Mühldorf – Ende 1945 hatte die amerikanische Militärregierung beschlossen, in Bayern die kommunale Selbstverwaltung möglichst schnell wieder einzuführen. Bereits Anfang 1946 wurden die Wähler zur Urne gebeten. Die Kommunalwahlen 1946 waren die ersten freien und demokratischen Wahlen in Bayern seit der Machtergreifung der NSDAP 1933. Heuer jähren sie sich zum 80. Mal. Über dieses Thema spricht der Geschichtskoordinator des Landkreises Mühldorf, Daniel Baumgartner.
Eine Kommunalwahl nur wenige Monate nach Kriegsende – wie muss man sich das vorstellen?
Daniel Baumgartner: Es war eine enorme Herausforderung für alle Beteiligten. Die Wahl musste innerhalb kürzester Zeit von Verwaltungen organisiert werden, die ohnehin mit den gewaltigen Aufgaben der Nachkriegszeit konfrontiert waren. Die Versorgung der Bevölkerung und der Wiederaufbau der stark zerstörten Stadt Mühldorf waren nur zwei der größten Probleme. Hinzu kam, dass die von der amerikanischen Militärregierung eingesetzten Bürgermeister neu im Amt waren und viele Verwaltungsmitarbeiter zumindest vorübergehend außer Dienst gestellt wurden.
Stichwort
Entnazifizierung …
Baumgartner: Nach einem Bericht der Militärregierung waren 95 Prozent der Bürgerinnen und Bürger im Altlandkreis Mühldorf in NS-Organisationen aktiv gewesen. Das bedeutet nicht, dass es sich ausschließlich um fanatische Nationalsozialisten handelte. Dennoch musste jede einzelne Person überprüft werden – auch im Hinblick darauf, ob sie bei der Kommunalwahl überhaupt wahlberechtigt war.
Wer war von der Wahl ausgeschlossen?
Baumgartner: Vom Wahlrecht ausgeschlossen waren alle Amtsträger und „Aktivisten“ der NSDAP und ihrer Organisationen sowie alle NSDAP-Mitglieder, die vor dem 1. Mai 1937 in die Partei eingetreten waren. Zudem alle Angehörigen der SS sowie Unterstützer und Sympathisanten der Nationalsozialisten.
Wie viele Personen betraf das im Landkreis Mühldorf?
Baumgartner: In der Stadt Mühldorf durften 21 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner aufgrund ihrer Vorbelastung nicht wählen. In anderen Gemeinden des damaligen Landkreises Mühldorf lagen die Werte in einer ähnlichen Größenordnung.
Wie war die Wahl
organisiert?
Baumgartner: Die Kommunalwahl 1946 verlief in mehreren Etappen. Am 27. Januar wurde zunächst in allen Gemeinden mit weniger als 20.000 Einwohnern gewählt und damit im gesamten Landkreis. Die Stadt Mühldorf hatte damals nur etwa 8000 Einwohner, die Gemeinde Waldkraiburg war 1946 noch nicht einmal gegründet. Am 28. April folgte die Wahl des Kreistags. Den Abschluss bildeten am 26. Mai 1946 die kreisfreien und größeren Städte.
Verlief die Wahl
überall gleich?
Baumgartner: In den meisten Gemeinden des damaligen Landkreises Mühldorf gab es lediglich eine Einheitsliste, aus der die Wähler ihre bevorzugten Kandidaten auswählen konnten. Nur in der Stadt Mühldorf sowie in den Märkten Neumarkt-St. Veit und Kraiburg traten mehrere Parteien mit eigenen Listen an. Dort konnten die Wählerinnen und Wähler allerdings nur ein Kreuz für eine Partei setzen und damit die gesamte Liste wählen. Kumulieren – also mehrere Stimmen auf einen Kandidaten zu häufeln – und panaschieren – die Verteilung von Stimmen auf Kandidaten verschiedener Listen – war nicht möglich.
Den Namen des bevorzugten Bürgermeisterkandidaten musste man, mit Ausnahme von Mühldorf, selbst eintragen. Es gab also nur einen Wahlzettel, der deutlich kleiner war als die heutigen. Da Mühldorf mehr als 3.000 Einwohner hatte und der Bürgermeister hauptamtlich tätig war, wurde er nicht direkt gewählt, sondern nach der Wahl vom Stadtrat bestimmt. Gleiches galt für den Landrat, der im April vom Kreistag gewählt wurde.
Welche Parteien standen vor 80 Jahren zur Wahl?
Baumgartner: Die 1933 verbotenen Parteien SPD und KPD hatten sich im Laufe des Jahres 1945 neu gegründet. Hinzu kam die CSU, die unter anderem von ehemaligen Funktionären der Bayerischen Volkspartei ins Leben gerufen worden war. Im März 1946 lizenzierte die Militärregierung mit der Wirtschaftlichen Aufbauvereinigung eine vierte Partei, die deshalb erst an der Kreistagswahl teilnehmen konnte.
Blieb überhaupt Zeit für
einen Wahlkampf?
Baumgartner: In den größeren Orten des damaligen Landkreises fanden Wahlveranstaltungen der Parteien statt, die auf großes Interesse stießen. Zudem verteilten die Parteien Handzettel, in denen sie ihre grundlegende Ausrichtung darlegten. Auffällig ist die extrem hohe Wahlbeteiligung: In Neumarkt-St. Veit lag sie bei 82 Prozent, in Mühldorf sogar bei über 90 Prozent.
Wie fielen die
Ergebnisse aus?
Baumgartner: In Neumarkt-St. Veit und in Kraiburg erhielt die CSU jeweils rund 75 Prozent der Stimmen und damit eine klare Mehrheit der Sitze – in Neumarkt acht von neun, in Kraiburg sieben von neun. In Mühldorf war das Ergebnis etwas weniger deutlich, doch auch dort erreichte die CSU mit neun von 15 Stadtratsmandaten eine klare Mehrheit.
Die KPD konnte in keiner der drei Gemeinden ein Mandat erringen. Nach dem heutigen Auszählungsverfahren hätte sie allerdings einen Sitz im Mühldorfer Stadtrat erhalten.
Und wie sah es bei der Kreistagswahl aus?
Baumgartner: Auch hier kam die CSU auf gut drei Viertel der Stimmen und stellte mit 35 von 45 Mandaten die deutliche Mehrheit im Kreistag. Je ein Sitz ging an die KPD und die Wiederaufbauvereinigung, die übrigen an die SPD. Zum Landrat wurde Sebastian Goßner gewählt, zuvor Bürgermeister von Töging. Unter den Kreisräten befand sich 1946 übrigens nur eine Frau: Anna Maria Gräfin Montgelas.
Aus heutiger Sicht: War diese erste Kommunalwahl nach dem Krieg ein Erfolg?
Baumgartner: Sie war zweifellos ein wichtiger erster Schritt zurück zur Demokratie. Bereits Mitte 1946 folgte die Wahl zur verfassungsgebenden Versammlung. Im Dezember stimmten die Bürger über die neue Bayerische Verfassung ab und wählten den Bayerischen Landtag.
Das Jahr 1946 war somit ein entscheidendes auf dem Weg zu einem demokratischen Bayern. Den Anfang machten die Wahlen auf kommunaler Ebene – die Demokratie wurde also von unten nach oben neu aufgebaut. Und 1948 fanden bereits die nächsten Kommunalwahlen statt.