Mühldorf – Henry Baumert steht am Zaun, hinter dem sich der letzte noch stehende Bunkerbogen des KZ Mühldorf in die Höhe hebt. 13 Meter grauer Stahlbeton, die sich bogenförmig ausspannende mächtige Decke ist drei Meter hoch. In der Hand hat Baumert, der regelmäßig über das Gelände führt, großformatige historische Fotos. Sie zeigen die Baustelle, Architektenpläne, eine Landkarte, Totenlisten. Vor allem aber zeigen sie Menschen. Ausgemergelt schauen sie wie versteinert in die Kamera. Manche tragen Lagerkleidung, andere sind halbnackt.
Die Aufnahmen sind Ende April 1945 entstanden, als die Amerikaner das geräumte KZ Mühldorf, ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau, erreichten und die letzten dort verbliebenen Gefangenen fotografierten. Baumert sind diese Fotos besonders wichtig, angesichts der Wucht, mit der der Bunkerbogen bis heute auf Besucher wirkt.
Vom Abenteuerspielplatz
zum Gedenkort
Die Technik, das Monströse des Bauwerks, das gibt Baumert zu, haben auch ihn schon immer fasziniert. Die schiere Größe der geplanten halbunterirdischen und 400 Meter langen Flugzeugfabrik für die ME 262, die Logistik und Infrastruktur, mit der das gewaltige Bauvorhaben umgesetzt werden sollte. Auch davon will er bei seinen Führungen erzählen.
Im Mittelpunkt aber stehen die 8.300 Menschen, die im Mühldorfer Hart für die Nazis schuften und unter menschenunwürdigen Verhältnissen leben mussten, von denen vermutlich mehr als 4.000 starben. Von 2.249 kennt man die Namen, sauber handschriftlich in Todeslisten verzeichnet. „Als ich den Betreuerkurs 2000 gemacht habe, wusste ich nicht, dass hier Tausende gestorben sind“, sagt Baumert. Er steht damit stellvertretend für viele Menschen, die in dieser Zeit noch nicht wussten, was im Wald zwischen Mühldorf und Waldkraiburg geschehen ist. Das Bunkergelände kannte der 61-Jährige schon als Jugendlicher. Ein Abenteuerspielplatz, mehr nicht.
Erst Mitte der 1990er-Jahre rückte es durch die Arbeit historisch Interessierter und vor allem durch den Verein „Für das Erinnern“ ins Licht der Öffentlichkeit. Jetzt, mehr als 25 Jahre später, sind das ehemalige Wohnlager der Häftlinge und das ehemalige Massengrab als Gedenkorte gestaltet. Die Arbeiten am Bunkerbogen sollen im Herbst beginnen. Dazu kommt schon jetzt eine begleitende Ausstellung im Kreismuseum in Mühldorf.
Für Baumert ein wichtiger Schritt. „Ich bin erschüttert, dass der Mensch so zum Menschen sein kann“, sagt er. „Deshalb müssen wir zeigen, was passieren kann, wenn so ein Regime wieder an die Macht kommt.“ Deshalb sind Baumert und seine zehn Kollegen auch in diesem Jahr wieder unterwegs. Mit Schülern oder Architekturstudenten, mit Kindern oder Erwachsenen aus Mühldorf oder der ganzen Region.
Sieben Führungen bieten der Verein und das Katholische Kreisbildungswerk (KBW) bis zum Sommer an, sagt Marion Heindl, die bei dem KBW für die Organisation zuständig ist. Es gibt Führungen nur im Bunkergelände und solche, die auch das Waldlager umfassen. Zweimal sind die Besucher mit dem Radl unterwegs. „Auf Anfrage organisieren wir auch spezielle Führungen für Gruppen“, sagt Heindl. Die Führungen dauern eineinhalb bis drei Stunden.
Informationen
zu den Führungen
Informationen und Anfragen sind beim Kreisbildungswerk unter Telefon 08631/37670 oder im Internet unter www.kreisbildungswerk-mdf.de erhältlich.
Die nächsten Termine sind am Samstag, 18. April, um 13 Uhr für das Bunkergelände und Waldlager, am Samstag, 9. Mai, um 13 Uhr für das Bunkergelände und am Samstag, 16. Mai, um 13 Uhr für eine Radtour zur Gedenkstätte.