Bürger gegen Ausbau der Nitrochemie

von Redaktion

Die geplante Erweiterung der Firma Nitrochemie in Aschau sorgt für Unruhe. Während Bürger Sicherheitsbedenken und Umweltsorgen äußern, verteidigt die Gemeinde die Pläne und hat nun über den Bebauungsplan entschieden.

Aschau – Es ist ein Thema, das Aschau bewegt: die Erweiterung der Nitrochemie in Aschau-Werk. Die Gemeinde will das Unternehmen, das zu Rheinmetall gehört, in seinen Expansionsplänen unterstützen, manche Bürger plagen bei diesem Vorhaben jedoch Bedenken. Nicht überraschend war somit, dass gut 20 Bürger die Sondersitzung des Gemeinderats zu diesem Thema besucht hatten.

Bereits im Juli 2025 hatte das Gremium den Bebauungsplan und die dafür notwendige Änderung des Flächennutzungsplans aufgestellt, resümierte Bürgermeister Christian Weyrich (CSU). Ab dann konnten Bürger und Behörden Einwände einreichen. Die Nitrochemie plant, ihr Gelände im Süden zu erweitern. Ursprünglich war dort ein Lager in Form von 45 oberirdischen Bunkeranlagen geplant. Mittlerweile sieht der neue Entwurf nur noch 15 Bunker vor. Die Ausgleichsflächen können somit nun auch innerhalb des neuen Industriegebietes freigehalten werden.

Ausbau der Nitrochemie
„dringend notwendig“

Die Nitrochemie Aschau GmbH gehört zum deutschen Rüstungskonzern Rheinmetall und beschäftigt rund 700 Mitarbeiter. Aufgrund der geopolitischen Lage sei ein Ausbau dringend notwendig, erklärte Weyrich bereits im Sommer 2025. Dass das Vorhaben auf große Kritik aus der Bevölkerung stößt, zeigen die 21 Stellungnahmen aus den Reihen der Bürger. Rund zwei Stunden lang war Bürgermeister Weyrich damit beschäftigt, sie und jeden einzelnen Beschluss dazu vorzulesen. Die Einwendungen sind im August und Anfang September 2025 bei der Gemeinde eingegangen.

In den Stellungnahmen ist von „ernsthaften Bedenken“ zur Erweiterung die Rede. Die Bürger befürchten, dass durch die Umwidmung von landwirtschaftlicher Fläche in ein Industriegebiet „wertvolle Flächen“ verloren gehen und sich das negativ auf Mensch und Umwelt auswirkt, heißt es in mehreren Stellungnahmen. Um auch in Zukunft die Region mit Lebensmitteln aus Aschau versorgen zu können, sei der Erhalt von fruchtbaren Ackerböden notwendig, lautet es in einer anderen Stellungnahme. Im Beschluss des Gemeinderats heißt es dazu: „Die Gemeinde hat sich angesichts ihrer Planungsabsicht bewusst entschieden, dafür landwirtschaftlich genutzte Böden in Anspruch zu nehmen und der Nahrungsproduktion zu entziehen. Sie muss aber im Rahmen einer gerechten Abwägung widerstreitender Belange das Wohlergehen der Gemeinde und dadurch ihrer Bürger auf dem Fundament einer gesunden Wirtschaftsstruktur im Blick behalten. Dies erfordert zwangsläufig entsprechende Maßnahmen und damit einhergehende Veränderungen.“ Zudem lägen mittlerweile die Ergebnisse einer artenschutzrechtlichen Prüfung vor: „Durch das Planungsvorhaben werden keine artenschutzrechtlichen Verbotstatbestände ausgelöst.“ Ein anderer Bürger kritisiert die unzureichende Lärmprognose. Ein „Worst-Case-Szenario“ fehle. Denn es gebe keine Garantie dafür, dass es in Zukunft bei einer reinen Lagerstätte bleibe. Der geplante Schutzwall habe keinen erheblichen Einfluss auf die Lärmprognose.

Die Gemeinde entgegnete dazu, dass es sich beim Lärmgutachten bereits um ein „Worst-Case-Szenario“ handle und die dabei zu beachtenden Immissionswerte um zehn Dezibel unterschritten würden. Dass der Schutzwall keinen Einfluss auf die Lärmentwicklung hat, ist laut der Gemeinde richtig. Der Erdwall „dient allein der landschaftlichen Einbindung“, heißt es. „Dies bestärkt die Notwendigkeit einer umfassenderen Lärmschutzstrategie“, so die Gemeinde. Mehrere Bürger befürchten zudem, dass durch mehr Schwerlastverkehr die Qualität der Luft leide. Ein Bürger wirft der Gemeinde vor, die Auswirkungen „unzureichend“ zu bewerten. Dadurch werde die Gesundheit der Bürger mehr belastet, heißt es in einer anderen Stellungnahme dazu.

