Österliche Bräuche zwischen Inn, Isen und Rott

von Redaktion

Geschichten und Brauchtum haben sich über viele Jahrzehnte aufgebaut und werden Jahr für Jahr wieder gelebt

Mühldorf – Um Ostern haben sich über viele Jahre Geschichten und Brauchtum aufgebaut und wurden Jahr für Jahr wieder gelebt. Vielen werden die Begriffe aus der Landwirtschaft um Ostern fremd geworden sein. Diese Traditionen sind und bleiben aber immer in der Geschichte unseres Volkes.

Die OVB-Heimatzeitungen lassen einige alte Osterbräuche zwischen Inn, Isen und Rott wieder aufleben. Viele Überlieferungen verdanken wir dem Heimatforscher Lorenz Strobl und dem Lehrer und Heimatforscher Willi Merklein, die den Grundstock der Osterbräuche in der Region erhalten haben.

Palmbuschen und
Palmprozession

Der Palmsonntag eröffnet die Karwoche. Schon um das Jahr 390 wurde von den ersten Palmprozessionen, die an den Einzug von Jesu in Jerusalem erinnern, berichtet. In ganz Bayern war der Brauch verbreitet, aus Weidenkätzchen, die als Ersatz für die Palmwedel des Heiligen Landes heute noch am Palmsonntag zur Kirche gebracht werden, große, mit Bändern, buntem Papier, ja sogar mit Obst und bildlichen Darstellungen geschmückte sogenannte Palmbuschen oder Palmbäume herzustellen. Um diese Palmbuschen rankt sich im Inn-Isen-Gebiet ein ganzer Kranz religiöser Bräuche.

Im Kreis Mühldorf dient der Palmbuschen der Abwehr von Feuer und Gewitter. Nur am Palmsonntag hergestellt, besteht der Palmbuschen aus Weidenkätzchenzweigen. Als Stange dient ein grüner Weidenstecken, auf den der Buschen gebunden wird. Der Buschen wird in den Herrgottswinkel gesteckt.

Am Karsamstag wurde der Stock zur Feuerweihe in die Kirche gebracht. Nach der Weihe wurde er in kleine Stücke geschnitten und oben mit einer Kerbe versehen, ein Palmzweigl wurde eingesteckt, am Ostermontag mit Schalen der geweihten Eier in die Flurgrenzen gesteckt. Die angebrannten Teile wurden im Haus und Stall untergebracht. Sie schützten vor Brandfall. Im Freien sollten sie vor Blitz und Hagel schützen.

Ein Vers, den der Lehrer und Volkskundler Lorenz Strobl gefunden hat, macht deutlich, welchen Stellenwert die Palmkatzerl zwischen Inn, Isen und Rott gehabt haben: „Wennst a Palmkatzerl nimmst und steckst es aufs Haus, so kimmt dir koa Lebtag koa Feuer net aus. Mei Ahnl hats gsagt und i glaab, des is wahr, wo a Palmkatzerl steckt, is des Brinna glei gar.“

Brauchtum in der
Region um den Palmesel

Jesus ist mit dem Palmesel in Jerusalem eingeritten. Die älteste uns erhalten gebliebene Darstellung Christi auf dem Palmesel stammt aus der Landshuter Gegend. Lorenz Strobl berichtet, dass vor 1800 die Ministrierbuben noch mit dem Palmesel, der auf hölzernen Rädern stand und auf dem eine Heiligenfigur saß, durch die Dorfgasserl gezogen wurden. Mit Palmliedern trugen sie den Palmsegen in Hütten, Häuser und Höfe. Dafür bekamen sie Eier, Butterschmalz, Würste, Brot, Flachs und auch Silberkreuzerl. Die Mütter, so Lorenz Strobl, setzten dazumal ihre kleinen Kinder auf den Esel, um sie gegen Krankheiten gefeit zu machen. Mit Ausgang des 18. Jahrhunderts wurde das Herumführen des Palmesels im ganzen Kurfürstentum Bayern verboten, da diese Umzüge immer mehr ausarteten.

