Waldkraiburg/Kraiburg – Es klingelt das Telefon, eine unbekannte Nummer: Am anderen Ende ist eine weinerliche, teils panische Stimme zu hören: „Mama, ich habe einen Unfall gebaut, bitte hilf mir!“ Kurz darauf meldet sich eine ernste Stimme: „Hier spricht die Polizei.“
Nur zwei Sätze – und schon lösen sie beim Angerufenen innerlich Panik aus. Genau darauf zielen die Täter ab. Denn am Ende der Leitung ist weder die Tochter noch der Sohn noch ein Enkel und schon gar nicht die Polizei oder Staatsanwaltschaft. Es sind Betrüger, die gezielt Geld und Wertgegenstände ergaunern wollen.
In den vergangenen Tagen registrierte das Polizeipräsidium Oberbayern-Süd erneut zahlreiche solcher Fälle, bei denen Menschen in Panik Bargeld und Wertgegenstände übergaben – insgesamt im Wert von mehr als 200.000 Euro.
Zwei Fälle in
Kraiburg und Übersee
Am 19. Februar kam es in Kraiburg und Übersee (Landkreis Traunstein) zu zwei Fällen, bei denen zwei älteren Frauen vorgespielt wurde, dass nahe Angehörige einen Unfall verursacht hätten und nun Geld für eine Kaution benötigten. Beide Frauen übergaben Bargeld in fünf- bis sechsstelliger Höhe.
In einem dritten Fall gab sich ein Täter als Bundespolizist aus und behauptete, dass es in der Nachbarschaft Einbrüche gegeben habe. Zum Schutz sollten Bargeld und Wertgegenstände angeblich durch die Polizei in Verwahrung genommen werden. Ein 61-jähriger Mann aus einer kleinen Gemeinde im westlichen Landkreis Weilheim-Schongau übergab Silber- und Goldmünzen im Wert eines hohen fünfstelligen Betrags.
In allen Fällen erfuhr die Polizei erst im Nachhinein von den Taten, die Kriminalpolizei mit Zentralaufgaben des Polizeipräsidiums übernahm die weiteren Ermittlungen. Die Masche der Betrüger ist immer ähnlich: Sie nutzen Angst, Weinen und die Sorge der Angehörigen, um ihre Opfer zu schnellen, unüberlegten Entscheidungen zu drängen. „Damit wird sofort das emotionale Zentrum angeregt, die Opfer können oft nicht mehr klar denken und fallen auf den Betrug herein“, erklärt Lisa Maier, Pressesprecherin am Polizeipräsidium Oberbayern Süd. Ob es sich dabei um eine KI-generierte Stimme handelt, ist im Nachhinein schwer zu sagen, spielt aber kaum eine Rolle. „Ob die Stimme echt ist, können sie nicht sagen, weil sie ja nicht begreifen, dass es sich um Betrug handelt.“
Täter bauen im
Gespräch Druck auf
Kurz darauf übernimmt ohnehin ein weiterer Betrüger die Rolle als Polizist oder Staatsanwalt. „Die Täter spinnen das Gespräch geschickt weiter und bauen Druck auf“, sagt Lisa Maier. Solche Gespräche könnten sich über Stunden ziehen. Dass etwas nicht stimmt, merken die Opfer meist erst dann, nachdem sie Geld oder Wertgegenstände übergeben haben. Dann ist es aber zu spät.
Wie kann man sich am besten schützen? „Am besten gleich auflegen und die Verwandten anrufen. Sollten die nicht erreichbar sein, bei der Polizei melden.“ Dabei sei es entscheidend, den Telefonhörer tatsächlich aufzulegen, denn die Betrüger sind oft darauf vorbereitet und versuchen dann, den Anruf über den angeblichen Notruf 110 fortzusetzen.
Polizei holt niemals
Wertgegenstände ab
Weder Polizei noch andere Ermittlungsbehörden würden am Telefon jemals die Übergabe von Geld oder Wertgegenständen verlangen. „Sollte etwas passiert sein, geht die Polizei am Telefon wenig ins Detail, sondern bittet darum, dass man zur Dienststelle kommt“, erklärt Maier das Vorgehen. Es gehe dann um eine Person, nicht aber um Geld für eine Kaution.
Wertgegenstände oder Bargeld würde die Polizei niemals abholen. Wer zur Übergabe davon aufgefordert wird, sollte sofort auflegen und den Polizeinotruf 110 kontaktieren. Zudem sei es sinnvoll, die Thematik „Enkeltrick“ und Schockanrufe im Verwandten- und Bekanntenkreis anzusprechen und Angehörige dafür zu sensibilisieren.