„Natürlich wird es gegenüber der Ist-Situation ein erhöhtes Verkehrsaufkommen geben, dies wird jedoch nur innerhalb des Planungsgebiets der Fall sein“, heißt es dazu von der Gemeinde. Die Ein- und Ausfahrt erfolge ausschließlich über das Werksgelände. „Emissionen wie zum Beispiel Stickoxide oder Feinstaub werden angesichts der umfangreichen Maßnahmen der Grünordnung, wie Dachbegrünung und durchgehender, geschlossener Gehölzgürtel weitestgehend am Ort ihrer Entstehung relevant sein und keine Beeinträchtigung außerhalb und in einiger Entfernung liegender Wohnbereiche erfolgen“, so die Gemeinde.

Risiko für Grundwasser
vermutet

Durch das Vorhaben könne zudem das Grundwasser gefährdet werden, schreiben einige Bürger. „Die geplante industrielle Nutzung birgt ein potenzielles Risiko für das Grundwasser, insbesondere durch wassergefährdende Stoffe“, heißt es in einer Stellungnahme. Überhaupt stelle die Nitrochemie ein Sicherheitsrisiko für die umliegende Gegend dar, etwa durch etwaige Störfälle, gibt ein weiterer Bürger zu bedenken.

Mittlerweile habe die Gemeinde die Ergebnisse eines Bodengutachtens erhalten. Dazu heißt es: „Der geotechnische Bericht zeigt auf, dass der Grundwasserflurabstand mindestens zehn Meter beträgt. Das Grundwasser liegt somit weit unter der für die geplante Erschließung erforderlichen Einwirktiefe.“ Zudem würden keine Stoffe oder Materialien eingelagert, von denen eine Grundwassergefährdung ausgehe. „Der geotechnische Bericht wird den Verfahrensunterlagen zur zweiten Offenlage als Anlage beigefügt“, heißt es.

Auch die Veränderung der Landschaft wird von der Bevölkerung kritisch gesehen. Manche Bürger sehen die Erweiterung des Industriegebiets als „Verschandelung“ und „Zersiedelung“ des Inntals: „Die Flächen prägen das Landschaftsbild in besonderem Maße und tragen wesentlich zur Offenhaltung und Identität des Landschaftsraums bei.“

Hierbei verweist die Gemeinde auf den geplanten Erdwall und die dichte Gehölzbepflanzung. Dadurch sei das Innere nicht einsehbar. „Bei einer Perspektive aus der Höhe fällt der Blick auf eine überwiegend begrünte Bunkeranlage“, heißt es im Beschluss.

Kritisiert wird auch von mehreren Seiten, dass die Gemeinde nicht ausreichend nach Alternativstandorten gesucht habe. Die Gemeinde meint dazu, dass keine Alternativstandorte gefunden worden seien und sich etwaige Entscheidungsträger nicht geeinigt hätten. Dadurch bestehe „angesichts notwendiger Standortkriterien keine Ausweichmöglichkeit“.

Manche Bürger forderten die Gemeinde in ihrer Stellungnahme dazu auf, das Vorhaben kritisch zu prüfen und die Interessen der Bevölkerung sowie den Schutz unserer natürlichen Ressourcen stärker in den Fokus zu rücken. Auch andere Bürger richten sich mit dem Appell an die Gemeinde, die Erweiterung von Nitrochemie gänzlich zu stoppen oder einen anderen Standort zu suchen.

Mehrheitlich
beschlossen

Im jeweiligen Beschlussvorschlag zu allen Einwendungen heißt es, dass sich die Gemeinde Aschau in enger Abstimmung mit dem Landratsamt Mühldorf und der Regierung von Oberbayern dazu entschieden hat, die gesamte Maßnahme in einen „Vorhabenbezogenen Bauleitplan“ zu überführen. Alle Beschlüsse zu den jeweiligen Einwendungen wurden vom Gemeinderat mehrheitlich beschlossen. Dagegen stimmten Karl-Heinz Jekler (Bündnis Aschau), Harald Rösler (Bündnis Aschau) und Gertraud Langbauer (Bündnis Aschau).

Der Aschauer Gemeinderat beschloss zudem, den vorliegenden Entwurf der „18. Änderung des Flächennutzungsplans“ zu billigen, das Bebauungsplanverfahren „Industriegebiet Aschau-Werk Süd“ als vorhabenbezogenen Bebauungsplan weiterzuführen und den aktuellen Entwurf mit 15 geplanten Bunkeranlagen zu genehmigen. Dagegen stimmten wieder Jekler, Rösler und Langbauer.

Bedürfnisse der
Landwirte berücksichtigen

Die Gegenstimmen begründete Jekler damit, dass sich das Bündnis Aschau zwar für eine Industrientwicklung ausspreche, jedoch in diesem Fall auch die Bedürfnisse der Landwirte berücksichtigt werden müssten. Bürgermeister Weyrich hielt dem entgegen, dass die Erweiterungspläne schon seit eineinhalb Jahren bekannt seien und sich das Bündnis Aschau seither bei der Suche nach einer Alternative hätte einbringen können.

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