Die Marterwoche startet
mit dem Gründonnerstag

Mit dem Gründonnerstag nimmt die Marterwoche ihren Anfang. Warum der Gründonnerstag Gründonnerstag heißt, ist bei den Volkskundlern umstritten. Eine Fraktion verbindet diesen Tag mit greinen. Dies bedeutet weinen. Die andere Fraktion ist der Auffassung, dass der Name Gründonnerstag mit der grünen Farbe in Verbindung gebracht wird.

Das liegt darin begründet, dass früher an diesem Tag die Kirchen mit grünen Zweigen geschmückt wurden, zur Feier der Aufnahme derer in die Kirchengemeinschaft, die kirchliche Strafen abgebüßt hatten. Daher jedenfalls rührt der in Altbayern üblich gewesene Ausdruck „Antlasspfinsta“ für den Gründonnerstag, den Tag an dem „Antlass“, das ist Ablass der Sünden, gewährt wurde.

Lorenz Strobl berichtet weiter, dass im Landkreis Mühldorf für den Gründonnerstag auch der Begriff „Oarpfinsta“ verwendet wurde. Er berichtet, dass diese heilkräftigen Eier, die für Gesundheit und Lebenskraft standen, von den Bäuerinnen verstohlen unter dem Nussbaum gegen das „Verschrecken“ (Erschrecken) und gegen den Unfrieden gelegt wurden.

Die Antlasseier fasste die Bäuerin einst mit dem Tuch an, um ihnen mit der bloßen Hand nichts von ihrer Weihe zu nehmen. In der Ampfinger Gegend wurde am Karsamstag ein großes Kreuz mit einem „Speisepfinsta-Ei“ mitten in das Weizenfeld gesteckt, damit Mäuseplage und Hagelschlag keinen Schaden anrichten.

In vielen Familien war es Brauch, an diesem Tag viel Grünzeug zu essen, vor allem die alters her bekannte Kräutlsuppe wurde der Familie serviert: Diese Suppe musste mit neun Kräutern zubereitet sein. Dazu gehörten Brennnessel, Brunnenkresse, Erdbeerblätter, Gänseblümchen, Gundermann, Kuhblume, Rapunzel, Sauerampfer und Scharfgarbe. Wer zu Mittag Spinat oder Feldsalat isst, dem soll im laufenden Jahr das Geld nicht ausgehen.

Die Füße werden
gewaschen

Ein alter Brauch zwischen Inn, Isen und Rott ist in vielen Pfarreien die Fußwaschung. Zwölf ausgewählte Männer aus der Pfarrei werden, wie Jesus bei seinen Aposteln, die Füße gewaschen. Heimatpfleger Kainzmaier notierte im letzten Jahrhundert: „Zu Hause auf dem elterlichen Hof (Bichler im Oberwald bei Maisenberg) gab es am Gründonnerstag die Zeremonie einer häuslichen Fußwaschung. Aus einem größeren Schaff wusch sich jeder der zum Hof Gehörigen in der Erinnerung an den Dienst Jesu Christi die Füße.“

In den katholischen Gemeinden zwischen Inn, Isen und Rott wurde der Karfreitag (Kar-Kummer) durch Stille, Gebet und Fasten geehrt. „Der Karfreitag ist still wie das Grab“, hieß es früher. So still sind die Leute aufgetreten. Lorenz Strobl hat festgehalten: „Wer an Karfreitag sich des Wassertrinkens enthält, wird auch im Sommer nie durstig werden. Man darf keinem Getier, und seien es nur Mücken oder Fliegen, ein Leid antun, sonst kommen zur Erntezeit die Bremsen als große Plage. Die Gräten der Fischspeise versteckt man im Getreidestock, dann wandern alle Mäuse aus der Scheune. Am Karfreitag darf zur Abendstund kein Licht und Feuer mehr im Hof gemacht werden. Die Bauernleut und Ehehalten gehen ohne Leuchten in ihre Schlafkammern.“

Die Erbsen- oder Kartoffelsuppe, die es an diesem großen Fasttag gab, musste ohne Fett gekocht sein.

Am Karfreitag sollte keine Milch getrunken werden, weil Christus mit Essig und Galle getränkt worden war. Gebacken sollte am Karfreitag auch nicht werden, da sonst im Umkreis das Jahr hindurch kein Regen fällt.

