Erharting – Schrill gleitet die Kreissäge über das Eis des Bräuweihers in Erharting, trennt einzelne Platten aus der dicken Eisschicht heraus und bläst ein Wasser-Eis-Gemisch in hohem Bogen über den Weiher. Beim sogenannten „Eisen“ lässt die Brauerei Erharting eine alte, einzigartige Tradition aufleben. Zuletzt war das vor fünf Jahren möglich, denn damit die Eisplatten überhaupt aus dem Weiher geschnitten werden können, muss der erst mal ordentlich zufrieren.
Die kalten Temperaturen spielen der Brauerei heuer in die Karten. „Wir freuen uns sehr, dass es dieses Jahr klappt“, berichtet Braumeisterin Julia Hinter.
Beim „Eisen“ ist das gesamte Team der Brauerei eingespannt, der Betrieb dort steht heute still. Die gefrorenen Platten braucht die Brauerei aber nicht, um ihr Bier zu kühlen, sondern um das alte Gemäuer im Bierkeller des Sommergartens zu erhalten.
15 Zentimeter
dicke Platten aus dem Eis
Mit einer Art Kreissäge fräst ein Mitarbeiter gut 15 Zentimeter dicke Platten aus dem Eis. Weitere Helfer ziehen diese mit Harken den Weiher entlang auf ein Förderband, über das die Platten auf einen Anhänger rumpeln. Dieser bringt sie rauf zum Sommerkeller, wo sie abgeladen und durch ein Gitter in das Gewölbe des Bierkellers geschlagen werden.
Wenn das Eis schmilzt, nimmt das Gemäuer die Feuchtigkeit sofort auf. So bleibt nicht nur das Bier kühl, sondern auch das Gemäuer intakt. „In den Jahren, in denen wir kein Eis haben, müssen wir das Gemäuer mit Rasensprengern feucht halten“, erklärt Julia Hinter. „Das entfällt heuer. Mit dem Eis herrscht außerdem eine viel angenehmere Kühle im Bierkeller.“ Bis ungefähr 1877 wurde laut der Braumeisterin das Fassbier in den Bierkellern mittels Eisplatten gekühlt. „Da weiß man heutzutage wieder den Kühl- und Gefrierschrank zu schätzen“, lacht sie. Beim Eisen schwelgen aber alle gerne in Nostalgie. Um den Erhartinger Weiher stehen viele Zuschauer und verfolgen das Spektakel, das es aufgrund der Wetterlage leider immer seltener zu sehen gibt. Die Ausbeute ist gut, da sind sich alle sicher.
Eis hält vielleicht
sogar bis Ende Juli
Unzählige Male fahren die Anhänger hin und her und transportieren die dicken Eisplatten zum Sommerkeller, bis das Gemäuer bis oben hin gefüllt ist. Angesichts der Dicke dürfte das Eis heuer vielleicht sogar bis Ende Juli halten, meint Wirtin Ingrid Schwab, die sich sehr am Eisen erfreut. „Für mich ist es wie Weihnachten, immer wieder schön“, schwärmt sie. „Ich liebe diese Tradition.“
Und auch ihren Gästen kommt die Tradition zugute, wenn sie sich im Sommer ihr Bier schmecken lassen – natürlich gekühlt, mit Eis aus dem Bräuweiher.