Wie vom Erdboden verschluckt

von Redaktion

Kater Mautzer steckt in Niedertaufkirchen in einem Kanalrohr fest, aber es gibt ein Happy End

Niedertaufkirchen/Hundham – Kater Mautzer stakst etwas steif und breitbeinig sowie mit geröteten Äuglein durch sein Zuhause in Hundham. Noch vor wenigen Tagen war er Auslöser einer dramatischen Rettungsaktion bei Eiseskälte.

Mit einem eigentlich harmlosen Ausflug durchs Dorf hatte er seinen Menschen einen gehörigen Schrecken eingejagt. Denn statt nach kurzer Zeit wieder wohlbehalten heimzukommen in die warme Stube, blieb der zwölfjährige Kater spurlos verschwunden. Normalerweise ist der Kater in der winterlichen Kälte nicht lange draußen. „Wir haben zwei Tage lang überall nach ihm gesucht“, berichtet sein Frauchen Niki Martner noch immer mit Aufregung in der Stimme, wenn sie an die schlimmen Momente zurückdenkt.

Die Hoffnung
schon aufgegeben

Ganz Hundham hatte die Familie abgesucht, Freunde haben auch im benachbarten Niedertaufkirchen gefragt, ob jemand die schwarz-weiße Fellnase gesehen hat. Nichts! Mautzer war wie vom Erdboden verschluckt. „Wir hatten uns schon damit abgefunden, dass er wohl nie mehr zu uns zurückkommen wird“, erinnert sich Niki. Das Haus der Familie grenzt direkt an eine Durchfahrtsstraße. Die traurige Möglichkeit, dass der Kater unter die Räder eines Autos gekommen war, lag nahe.

Die Trauer seiner Besitzer war groß. Bis am Samstag, 24. Januar, Niki und ihr Mann Stephan Martner bei Nachbarn eingeladen waren. „Es war schon stockdunkel, als wir zu ihnen rübergegangen sind und uns auf dem Weg dorthin unterhalten haben“, erzählt Niki. „Da war ein leises Mauzen zu hören!“ Hatte Mautzer ihre Stimme gehört? Der Kater musste in der Nähe sein. Vollkommen elektrisiert von dieser Wahrnehmung, hat sie mehrfach nach ihm gerufen. Und tatsächlich: Er antwortete jedes Mal.

Aber sein Miauen klang weiter entfernt und dumpf. Als wäre er irgendwo eingeschlossen. Niki und ihr Mann folgten den jämmerlichen Katzenlauten und standen schließlich am Regenfallrohr eines Stallgebäudes. Dort war das Mauzen am deutlichsten zu hören. Dem Ehepaar wurde klar: Ihr vermisstes Haustier musste in einem Rohr unter der Erde feststecken.

Aufgeregt alarmierten sie ihre Nachbarn. Diese baten einen Arbeitskollegen um Hilfe, der einen kleinen Bagger besitzt und sich sofort auf einen rund 45-minütigen Weg zum Fundort machte. Mit Spitzhacken bewaffnet gingen Mautzers Herrchen und zwei befreundete Männer ans Werk, um das Tierchen zu befreien. „Aber der Kiesboden war tiefgefroren“, denkt Niki mit Schaudern zurück. „Dabei musste mindestens 40 Zentimeter gegraben werden, um an das Abwasserrohr zu kommen, in dem wir Mautzer vermuteten.“

Auch der Bagger konnte mit seiner Schaufel in dem eisigen Boden nicht viel ausrichten. Deshalb wurde auch noch der Sohn des Baggerfahrers dazugerufen, der wenig später mit zwei Presslufthämmern zu dem Rettungstrupp stieß. Mit dem großen Presslufthammer hat er sich von der Stallecke in Richtung Hauptrohr vorgearbeitet. Wenn der sich im Boden verhakte, musste er mit dem kleineren Hammer wieder befreit werden. Diese Arbeit musste immer wieder unterbrochen werden. Denn es bestand auch die Gefahr, dass sich Mautzer bei dem Höllenlärm der schweren Geräte noch weiter entfernen könnte. Alle mussten mucksmäuschenstill innehalten, damit Niki Martner ihn rufen und er antworten konnte. Danach ging der Radau wieder los. Eine der Nachbarinnen schaffte für die Helfer heißen Tee und Kaffee, Mützen und Handschuhe herbei. Autoscheinwerfer sorgten für die nötige Beleuchtung.

Am Betonrohr im Boden angekommen, wurde es halbmeterweise aufgehauen. Mit dem Handy fotografierte Stephan Martner in das Rohr hinein und konnte auf dem unscharfen Foto eher schemenhaft seinen zusammengekauerten Kater entdecken. Drei, vier Meter mussten unter größter Anstrengung mit vielen Ruf- und Miau-Unterbrechungen geschafft werden.

Nach über drei Stunden Hochspannung und schweißtreibender Schwerstarbeit bei minus zehn Grad war der Kater endlich erreicht, sein Kopf kam zum Vorschein. Sein Herrchen, knietief im Boden stehend, packte zu und konnte den zerzausten und nassen Mautzer aus seinem dunklen Gefängnis ziehen.

Dass das Tier zur Winterzeit so rund und wohlgenährt ist, war Unglück und Glück zugleich. „Er ist durch eine größere Abflussöffnung in das Rohr hineingeschlüpft und dann dort stecken geblieben, wo es in ein viel dünneres Rohr übergegangen ist“, erklärt Niki Martner das Missgeschick. „In diesen 12,5 Zentimetern Durchmesser ist unser moppeliger Kater stecken geblieben, konnte nicht mehr vor und nicht mehr zurück. Nur deshalb konnten wir ihn da wieder rausholen.“

Sein großes Abenteuer hat Mautzer leidlich gut überstanden. Niki hat ihn sofort nach seiner Befreiung nach Hause getragen. Da er nach der tagelangen Enge kaum stehen und laufen konnte und weder fressen noch trinken wollte, hat sie ihn, schmutzig wie er war, in seine Lieblingsdecke gewickelt und aufs Sofa gelegt. Drei Tage lang hat er fast ohne Unterbrechung durchgeschlafen.

Nur zum Tierarzt musste der Kater. Denn nach 48 Stunden in dem stockdunklen Rohr hatte er eine Bindehautentzündung, musste mit Augentropfen behandelt werden.

Die Retter – die Martners, zwei benachbarte Ehepaare mit zwei Söhnen und der Baggerfahrer samt Frau und Sohn – feierten bei einer gemeinsamen Brotzeit das Happy End der dramatischen Aktion. Die Familie konnte sich gar nicht genug für diesen Einsatz bedanken.

Kater wird mit
Tracker ausgestattet

Der Eingang zu dem Abflussrohr ist mittlerweile mit einem Gitter verschlossen. Damit weder Mautzer noch ein anderes Tier noch einmal im Boden unter Hundham verschwinden kann. Unbemerkt wird der Kater in Zukunft wohl nicht mehr verschwinden können, er bekommt von seinem Frauchen bald einen Tracker um den Hals. Niki Martner lacht: „Dann wird er auf allen seinen Wegen überwacht!“

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