Waldkraiburg – „Arsch hoch 2.0!“, das forderte Professor Dr. Stephan Jansen von den Unternehmern und Managern am Schluss seines Vortrags beim sehr späten Neujahrsempfang der Industriegemeinschaft Waldkraiburg und Aschau (IGW) und des Industrie- und Wirtschaftsverbunds Mühldorf (IWM). In seinem kurzweiligen, fundierten Vortrag mit Berliner Schnauze forderte Jansen im Waldkraiburger Haus der Kultur von seinen Zuhörern Mut und Visionen: Sie sollen schon heute an die Lösungen für übermorgen denken. Nur so habe die Wirtschaft eine Chance, zu alter Stärke zurückzufinden. Neues wagen, statt dem Alten nachzutrauern, das war sein Credo.
Schwierige, aber nicht
hoffnungslose Zeiten
Dazu passte die Begrüßung durch den IGW-Vorsitzenden Markus Kep: „Es ist wieder so weit nach einigen Jahren der Stille.“ Ihm war durchaus bewusst, dass das Datum kein typischer Neujahrstermin war, aber es sei immer noch ein „Neustart in das Jahr 2026“.
Die Angriffe der USA und Israels auf den Iran zeigten exemplarisch die Herausforderungen der Wirtschaft, meinte Kep: Alte Sicherheiten bestehen nicht mehr. Dennoch: „Wir haben noch die Stärken, die uns auf der ganzen Welt bekannt gemacht haben. Die Lage ist anspruchsvoll, sehr anspruchsvoll, aber die Widerstandsfähigkeit unserer Unternehmen ist auch beeindruckend.“ Die Wirtschaft sei „nicht in einer Sackgasse, sondern in einer Phase der Neuorientierung“, sagte Kep.
Dem schloss sich Waldkraiburgs Bürgermeister Robert Pötzsch an. Die heimische Industrie sei weltweit tätig, lebe Innovation, übernehme Verantwortung und biete Arbeitsplätze: „Es fällt nicht leicht, den wirtschaftlichen Status quo zu halten.“
„Die Rahmenbedingungen sind alles andere als leicht“, meinte der CSU-Bundestagsabgeordnete Stephan Mayer. Es gebe aber durchaus Silberstreifen, wenngleich auch er sagte: „Der Großteil der Herausforderungen steht noch vor uns.“
Dabei nahm Mayer selbstkritisch auch die Bundesregierung für Reformen in die Pflicht. Sein Aufruf an alle: „Wir müssen wieder stärker anpacken, um ein moderner Staat zu werden. Dieses Jahr ist entscheidend. Wir müssen alles tun, um das Wachstum zu stärken. Wir haben das Potenzial, zu alten Stärken zurückzukommen.“
Wirtschaft ist
auch Psychologie
Als ein Beispiel nannte er den Ausbau der ABS 38, den zweigleisigen und elektrifizierten Bahnausbau München-Mühldorf-Freilassing. Er versprach – von Applaus belohnt: „Wenn Baurecht vorhanden ist, dann wird auch die finanzielle Ausstattung zur Verfügung gestellt werden.“
Mühldorfs Landrat Max Heimerl forderte auf, auch das Positive zu sehen, schließlich sei Wirtschaft auch Psychologie. Im Landkreis gebe es sehr breit aufgestellte und erfolgreiche Unternehmen. Der Landkreis sei ein Wachstums- und Chancenlandkreis. „Wir sind eine Aufsteigerregion“, die für Investoren interessant sei und entlang der A94 neue Möglichkeiten biete. „Wer in Zukunft erfolgreich sein will, muss im Landkreis Mühldorf investieren.“
Nach diesen einleitenden Worten hatte Professor Stephan Jansen das Wort. Er lehrt in Karlsruhe und Berlin, berät Regierungen, ist Unternehmer und Autor. Und er zeigte eine erfrischend freche, offene Art, gepaart mit Berliner Schnauze, die auch so manche Spitze und Provokation nicht scheute.
„Wir sind nicht mehr die Welt“, unterstrich Jansen. Europa sei nicht mehr der Mittelpunkt. Die alte Gemütlichkeit gebe es nicht mehr, auch kein Zurück. Die alten „Wetten“ – Sicherheit aus den USA, Energie aus Russland, Wachstum aus China, Fachkräfte aus dem Ausland – gehen nicht mehr auf, und bei der Digitalisierung „haben wir gar nicht erst angefangen“.
Seit über zehn Jahren wandelten sich die Welt und die Anforderungen: beim Klima und bei der Mobilität, bei Energie, Landwirtschaft, Wasser und Ernährung, bei Gesundheit und Demografie, bei Arbeit und Bildung, bei Sicherheit, bei Digitalisierung. Und das alles gleichzeitig. Werde ein Problem gelöst, entstünden neue. Jansens Warnung: „Vorsicht vor einfachen Lösungen. Die gibt es nicht mehr.“ Und: „Es wird massive Änderungen der industriellen Struktur geben.“ De-Industrialisierung sei nicht per se schlecht, es komme darauf an, wie darauf reagiert werde.
Langfristig denken
und handeln
Jansens Antwort: Schluss mit dem Denken in kurzfristigen Lösungen. Es braucht langfristige Strategien: „Grand Strategies“, wie es im Englischen heißt, wie sie von den USA, China und Indien schon lange formuliert und mit Erfolg umgesetzt werden.
Die Unternehmer sollten schon jetzt die Lösungen für übermorgen denken, nicht nur für morgen. Nicht mehr in Autos, sondern in Mobilitätssystemen denken, an Systemen für Re- und Upcycling arbeiten, Lösungen für Quantencomputing. Nicht mehr in Medizintechnik, sondern in Vorsorgesysteme investieren, nicht mehr in Sprachmodelle, sondern an Weltmodellen arbeiten. Statt von Re-Industrialisierung zu sprechen, an industrielles Metaversum, als an industrielle virtuelle Welten, denken. Kurz: Lösungen für die neuen Megathemen finden, die vorhandene industrielle Kompetenz mit datenbasierter Digitalkompetenz vereinen, Kooperationen suchen und Lösungen in Reallaboren entwickeln. „Ihr seid stärker, als ihr meint“, sagte Jansen zu den Unternehmern und Managern im Saal. „Seid frohen Mutes und kooperiert mehr.“ „Macht die Bremer Stadtmusikanten“ – einer auf den Schultern des anderen und ein gemeinsames Ziel verfolgen. Das sei möglich. Daher, so Jansen: „Arsch hoch 2.0! Wir müssen ran.“