Mühldorf – Bis zum letzten Platz gefüllt war der evangelische Gemeindesaal. Damit ist ein Wunsch der Autorin Claudia Brunnmeier-Müller bereits aufgegangen: Mit möglichst vielen Menschen über das Thema sexualisierte Gewalt und Missbrauch zu sprechen, den Elefanten im Raum nicht zu ignorieren, sondern ihm Futter zu geben.
Das Thema Missbrauch ist in vielen Familien und Gemeinschaften ein Tabu, trotz Beweisen. Daher ist es für die charismatische Militärseelsorgerin lebensbestimmend. Eindrücklich beschreibt sie, wie die sexuellen Übergriffe ihres Onkels, die sie ab ihrem vierten Lebensjahr erdulden musste, ihre körperliche und mentale Gesundheit Stück für Stück zerstörten. Sie wurde von Familie und Lehrerschaft als „schwieriges“ und kränkelndes Kind gesehen. Nachdem sie als Erwachsene darüber sprach, wurde sie selbst als Täterin und nicht als Opfer hingestellt – von der Ex-Frau dessen, der sie 16 Jahre lang an Körper und Seele verstümmelt hatte. Der zerbrechlichen, aber dennoch starken Autorin gelang es, ihre Erlebnisse und Wege aus der Opferrolle in eine allgemeine gesellschaftliche Ebene zu verlagern, mit ihren Erinnerungen auch die Betroffenen im Publikum anzusprechen.
Mehrfach erwähnte Claudia Brunnmeier-Müller den Begriff „Trotzkraft des Geistes“, geprägt von dem Wiener Psychiater und jüdischen KZ-Häftling Viktor Frankl. Er beschrieb, wie es Menschen trotz schlimmer Erlebnisse gelingen kann, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, indem sie eine Sinnmöglichkeit außerhalb des eigenen Leids wahrnehmen.
Genau das ist es, was die Autorin mit ihrem Buch unter Beweis stellt. Die psychologisch geschulte Publizistin Eva-Maria Popp trat bei der Lesung nicht nur als Moderatorin, sondern auch als mentale Begleiterin auf, was die Veranstaltung zu etwas Besonderem machte. Sie sprach Mut zu, Stimmungen zuzulassen, die durch die teils deutlichen Beschreibungen ausgelöst werden könnten, und sicherte auch denjenigen, die den Saal verlassen müssten, Hilfe durch Pfarrerin Susanne Vogt zu, die sich dafür bereithielt.
Ganz nach Viktor Frankls Prinzip war der Vortrag und ist das Buch „Der rosarote Elefant – Next Generation“ nicht vorrangig eine persönliche Leidensgeschichte, sondern ein Aufruf, ein Auftrag an alle: Man kann sexuellen Missbrauch und das Leid nicht ungeschehen machen, indem man schweigt. Auch zum Schutz der Familie, der nachfolgenden Generation und der Gesellschaft ist das Reden über die Vergangenheit genauso wichtig wie die Aufmerksamkeit in Bezug auf Missbrauch in der Gegenwart. Ulrike Zöller