Mensch schon im Mutterleib. Empfindungen und Gefühle, die schon vor der Sprachentwicklung stattfinden“, erklärt die 44-Jährige, die ihr Atelier in Simbach am Inn betreibt. Hier bietet sie auch regelmäßig offene Kreativtreffs an.
Manchen Menschen mangelt es an sehr frühen Erfahrungen, etwa an Hautkontakt. Sie kämpfen später mit den Folgen. Probleme bei der Stressbewältigung und bei Bindungen sowie physiologische und emotionale Instabilität können die Folge sein.
„Das ist, wie wenn eine Sprosse in der Leiter fehlt. Die Leiter kann man trotzdem hochklettern, aber man muss über diese Lücke klettern und das kostet viel Energie“, erklärt die Therapeutin. Die Tonarbeit könne das Defizit füllen, indem man den Hautkontakt nachholt.
„Ich berühre den Ton und werde berührt, erlebe Selbstwirksamkeit, erfahre, ich bin fähig, mich selbst zu unterstützen. Der Ton hält mich aus, ist mein Gegenüber, er geht nicht einfach weg.“ So beschreibt es Behr.
Gleichgewicht könne man finden, indem man die Hände im Ton bewege und dadurch das eigene Tun wahrnehme, seine Mitte ausmache. „Dadurch kann man die eigene Aufrichte finden, und wenn ich aufrecht sitze oder stehe, kann ich in die Handlungsfähigkeit kommen“, führt Behr aus.
Neben ihrem Lehrauftrag am Campus Mühldorf am Inn arbeitet sie in Braunau in der Akutpsychiatrie. „Mit der Kunsttherapie soll für die Patienten das Leben verstehbar und handhabbar werden. Es soll sinnhaft gemacht werden. Das nennt sich Kohärenz. Und hier leiht man sich bestimmte Werkzeuge aus der Kunst, um dorthin zu gelangen“, so Behr.
Das therapeutische Arbeiten mit Ton macht für Carolin Behr die Kunsttherapie komplett. „Dass ich in meinem Beruf Kunst und Menschen miteinander verbinden kann – ich könnte mir nichts Besseres vorstellen. Und wenn ich damit helfen kann, ist das erfüllend.“ Sie wolle das Thema psychische Erkrankungen enttabuisieren. Aufklärung sei so wichtig. „Jeden kann es treffen, egal welches Alter oder welchen Beruf man hat.“
Kreativ tätig werden
reduziert Stress
Häufig werde ihr Fachgebiet missverstanden. Der Begriff „Kunsttherapie“ sei irreführend. Viele machten in der Schule negative Erfahrungen, bekamen schlechte Noten, weil sie etwas „falsch“ malten. Die Gesellschaft sei leistungsorientiert. „Ich muss die, mit denen ich arbeite, immer überzeugen, es geht hier nicht ums Abliefern, nicht ums Ergebnis“, so die 44-Jährige.
Gerade in der Akutpsychiatrie, wo Menschen in krisenhaften Zuständen Halt suchen, könne Kunsttherapie ein Türöffner, ein erster kommunikativer Kontakt sein. Gefühle und traumatische Erlebnisse können ohne Worte gestalterisch thematisiert werden. Das könne zur Emotionsregulierung beitragen, ebenso dazu, Angstzustände in den Griff zu bekommen, erklärt Behr.
Kreativ tätig zu werden, reduziere Stress und fördere etwa das Selbstbewusstsein. Während für den einen das Malen stimmig ist, behagt dem anderen Töpfern oder beispielsweise Schnitzen auf Linol. „Manchmal geht es nur darum: Welche Farbe tut mir gut, welches Material ist gerade angenehm für mich?“ Carolin Behr forciert nichts, wühlt nicht auf, wenn sie mit Gruppen oder im Einzel-Setting arbeitet. Ressourcen stärken, stützen und schützen sei ihre Devise.
Ein Werkzeugkoffer mit
Fähigkeiten hilft
So biete sie etwa einer Person, die sich in einer manischen Phase befinde, kein großformatiges Papier an. „So jemandem gebe ich einen kleinen Rahmen und Struktur, damit er sich nicht in die Selbstüberforderung bringt. Wir üben in der Kunsttherapie das Leben, erspüren, was sind unsere Grenzen, was kann ich leisten, ohne mir selbst zu viel zuzumuten“, sagt die Simbacherin.
Ein Ziel sei es, den Klienten einen Werkzeugkoffer mit Fähigkeiten an die Hand zu geben, wie er sich beispielsweise selbst aus einer Angst-Situation herausholen und stabilisieren kann. Was dabei die Kunsttherapie leisten kann, bringt Carolin Behr den Mühldorfer Studierenden im entsprechenden Wahl-Modul im Studiengang „Angewandte Psychologie“ näher. Das Selbsterfahrungsseminar sei eine gute Ergänzung zu theoretischen Fächern. „Selbst wenn sie später nicht damit arbeiten, nehmen sie viel mit“, hofft Behr.
Die Studis probieren Vieles aus, wie etwa das „Progressive Therapeutische Spiegelbild“ nach Gaetano Benedetti. Dabei zeichnen der Patient und der Therapeut gleichzeitig auf getrennten Blättern ein spontanes Motiv und tauschen dann die Bilder. Dann wird ein Transparentpapier darübergelegt. Die Zeichnung des Gegenübers wird ergänzt und transformiert. Dann wird wieder getauscht. „So kann man einen therapeutischen Prozess anstoßen“, erklärt Behr. Auch ein lebensgroßes Körperbild hat jeder Teilnehmer des Blockseminars gestaltet. Ein gängiges Verfahren zur vertiefenden Körperwahrnehmung. Denn der Körper spielt eine wichtige Rolle: Er speichert Erfahrungen, traumatische Erlebnisse, reagiert mit Herzrasen, Schwitzen, Druck in der Brust.
Beim Körperbild, das zunächst eine Silhouette ist, werden die einzelnen Zonen ausgestaltet – mit Farben und Formen. Man spürt hinein in die eigenen Körperbereiche und lässt die Hände das Bild bearbeiten. Vieles passiert unbewusst.
Geschützter
Rahmen
„Dazu mache ich Übungen mit den Studierenden in der Gruppe. Sie fühlen hinein, ob es ihnen angenehm ist, wenn andere Teilnehmer nah bei oder hinter ihnen stehen“, sagt Behr. Beim Betrachten der Körperbilder fragt sie, wie die Einzelnen ihre Schöpfung nun wahrnehmen, ob das etwas in ihnen auslöst, welche Gedanken aufsteigen – auch bei den anderen.
Dabei können ungesunde Denkmuster genauso sichtbar gemacht werden, wie gesunde. „Zentral ist der geschützte Rahmen, keiner muss sich schämen, darf Vertrauen haben“, so Behr.
Kunsttherapie sei für jeden geeignet. „Man muss nicht in einer akuten Krise stecken. Es kann ein sanfter Weg zu sich selbst sein.“