Eine Nebenbahn im Wandel

von Redaktion

Der Autor Karl Bürger blickt auf die bewegte Geschichte der Bahnstrecke Mühldorf – Rosenheim zurück. Seit ihrer Eröffnung 1876 erlebte die Verbindung Proteste, drohende Stilllegungen und kuriose Zwischenfälle.

Mühldorf/Rosenheim – Karl Bürger aus Walpertskirchen (Landkreis Erding) beschäftigt sich seit mehr als fünf Jahrzehnten mit der Geschichte der Eisenbahn. „Meine Publikationen sind keine ‚typischen‘ Eisenbahnbücher, sie sind für alle gedacht, die Interesse an Zeitgeschichte im Allgemeinen und Verkehrspolitik im Besonderen haben“, sagt Bürger. Sein neuestes Buch trägt den Titel „Mühldorf – Rosenheim. Die bayerische Bahnstrecke entlang des Inns“.

Bürger schildert darin die bewegte Geschichte dieser für unsere Region so wichtigen Zugverbindung. So gab es bereits im 19. Jahrhundert Pläne für eine Bahnlinie Mühldorf – Rosenheim.

1869 wurde das Baurecht für diese Strecke entlang des Inns geschaffen. Vier Jahre später begann der Bau der Strecke, und am 1. Mai 1876 wurde sie eröffnet. Über Kraiburg, Jettenbach, Gars, Soyen, Wasserburg, Rott und Schechen konnte man vor 150 Jahren von Mühldorf nach Rosenheim reisen.

Die Eröffnung feierte die hohe Prominenz aus Politik und Staatsbahn in einem Sonderzug – ohne die Bevölkerung. Einen größeren Eklat gab es in Gars, wo die Gemeindehonoratioren zusammen mit einer Schulklasse auf den Zug warteten, dieser jedoch durchfuhr. Auch mit der Trassierung war man hier nicht zufrieden, da der Bahnhof in Mittergars liegt. Dasselbe galt für Kraiburg, wo der Zug drei Kilometer vom Markt entfernt hielt.

Haag hatte jahrzehntelang für einen Eisenbahnanschluss gekämpft – vergebens. Die Mühldorf kreuzenden Bahnlinien waren von Haag weit entfernt. Die Marktgemeinde erhielt lediglich eine Stichstrecke, die in Thann-Matzbach an die Bahnlinie Mühldorf – München anschloss.

Auch in Wasserburg gab es Ärger, weil der Bahnhof aus geologischen Gründen vier Kilometer östlich der Stadt zwischen Reitmehring und Staudhamer See gebaut werden musste. Der Bürgermeister und seine Räte blieben der Einweihung fern, obwohl der Zug in Wasserburg sogar einige Minuten gehalten hatte. Dort wurde 1902 – nach vielen Querelen – eine Bahnlinie von Wasserburg-Bahnhof nach Wasserburg-Stadt eröffnet.

Die Bahnlinie Mühldorf – Rosenheim war mit einer Streckenlänge von 61,69 Kilometern eine der teuersten bayerischen Bahnlinien. Eine der Hauptursachen waren drei große, im Unterhalt kostenintensive Brücken.

Die erste Brücke in Jettenbach wechselt die Bahnstrecke vom westlichen auf das östliche Innufer. Sie ist 195 Meter lang und 20 Meter hoch. Zwischen Gars und Soyen liegt die Brücke bei Königswart; sie führt die Bahnlinie wieder auf das westliche Innufer zurück. Sie misst 279 Meter und weist eine Höhe von 49 Metern auf. Die dritte Brücke, die über die Attel führt, ist 38 Meter lang und 18,5 Meter hoch. Diese drei Brücken verursachen eine enorme Kostenlast, ohne dass das Verkehrsaufkommen dies rechtfertigen würde.

Überregionale Bedeutung erlangte die Bahnstrecke von Mühldorf nach Rosenheim gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. In München waren die Bahnanlagen bombardiert worden. Nun fuhren hier schwere Schnell- und Güterzüge von und nach Italien durch. 1976 wurden Pläne bekannt, die Linie stillzulegen. Am 30. September 1978 fuhren zum letzten Mal die Züge auf der gesamten Strecke.

Dann setzte der Niedergang ein, der durch den weiterhin vernachlässigten Unterhalt der drei Brücken seinen Lauf nahm.

Ein Kuriosum waren die Fußmärsche über die Jettenbacher Brücke. Es entstanden die Haltepunkte „Innbrücke Nord“ und „Innbrücke Süd“. Die Passagiere mussten auf der Nordseite dieses Bauwerks auf einer Behelfsbrücke den Inn zu Fuß überqueren. Auf der Südseite stand ein Schienenbus, der die Fahrt nach Rosenheim fortsetzte.

Am 3. März 1979 titelte der Münchner Merkur „Fußmarsch steht im Fahrplan“. Diese kleinen Spaziergänge dauerten sechs Jahre und vier Monate lang an. Dann wurde die gesamte Linie für neun Jahre stillgelegt.

Erst 1994, als Mühldorf zum „Linienstern“ befördert wurde, nahm der Zugbetrieb wieder Fahrt auf. Einen Güterverkehr gibt es planmäßig nicht mehr; es verkehren aber Güterzüge von Mühldorf nach Waldkraiburg, um die dortige chemische Industrie zu bedienen.

Seit 1999 werden Weichen und Signale von einem elektronischen Stellwerk in Mühldorf ferngesteuert. Zugbegegnungen gibt es in Wasserburg und in Rott am Inn. Ein Schlagzeilen verursachendes Ereignis geschah am 26. September 2022 bei Ramerberg, das auch beweist, dass die Deutsche Bahn für Reparaturen sehr viel Zeit benötigt: Ein 50 Meter breiter und 25 Meter tiefer Erdrutsch führte dazu, dass die Strecke zwischen Wasserburg und Rott neun Monate gesperrt war – es gab Schienenersatzverkehr.

Eine bewegte Geschichte ist es, die die Bahnlinie Mühldorf – Rosenheim erzählen konnte. Trotz vieler Unwägbarkeiten hat sie alle Versuche, sie stillzulegen, erfolgreich abgewehrt. Stattdessen erlebte die Bahnlinie Mühldorf – Rosenheim eine Renaissance. Heute fahren die Züge von Mühldorf nach Rosenheim wieder im Stundentakt.

Das im Selbstverlag erschienene Buch mit der ISBN 978-3-00-085463-7 kann beim Verfasser per E-Mail an karl-buerger@tonline.de bestellt werden.

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