Mühldorf – „Herzlichen Glückwunsch der neuen Bürgermeisterin“ steht vor der Eingangstür zu Claudia Hungerhubers Haus auf einem selbstgemalten Plakat. Auf dem Esstisch stapeln sich Glückwunschkarten und Präsente, auf ihrem Handy erreichen sie Glückwünsche in dreistelliger Höhe. „Mir geht es gut.“ Hungerhuber ist gelöst, aber immer noch etwas unter Strom. Die lange Wahlnacht ist ihr nicht anzusehen. „Es ist eine große Aufgabe und ich habe Respekt davor.“
Am Sonntag war der lange und intensive Wahlkampf zu Ende. Mit einem eindeutigen Ergebnis: 61,1 Prozent wollten Hungerhuber als neue Bürgermeisterin.
Ab dem 1. Mai beginnt für sie und ihre Familie ein neuer Lebensabschnitt. Dann ist sie die Chefin im Rathaus, leitet sie die Verwaltung, treibt sie an.
Amtsinhaber Michael Hetzl kam am Sonntag nur auf 38,9 Prozent. Am Tag nach der Niederlage ist er im Rathaus, gibt Interviews, spricht mit seinen Abteilungsleitern. Rein äußerlich ist es ein normaler Arbeitstag, aber auch hier ist klar: Ab dem 1. Mai wird sich etwas ändern.
Hetzl geht es am Tag nach der Wahl „durchwachsen“, sagt er im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen und innsalzach24.de. „Es ist ein harter Aufprall auf dem Boden der Tatsachen. Das Ergebnis ist hinzunehmen.“
Er gesteht ein, „frustriert“ zu sein: Den Mühldorfern seien Fakten und Inhalte „völlig egal“, es gehe nur um ein Miteinander-Gefühl im Stadtrat. Podiumsdiskussionen, Fakten und Erreichtes „spielten keine Rolle“, findet er. „Es ist schon traurig, dass Hass und Hetze gewinnen“, meint Hetzl zu Posts in den sozialen Netzwerken, die ihn und die UM diffamiert hätten. Es habe schwerste Angriffe gegeben. Über ihn und seine Familie sei „Dreck“ ausgeschüttet worden. „Deswegen ist da natürlich was kaputt.“
Nicht von Hungerhuber, sagt Hetzl, aber von ihren Anhängern. Sie habe sich aber davon nicht distanziert, habe alles laufen lassen und es „billigend in Kauf“ genommen.
Auch für Hungerhuber waren die letzten Wochen „sehr hart“, der Wahlkampf sei „von der UM schon sehr hart geführt“ worden. Auch mit einer Kampagne auf Social Media, die „total unter der Gürtellinie“ war. „Die Wähler haben das aber richtig einordnen können.“
Von den Angriffen in den sozialen Netzwerken, von denen Hetzl spricht, „distanziere ich mich“, betont sie im Gespräch. „Damit hatte ich nichts zu tun, damit hatte mein Team nichts zu tun.“
Sie blicke nach vorne, freue sich auf die Gespräche mit den Abteilungsleitern im Rathaus. „Ich werde mit der Verwaltung gut zusammenarbeiten.“
Derweil sortiert sich im Rathaus Hetzl neu. Das Wahlergebnis werde intern aufgearbeitet und er müsse sein Leben neu aufstellen. Eines könne er aber schon sagen: „Zum jetzigen Zeitpunkt werde ich meine Stadtrats- und Kreistagsmandate erst einmal annehmen.“
Bis Montagmittag hatten Hetzl und Hungerhuber noch nicht persönlich miteinander gesprochen. „Ich werde ihr noch gratulieren“, versichert Hetzl. Hungerhuber kann seine Zurückhaltung menschlich verstehen: „Es ist eine Tragödie, wenn man abgewählt wird.“
Dem aktuellen Fraktionssprecher der Grünen, Dr. Matthias Kraft, ist am Sonntag „ein riesiger Stein vom Herzen gefallen“. Er habe es sich nur „schwer vorstellen können“, weitere sechs Jahre mit Hetzl zusammenzuarbeiten. „Das Wahlergebnis war eine klare Ansage und hat Klarheit geschaffen.“ Jetzt werde es für die Stadt wieder vorangehen.
