Kraiburg – Knorrig, würdevoll und imposant steht sie da, die Kifinger-Linde hoch oben auf dem Keferberg. Der stolze Baum hat nach Berechnungen und Schätzungen fast 700 Jahre auf dem Buckel und ist längst als geschütztes Naturdenkmal ausgewiesen. Stimmen die Angaben, so geht die Linde ungefähr auf das Jahr 1400 zurück. Sie darf sich jedenfalls mit dem Titel „ältester Baum im Landkreis Mühldorf“ schmücken.
Im Winter recken sich ihre kahlen Äste und Zweige beinahe mystisch gen Himmel. Der Standort ist leicht abschüssig inmitten einer Naturlandschaft und teilweise von Eschen umgeben. Die Linde weist einen Stammumfang von 9,1 Metern auf und ist an die 16 Meter hoch gewachsen.
Sorge um den
hochbetagten Schatz
Stefan Zimmermann, Kreisfachberater für Gartenkultur und Landespflege am Landratsamt Mühldorf, schwärmt in den höchsten Tönen von „seinem“ hochbetagten Schatz und erklärt freudig: „Trotz ihres grandiosen Alters schlummert in der Linde ein fantastischer Lebenswille, was man nicht zuletzt an der Bildung ihrer Tochterlinde ablesen kann.“
Neben seiner Begeisterung macht sich Zimmermann aber auch Sorgen um die Kifinger-Linde, denn an ihr sind die Jahrhunderte keineswegs spurlos vorübergegangen. „Der Baum leidet unter dem holzzerstörenden Brandkrustenpilz“, bedauert der Fachberater, der bereits im Frühjahr 2022 einige Maßnahmen durchführen ließ, um den weiteren Bestand des Baumes zu gewährleisten. Die Linde erhielt eine Kronensicherung; dadurch soll sie die nächsten 200 Jahre möglichst überleben. Stefan Zimmermann atmet tief durch und erläutert ein weiteres Szenario: „Die benachbarten Eschen schützen die Linde von der Hangseite her vor Wind und Sturm. Allerdings sind auch diese Bäume von einem Pilz befallen, daher könnten sie ihre Standfestigkeit verlieren, und die Linde wäre nicht mehr so geschützt wie bisher.“
Für den Gartenbau-Ingenieur eine unschöne Vorstellung, der sich aber an dem Sprichwort festhält, welches den Lebenszyklus einer Linde beschreibt: Linden kommen 300 Jahre, bleiben 300 Jahre und gehen 300 Jahre. „Der älteste Baum unseres Landkreises soll bis zu 1.000 Jahre alt werden, das ist mein Ziel“, lässt der Kreisfachberater wissen.
Er kämpft deshalb seit Längerem dafür, dass die geschichtsträchtige Linde an beiden Seiten noch eine Stahlkonstruktion erhält. Für diesen chirurgischen Eingriff sei die Finanzierung jedoch noch weitgehend unklar. Zimmermann holte daher Kraiburgs Bürgermeisterin Petra Jackl und Martin Dorfner vom CSU-Arbeitskreis Umwelt mit ins Boot. Die Rathauschefin informierte sich bei Stefan Zimmermann genauestens über den Zustand des Baumes.
Dass die Linde ausgerechnet in Kraiburg steht, sei kein Wunder, meinte die Bürgermeisterin augenzwinkernd und behauptet: „Wir sind die schönste Gemeinde und beherbergen somit auch den interessantesten Baum.“ Um die Linde ranken sich in der Tat Geschichten und abenteuerliche Legenden. Von ausschweifenden Weinproben unter ihrem grünen Blätterdach ist die Rede, und hierbei soll dem einen oder anderen in froher Weinseligkeit sogar die Madonna im Geäst des Baumes erschienen sein.
Weniger spirituell ging es wohl zu, wenn eine Linde, wie im Mittelalter üblich, als Gerichtslinde diente. Der Kreisfachberater meint, auch unter der Kifinger-Linde könnte einst das Dorfgericht getagt haben, denn Gerichtslinden standen meistens auf Hügeln. Gewiss ist jedoch: Die heimische Tierwelt profitiert vom Kraiburger Naturdenkmal in hohem Maße. Der Baum empfiehlt sich als wichtige Bienenweide, als Nahrungsquelle für Vögel und nicht zuletzt als Unterschlupf für Insekten und Fledermäuse.
Auf dem Weg
zum Nationalerbe?
Weil Stefan Zimmermann von der Linde so fasziniert ist, schickte er sie vor Kurzem als „Nationalerbe-Baum“ ins Rennen. Unter diesem Titel versteht man eine Auszeichnung, mit der die Deutsche Dendrologische Gesellschaft außergewöhnliche Uralt-Bäume in Deutschland besonders schützen will, damit sie in Würde altern können. „Bei positivem Bescheid wäre das quasi die Champions-League für unsere jahrhundertealte Zeitzeugin“, verkündet der Kreisfachberater, dem bei diesem Gedanken eine gewisse Euphorie durchaus anzumerken ist.