Es war in der Region Brauch, am Nachmittag des Karfreitags dunkel gekleidet zum „Herrgottbussn“ in die Kirche zu gehen. Beim Kreuzkuss wurden mit den Fingern der rechten Hand die fünf Wundmale Christi berührt. Geküsst wurde auf Stirn, Mund, Herz und heilige Wundmale. Schon kleine Kinder wurden an der Hand der Mutter zum Heilandsbild geführt.

In der Gemeinde Mettenheim hat sich lange der Brauch der Karfreitagsratschn erhalten. Am Karfreitag gingen sechs bis acht Ministranten mit vier Kastenratschn und vier Handratschn von Haus zu Haus, weil die Kirchenglocken nach Rom geflogen sind und erst am Ostersonntag wieder zurückkommen.

Die Feuer- oder
Scheitlweich

Die Scheitlweich wird der jungen Generation nicht mehr viel sagen. Die Feuer- und Scheitlweich sind aus dem Sprachgebrauch verschwunden.

Am Karsamstag drängten sich in der Region zwischen Inn, Isen und Rott die Buben mit Holzscheitln an Ketten die Dirndl mit den Laternen zu Scheitl- oder Lichterweih und trugen den „heiligen Brand“ nach Hause, mit dem das Herdfeuer angefacht wird. Aus Taufkirchen und Ampfing ist überliefert: „In der guten, alten Zeit hat man die geweihte Feuersglut das ganze Jahr und damit das tägliche Herdfeuer angezündet.“

In der Ampfinger Chronik ist überliefert: „Am Karsamstag wurde das Ewige Licht neu entzündet. Der Mesner entfachte im Friedhof ein offenes Feuer. Das Holz dafür, die Scheitl, brachten die Buben mit. Der Stock vom Palmbaum wurde zur mitgebracht und ein Haselnussstecken auch. Dieser galt wie der Baumschwamm als blitzsicher. In der Laterne oder mit einer Kerze brachte man das Feuer nach Hause.

Nach dem Mittagsläuten am Karsamstag begann im Haus und Hof das letzte Stöbern. De Hausmadl putzten und fegten die Stuben und Knechte hatten die Ställe zu misten und zu schruppen. Auf Ostern musste jeder Hof blitzblank sein, wie der Himmel nach einem Wetterregen. In der Kuchl siedeten im Hafen die Eier, die dann gefärbt und mit allerhand Sprüchen bekritzelt wurden. Brauch war es damals auch, dass sich die Dirndl nach der Arbeit am Dorfbrunnen zum Waschen ihrer Gesichter trafen. Damit sollten die „Sommermirl“ (Sommersprossen) vertrieben werden.

Der Ostersonntag

Alter Volksglauben und viel Wundersames rankt sich seit alters her im Inn-Isen-Rott-Gebiet um den Ostersonntag. Noch 1973 war um 3.30 Uhr Beginn der Osternachtsfeier mit Feuerweihe auf dem Kraiburger Marktplatz. Einzug mit der Osterkerze, Gesang des Exsultet, Taufwasserweihe und festliches Auferstehungsamt mit Gedenken aller verstorbenen Wohltäter der Marktgemeinde, anschließend Speisenweihe.

Am Ostersonntagmorgen musste die erste Dirn das ganze Haus kehren und den Unrat verstohlen und unbeobachtet in den Wurzgarten des Nachbarn werfen, weil dadurch alle Läuse und Flöhe aus dem Haus vertrieben werden und zum Nachbarn ziehen.

Vor dem Frühgebetläuten ging der erste Knecht im Auftrag der Bäuerin mit einem schlohweißen Ei im Mund durch alle Stallungen, Scheunen, Remisen, Böden, Kammern und Winkel, ohne zu sprechen, ohne gesehen zu werden, eine Handlung, damit die Hühner das Jahr über nicht verlegen, sondern bei ihren Nestern bleiben. Zum gleichen Zwecke bekam das Geflügel auch noch geweihten Weizen zu fressen.