Kraft ist überzeugt, dass Hungerhuber die Verwaltung hinter sich bringt: „Sie kriegt das hin. Sie hat Stehvermögen, das hat sie im Wahlkampf schon gezeigt.“ AfD-Stadtrat Oliver Multusch gratuliert Hungerhuber aus dem Urlaub. „Ich wünsche ihr eine glückliche Hand. Die wird sie brauchen.“ Das Ergebnis war für ihn in der Deutlichkeit überraschend. Ob die aufgerissenen Gräben zuzuschütten seien, werde sich zeigen. Hungerhuber werde daran gemessen, ob ihr das angekündigte „Miteinander“ im Stadtrat gelinge. „Befremdlich“ war für Multusch die Wahlempfehlung der Mühldorfer CSU für Hungerhuber. „Da haben sicher kreispolitische Aspekte eine Rolle gespielt.“
Die aktuelle Fraktionssprecherin der UM, Karin Zieglgänsberger, hat Hungerhuber bereits gratuliert. Für sie war das Ergebnis der Stichwahl enttäuschend: „Wir haben inhaltlich in den letzten sechs Jahren eine gute Arbeit gemacht.“ Aber die Entscheidung der Wähler sei zu akzeptieren. Sie habe Hungerhuber bereits das Gespräch angeboten, schließlich gelte es, gemeinsam das Beste für Mühldorf zu erreichen.
Gemeinsam, das unterstreicht auch Hungerhuber: „Wir müssen gut zusammenarbeiten, um die Themen voranzubringen. Selbstverständlich arbeite ich mit allen demokratischen Fraktionen zusammen. Ich traue es mir zu, dass ich die Leute an einen Tisch bringe und wir gute Ergebnisse aushandeln.“ Nur im Miteinander von Stadtverwaltung, Stadtrat und Bevölkerung seien gute Lösungen zu finden. Selbstverständlich setze sie bereits beschlossene Maßnahmen um, zum Beispiel die Sanierung der Grundschule Altmühldorf, die Erweiterung der Feuerwehr Mühldorf oder die Pläne für den TSV Mühldorf. Gleichzeitig möchte sie das neue Parkhaus am Stadtwall, die Gestaltung des Sümö-Geländes sowie die Wärmeversorgung vorantreiben. „Da müssen wir den Turbo zünden.“ „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir die Dinge gut und schnell voranbringen“, sagt Hungerhuber. „Wir können nicht hexen und ich verspreche keine Luftschlösser.“ Nur eines verspricht sie: Tempo. Für das ist sie ab 1. Mai verantwortlich.
Bis dahin steht bei Hungerhuber in der Arbeit ihre Übergabe bevor. Anschließend bereitet sie sich auf ihr neues Amt vor.
„Ich gratuliere Claudia Hungerhuber zu diesem Ergebnis und wünsche ihr für die bevorstehenden Aufgaben eine gute Hand“, teilte Bürgermeister Hetzl am Montag um 14.41 Uhr per Pressemitteilung mit. „Ihre Ausgangsbedingungen mit einem Rekordhaushalt, faktischer Schuldenfreiheit und florierenden Stadtwerken sind in jedem Fall hervorragend. Ich kann die Rathausschlüssel unter Top-Voraussetzungen übergeben.“
Hetzl fährt jetzt erst einmal in den lange geplanten Urlaub mit seiner Familie: „Die steht jetzt im Vordergrund.“ Dort werde er das Wahlergebnis noch einmal in Ruhe reflektieren und seine Zukunft überlegen.