Waldkraiburg – Waldkraiburg ist krank, Zipperlein an allen Ecken und Enden, es will und will nicht besser werden. Also ab zum Kommunalarzt, vielleicht weiß der, woran es hapert – was dann passiert, das beleuchtet der „Saftladen“ mit genauem Röntgenblick in seinem neuen Programm „Hurra, wir wählen noch“.
Seit über 40 Jahren nimmt die Truppe einmal im Jahr die Stadt unter die Lupe. Da wird genau hingeschaut, wenn auch nicht alle Entwicklungen bierernst genommen werden. Klamauk war es nicht, der in diesem Jahr auf der Bühne im fast ausverkauften großen Saal im Haus der Kultur gezeigt wurde, im Gegenteil: Da gab es manches, das zum Nachdenken anregen konnte.
Die Stadt ist 75 und
hat diverse Zipperlein
Wie es denn so geht, will der Arzt von der Stadt wissen. Die ist geknickt – 75 Jahre ist sie alt, sie fühlt den Wechsel kommen, es geht ihr nicht gut. Die Untersuchung zeigt dann: „Die grüne Lunge schrumpft und ein bisschen Wasser ist auch da, wo es nicht hingehört.“ Ein bisschen Wasser? „Mein Rathaus ist völlig undicht, meine Tiefgarage ist völlig inkontinent“, lamentiert die einstige „Stadt im Grünen“.
Woran es liegt? Die Messung des „Finanzdrucks“ zeigt es: 19,5 zu 62,5 Millionen, das sei viel zu hoch, aber die Stadt weiß: Das liegt nur an der viel zu hohen Kreisumlage, der Landkreis Mühldorf habe die höchste Umlage in Bayern.
Auch der ärztliche Rat, mal abzuschalten und die Beine hochzulegen, kommt nicht gut an: „Die Beine hochlegen, das machen wir doch schon die ganze Zeit – da kann ich doch nie auf die Beine kommen.“
Am Ende muss eine „Mörtel-Resonanz-Tomografie“ (MRT) für eine klare Diagnose sorgen: Waldkraiburg leidet an „Betonfraß“, große Teile des Skeletts sind bereits befallen, es sieht schlecht aus.
Was rät der Arzt? „Gehen Sie mehr an die Sonne. Sie brauchen mehr Lichtgestalten.“ Aber wie soll das gehen? Da rät eine Stimme aus dem „Off“: „Wir wissen nicht, was der freundliche Arzt empfiehlt. Wir empfehlen: Gehen Sie wählen!“ Schlag auf Schlag, eine Pointe nach der anderen, bringt das Publikum zum Lachen und zum Applaudieren. Zwei Maibäume – einer aus Polling, der andere aus Mühldorf – treffen sich beim „kommunalen Maibaum-Gipfeltreffen“. Da hat der Pollinger nichts zu lachen: „Es tut Not, dass bei uns im Ort endlich wieder Frieden einkehrt.“
Der Kollege aus Mühldorf ist nicht einverstanden: „Wenn in Polling Frieden einkehrt, was wird denn dann aus dem Fortsetzungsroman im OVB?“ Kaum ist diese Frage gesprochen, reitet Pollings Bürgermeister Lorenz Kronberger auf seinem Steckenpferd über die Bühne. Ein Springer ist es, genau genommen Gabi Springer, die Geschäftsleiterin im Pollinger Rathaus. Wer ist Ross, wer der Reiter? Das soll laut Pollinger Maibaum längst nicht mehr klar sein.
Robert Pötzsch sitzt auf einer Bank vor dem Waldkraiburger Rathaus. Er hat einen Brief aus München, wahrscheinlich wieder eine schlechte Nachricht. „Die guten Nachrichten landen immer in Mühldorf oder Ampfing“, klagt er Kristina Pauli. Doch die UWG-Vorsitzende massiert nicht nur seinen Nacken, sie tröstet auch: Beim letzten Mal sei er doch auch gewählt worden, das wird schon wieder, ist sie überzeugt.
Weil im Brief steht, dass die Stadt endlich etwas tun muss in Sachen abbruchreifer Häuser in Föhrenwinkel, muss es jetzt schnell gehen, „sonst stellt der Landkreis die noch unter Denkmalschutz“, befürchten die UWG-Mitglieder. Endlich kann der Bürgermeister anpacken: Mit einer Motorsäge geht es in den Wald, morgens um 4 Uhr, die Stelzenhäuser werden abgesägt. „Da packe ich schon mal an, und dann sieht es wieder keiner“, klagt Pötzsch.
Er ist nicht der Einzige, der durch den Kakao gezogen wird: Michael Hetzl erwischt es, als er sich die Finanzierung des „Michael-Hetzl-Gedächtnis-Hallenbades“ schönrechnet: „Ich rechne mir die Welt, widde widde, wie sie mir gefällt“. Die Gegenkandidaten Claudi Hungerhuber und Stefan Lasner sind ganz anderer Ansicht. Das schert den amtierenden Bürgermeister wenig, auf die Tagesordnung kommt da gar nichts.
Alles soll nicht verraten werden, aber zumindest eines noch: Landrat Max Heimerl spricht sich gegen ein Waldkraiburger Autokennzeichen „WKB“ aus. WKB steht vielleicht für „Wählt keinen Bäcker“ oder „Wer kann’s bezahlen“, aber sicher nicht für „Wir können’s besser“. Als Trost gibt es für den Bürgermeister ein neues Dienstauto vom Typ „Bobbycar“, mit dem Versicherungskennzeichen „56 KU“ für „Kreisumlage 56 Prozent“.
Die Bürger sollen
weise wählen
Die Hundesteuer und wie man sie kontrolliert, der rührende Abgang des „Ewigkeitsstadtrates“ Anton Sterr, die gemeinsame Autofahrt der Landratskandidaten im Auto von Bürgermeisterin Petra Jackl, bei der nur Patrick Hüller nicht mehr reinpasst („ich hab doch keinen Transporter“) und der starke Auftritt des Aschauer Bürgermeisters Christian Weyrich als – seiner Meinung nach – „größter Gockel“ im Ort – da sitzt jeder Gag. Das Publikum lacht und klatscht. Viel Beifall gibt es auch bei der drastisch und mit böser Ironie gewürzten Kritik an der AfD im Allgemeinen und vor Ort. Am Ende steht der gesungene Appell an die Bürger, sie sollen auf jeden Fall weise wählen – im Interesse ihrer Heimatstadt. Es war, das war am langen Schlussapplaus zu hören, eine starke Saftladen-Vorführung.
Auf der Bühne dabei waren Hans Langbauer, Karl-Heinz Neumeier, Manuela Neumeier, Toni Tonigold, Gerlinde Helldobler, Nina Gerold, Erhard Geppert, Charly Ebenbichler, Dominik Schlund, Ali Mohammad, Beate Morbach, Hedwig Streubl sowie Peter Maier und Tanja Mittermeier für die Musik. Michael Steindl arbeitete am Programm mit, Maria Maier war für das Licht zuständig.
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Wer „Hurra, wir wählen noch“ bisher nicht gesehen hat, der sollte das nachholen, es lohnt sich auf jeden Fall. Es gibt noch Aufführungen am Freitag, 6. März, und am Samstag, 7. März. Beginn ist um 20 Uhr. Karten gibt es online bei eventfrog.de.