Der Bauer war unterdessen auf den Äckern draußen, schnitt von drei fremden Kornfeldern je ein Büschel grüne Saat und gab dieselbe den nüchternen Pferden in die Raufe, damit sie nicht die Kehlsucht (Halskrankheit) bekämen.

Am Ostersonntag schnitt man auch eine Gerte vom Hollunderbaum und ging damit vor dem Frühgebetläuten, ohne zu sprechen, in weitem Bogen oder im Kreis um den Hof und zog die Gerte hintennach. Durch den Bannkreis konnte kein Fuchs mehr durch, wenn die Gerte gleich hinterher verbrannt wurde.

Die Eierspeise –
Das „Gweichte“

Das Osterei bezieht Sinn und Bedeutung aus der Natur des Eies. Zu den natürlichen Grundlagen kommt noch, dass es in gewissem Sinne eine Erstspeise im neuen Jahr ist, und dass die Eierabgabe als erste Zinsabgabe im Frühjahr fällig werden konnte. Die Tatsache, dass Eier als termingebundene Zinsgaben und Geschenke zugleich mit einem zum Termin passenden Bildsinn verknüpft werden konnten, machte sie zur wichtigsten Weihspeise und damit auch zum wichtigsten Sakramentale der Osterspeisen.

Geweihte Speisen zu essen bringt Segen und Gesundheit. Im Landkreis Mühldorf sieht man heute wieder viele Bäuerinnen, Hausfrauen und Deandl mit Weihekörben zur Kirche eilen. In der Egglkofener Gegend bestand das „Geweichte“ ehedem aus Äpfeln, Salz, Eiern und Geräuchertem, während im Oberneukirchner Gebiet der Inhalt des Speisekörberls aus Eiern, Brot fürs Vieh und einem Osterlamperl oder Kuchen bestand.

In vielen Orten der Inn-, Salzach-Rottregion gehörten auch Salz, Kren (Meerrettich), Osterbrot und Schinken zum Inhalt des Osterkörberls. Nach der Speisenweihe in der Kirche schloss sich am späten Vormittag das „Geweichtessen“ an. Von dem Geweichten wurde in früherer Zeit ein kleines Stückchen in ein Säckerl genäht und in die hinterste Ecke der Tischschublade genagelt, auf dass Hunger und Not niemals auf dem Hof Einzug halten.

Die Schinkenschwarte wurde in das Feuer gegeben und die Ostereierschalen mit dem heiligen Brand wurden auf die Felder getragen.

Des Oarabtrag’n

Für ihre Dienstleistungen das Jahr über durften früher die Dienstboten an Ostern die Eier abtragen. In der Egglkofner Gegend gehörten die Ostersonntagseier den Mägden, am Montag durften die Knechte abtragen, am Dienstag der Bauer und das Hausdirndl. An allen Festtagen gab es eine Schüssel mit zehn Kücheln, an vier Tagen dazu einen Laib Brot. War man länger an einem Platz, bekam man auch Fleisch. Die Dienstboten verkauften die Eier beim Wirt und erhöhten damit das Biergeld.

Der Felderumgang

In vielen Orten der Inn-, Salzach- und Rottregion ist der Feldumgang zu Ostern noch immer fester Bestandteil der Osterbräuche. Willi Merklein hat aus der Gemeinde Kraiburg notiert: „Am Ostersonntag oder am Ostermontag, in aller Früh oder vielfach auch zu Mittag, wird vom Bauern unter Begleitung der sämtlichen Hausbewohner das Winterfeld (Roggen – Weizensaatfeld) unter Abbetung des Rosenkranzes begangen. Der Bauer geht voraus, die Ehehalten hinterdrein. Die Bäuerin spritzt den Weichbrunn, die Dirn trägt das Körbl mit den Eierschalen von den geweihten Eiern. Eine weitere Dirn trägt den Segenbaum, in den das geweihte Osterfeuer eingebrannt ist.

Von den Kindern hat jedes einen Palm in der Hand. Betend zieht die Schar um die sprossenden Ackerbreiten, das heilige Brandholz mit den geweihten Palm auszustecken. Palmzweige und Schalen von geweihten Eiern werden an die Ecken des Feldes gesteckt.

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