Mühldorf – Wolfgang Baierlein (65) ist ein echtes Urgestein der Mühldorfer Kappenabende und vor allem für sein legendäres Zwiegespräch als „Münchner Tor“ – zusammen mit Thomas Enzinger als „Altöttinger Tor“ – bekannt.
Im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen erzählt er aus seiner 35-jährigen Kabarett-Geschichte, über seine markanten Rollen und die Entwicklung des Stadtsaal-Spektakels.
Herr Baierlein, 35 Jahre Kappenabend – erinnern Sie sich noch an Ihren allerersten Auftritt?
Mein erster Auftritt war der als Golfer im Jahr 1991. Meine Nervosität hielt sich damals in Grenzen. Es war ein schönes Gefühl, auf der Bühne zu stehen, weil der Auftritt richtig gut ankam. Besonderheit war, dass ich ungewollt einen Plastikball ins Publikum geschossen, und dabei eine Bedienung getroffen habe. Ihr volles Weißbierglas hat sie deshalb über einen Gast vollständig ausgeleert.
Wie hat sich der Kappenabend von seinen Anfängen bis zum heutigen Format verändert?
Früher waren es vermehrt Einzelnummern, die Kappenabende hatten ihren Ursprung bei den närrischen Sitzungen, wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Jetzt sind es kurze Stücke und die neun Akteure sind auf der Bühne ständig in verschiedensten Rollen im Einsatz. Die vielen Dialoge sind viel schwieriger zu lernen, da man auch die Texte der Sketchpartner kennen sollte, um keinen Einsatz zu verpassen. Beim Kappenabend wird immer noch das „Derblecken“ großgeschrieben, aber viele Nummern sind dem Kabarett, Comedy oder Singspiel zuzuordnen.
Was treibt einen nach über dreieinhalb Jahrzehnten immer noch an, sich jedes Mal aufs Neue der harten Probenphase ab November zu stellen?
Es gibt doch nichts Schöneres, als die Menschen zum Lachen zu bringen und das mit einer Gruppe von tollen Mitspielern, die dafür brennen.
Sie und Thomas Enzinger sind als Münchner und Altöttinger Tore eine Institution. Wie viel von Ihren Dialogen ist akribisch geplant und wie viel entsteht durch spontane Sticheleien auf der Bühne?
Es gibt Sketche wie die Türme, da werden viele Fakten verarbeitet, die am Ende des Dialoges zu einer Pointe führen sollen. Da ist die akribische Vorbereitung unumgänglich und Improvisation gefährlich. Wir haben aber Stücke aus dem Alltag, da bleibt immer Raum für genügend Improvisation, und gerade die Enzinger-Brüder und Adi Hager sind hier wahre Meister.
Man sagt, Sie träfen nicht immer jeden Ton, aber Ihr Tanzeinsatz sei legendär. Welches war Ihr persönlich „gewagtestes“ Kostüm oder Ihre schwierigste Choreografie?
Mein gewagtestes Kostüm war eine Art Schwimmanzug, es war eine Einzelnummer, für mich die schlimmste Nummer, weil damals an vier Kappenabenden hintereinander keiner gelacht hat. Ich habe durch diesen Misserfolg gelernt, an den Nummern akribisch zu feilen und auch welche aus dem Programm zu nehmen, wenn sie nicht funktionieren. Ich wäre gesangsmäßig nicht so schlecht, wenn die Kappenabendband meine spezielle Tonlage besser treffen würde, und ich bin ein begnadeter Tänzer. Wen es interessiert, der sollte sich noch schnell Karten besorgen für den Kappenabend.
Der Kappenabend lebt davon, die lokale Prominenz aufs Korn zu nehmen. Hat es in all den Jahren mal eine Reaktion gegeben, die Sie besonders überrascht hat – positiv wie negativ?
Es gab Politiker, die waren enttäuscht, weil sie nicht drangekommen sind. Einmal gab es Kritik, weil wir eine Nachbarstadt aufs Korn genommen haben, das war offenbar zu hart. Aber mit dieser Kritik müssen wir leben. Wenn wir alles und jeden in Watte packen, wird’s nicht lustig. Wir bewegen uns aber stets oberhalb der Gürtellinie, das ist unsere Maxime.
Haben Sie nach 35 Jahren eigentlich noch weiche Knie, bevor der Vorhang aufgeht, oder überwiegt mittlerweile die reine Routine?
Es klingt vielleicht überheblich, aber ich bin auf der Bühne nicht aufgeregt. Eher die Nächte vorher, wenn unsere Proben erfahrungsgemäß nicht so laufen, wie ich es mir vorstelle. Aber bisher hat es immer geklappt, kein Wunder bei dieser Mannschaft.
Die „Kappenabend-Truppe“ brütet oft schon weit im Voraus über neuen Themen. Wie hart wird hinter den Kulissen diskutiert, bis ein Sketch wirklich sitzt? Was inspiriert Sie?
Wir haben so ein tolles Team und jeder gibt immer alles. Um einige Texte wird in der Gruppe gerungen, einige Texte sind von Anfang an so gut, dass man nicht diskutieren muss. Einige werden bei den Proben weiterentwickelt. Andere werden auch gestrichen, das kann für den Autor hart sein.
Ob die Nummer dann wirklich funktioniert, entscheidet das Publikum, und da sind wir manchmal selbst überrascht. Natürlich inspirieren mich unsere Politiker, aber auch der Alltag, die Menschen, Lieder. Wer mit offenen Augen und Ohren durch die Welt geht, bekommt fast jeden Tag eine Idee für einen Sketch.
Mit Simone Grischke und Hannes Garbe sind mittlerweile junge Gesichter dabei. Welchen Rat geben Sie den „Jungen Wilden“ mit auf den Weg?
Ja, die beiden sind für uns ein Glücksgriff. Simone ist eine tolle Schauspielerin und Sängerin, sie füllt jede Rolle von der ersten Sekunde an mit Leben. Hannes ist ein Autor mit einem unschlagbaren Wortwitz. Dazu trifft er den Nerv der jungen Kappenabendbesucher. Mein Tipp an die Jungen: Freude am Spiel, Ausdauer, den Biss nicht verlieren und niemanden verletzen.
Wenn Sie sich für die nächsten 35 Jahre Kappenabende etwas wünschen dürften – was wäre das?
Ich wünsche mir natürlich, dass es die nächsten 35 Jahre weitergeht. Die Tradition darf nicht sterben.
Der Kappenabend 2026 trägt den Titel „Habedieehre“. Klingt nach Abschied. Was steckt dahinter?
Mit „Habedieehre“ wollen wir natürlich viele Besucher beim Kappenabend 2026 begrüßen. Es ist aber auch ein erstaunter Ausruf, den uns der eine oder andere Politiker entlockt hat. Und es bedeutet Verabschiedung von Personen, Firmen und Institutionen in Mühldorf und auch von mir als Kappenabendler nach 35 Jahren von der Bühne. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.
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Restkarten für die Kappenabend-Aufführungen am 26., 27. und 28. Februar im Mühldorfer Stadtsaal gibt es im Kulturbüro der Stadt. Beginn ist um 20 Uhr (Einlass um 19 Uhr).
Christa Latta