Mühldorf – 100.000 Legehennen in einem Betrieb im Landkreis Erding, 30.000 Masthähnchen in Neumarkt-St. Veit. Und jetzt 60.000 weitere Hähnchen in Gangkofen. Die Newcastle-Krankheit ist in mehreren Ställen in Ober- und Niederbayern ausgebrochen und erfordert die Keulung von bislang fast 200.000 Tieren in der Region. Was kommt da noch? Die Sorge unter den Geflügelhaltern und eierverarbeitenden Betrieben ist groß. Erste Antworten liefert die Diplom-Biologin Elke Reinking vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI). Das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit ist fest eingebunden in die Fälle in den Landkreisen Mühldorf, Rottal-Inn und Erding.
Spekulation um Variante
des bekannten Virus
Die Sorge unter Geflügelhaltern ist groß nach den Hiobsbotschaften, die jetzt schon täglich zu lesen sind. Besonders beunruhigt die Halter die Frage, um welchen Virustyp es sich handelt. In den Ställen wird bereits darüber diskutiert, ob möglicherweise ein anderer Genotyp im Umlauf sein könnte, gegen den die gängigen Impfstoffe weniger wirksam sind. Betriebe befürchten sogar, dass es sich um den Genotyp VII handeln könnte – eine Variante, die laut FLI Ende des vergangenen Monats Februar in einem Betrieb in Brandenburg festgestellt wurde.
Auf Nachfrage der OVB-Heimatzeitungen heißt es von der Pressestelle des FLI, dass es sich bei den bisher untersuchten Viren aus Ausbrüchen in Bayern um den Genotyp II 1.1 handele. Dieser trete derzeit unter anderem in Osteuropa, aber auch in vielen anderen Ländern auf. Ein Virus des Genotyps II gilt zugleich als Grundlage für die in Europa eingesetzten Impfstoffe.
„Der erste Fall in Deutschland nach 30 Jahren wurde am 20. Februar in Brandenburg festgestellt, der erste Fall in Bayern am 25. Februar in Erding.“ Ob die Ausbruchsgeschehen zusammenhängen oder es eine gemeinsame Eintragungsquelle gebe, sei bisher nicht bekannt. Landesveterinärbehörden hätten aber bereits Ausbruchsuntersuchungen eingeleitet. Die Sprecherin des Instituts betont: „Die Genotypisierung des Virus allein ermöglicht keine Rückschlüsse auf einen etwaigen Zusammenhang der Ausbrüche.“
Noch rätselhafter ist die Frage, wie das Virus überhaupt in die bayerischen Betriebe gelangen konnte. Da die Verdachtsfälle in mehreren Landkreisen auftreten, wird intensiv nach möglichen Einschleppungswegen gesucht. Grundsätzlich kann sich das Virus sowohl direkt von Tier zu Tier übertragen, etwa durch zugekaufte Tiere, als auch indirekt. „Etwa kontaminierte Käfige, Stalleinrichtung, Staub oder Schuhe beziehungsweise Kleidung“, erklärt dazu die Biologin Elke Reinking. Ob möglicherweise sogenannte Fangtrupps oder andere externe Dienstleister bei der Verbreitung eine Rolle gespielt haben, ist bislang nicht geklärt.
Wie groß das Ausmaß des Geschehens tatsächlich ist, lässt sich derzeit auch vom FLI noch nicht abschätzen. Weitere Verdachtsfälle werden aktuell untersucht. Fest steht jedoch: Das erneute Auftreten der Newcastle-Krankheit nach Jahrzehnten ohne Fälle ist ein Warnsignal für die gesamte Geflügelbranche.
Elke Reinking rät allen Geflügelhaltern dringend, die vorgeschriebene Impfung gegen die Krankheit in ihren Hühner- und Putenbeständen zu überprüfen und gegebenenfalls aufzufrischen. „In Betrieben sollte ein besonderes Augenmerk auf einen streng kontrollierten Personen- und Warenverkehr gelegt werden.“
Kranke und verendete
Tiere untersuchen lassen
Auch die Früherkennung spielt eine entscheidende Rolle: Kranke oder verendete Tiere sollten umgehend untersucht werden – nicht nur auf Geflügelpest, sondern aufgrund ähnlicher Symptome auch auf die Newcastle-Krankheit.
Nachdem Ende Februar der erste Ausbruch in Brandenburg dokumentiert worden war, wurde am Mittwoch der insgesamt dritte Ausbruch in diesem Bundesland gemeldet. Dort ist die Newcastle-Krankheit in einem Großbetrieb festgestellt worden. Mindestens 375.000 Legehennen sind betroffen und mussten gekeult werden.
Aktuelle Informationen zur Lage finden Sie jederzeit im Internet auf www.ovb-online.de.