Rosenheim/Eggenfelden – Für die Tagung der Landeselternvereinigung der Gymnasien in Bayern hätte es kaum einen passenderen Ort geben können als das Karl-von-Closen-Gymnasium. Benannt ist die Schule nach Karl von Closen, der 1825 in Gern bei Eggenfelden eine Landwirtschaftsschule gründete und Bildung nicht nur als Wissensvermittlung, sondern auch als Formung von Geist und Herz verstand. Genau darum ging es auch bei der Tagung unter dem Titel „Digitale Schüler – analoge Werte? Eltern und Gymnasium zwischen Erziehung und Algorithmen“.
Elternbeiratsvertreter aus ganz Bayern waren nach Eggenfelden gekommen, um über die Chancen und Risiken der Digitalisierung an Gymnasien zu diskutieren. Die Landeselternvereinigung versteht sich dabei als Stimme der Gymnasialeltern und als Bindeglied zwischen Elternhaus, Schule und Bildungspolitik.
Gymnasium als Flugschule,
nicht als Autopilot
Den Grundton setzte der LEV-Vorsitzende Sven Clement, Elternbeiratsvorsitzender am Gymnasium Puchheim. Die digitale Ausstattung der Schulen sei notwendig, sagte er. Flächendeckendes WLAN, moderne Präsentationstechnik und technischer Support seien heute so grundlegend wie Strom und Wasser. Die Politik müsse dafür sorgen, dass die technische Basis nicht vom Geldbeutel einzelner Kommunen abhänge. Zugleich warnte Clement davor, Schule nur noch technisch zu denken. „Das Gymnasium ist nicht das hochtechnisierte Cockpit, mit dem ein Flugzeug seinen Kurs von alleine findet, sondern es ist die Flugschule, der Ort, an dem junge Menschen lernen sollen, zu fliegen“, sagte er.
Künstliche Intelligenz
als Chance sehen
Künstliche Intelligenz sehe die LEV ausdrücklich als Chance. Sie sei ein starkes Werkzeug für Recherche und individuelle Förderung. Aber: „Jedes Werkzeug ist nur so gut wie derjenige, der es führt.“ KI könne unterstützen, aber nicht das eigene Denken ersetzen. „Die KI dient uns – nicht wir der KI“, so Clement. Besonders deutlich wurde er beim Bildungsverständnis: „Ein Algorithmus hat noch nie einen mündigen Bürger erzogen.“ Wahre Bildung brauche nicht nur Rechenleistung, sondern auch Reibung, Widerspruch und echte menschliche Begegnung.
Mit Sorge blickte Clement auf die psychische Belastung junger Menschen in einer Welt permanenter digitaler Präsenz. Schule müsse Kinder stark machen für ein Leben, das mehr sei als ein Profil in sozialen Netzwerken. Kritisch äußerte sich der LEV-Vorsitzende auch zu den Plänen für ein generelles Handyverbot bis zur siebten Klasse auf dem gesamten Schulgelände. Die bisherige Lösung, dass die Schulfamilie vor Ort eigenverantwortlich entscheide, halte der LEV für ausreichend.
Kultusministerium
verteidigt Sparkurs
Für das Kultusministerium war Amtschef Martin Wunsch nach Eggenfelden gekommen. Er betonte, kein anderes Bundesland investiere so viel Geld in Bildung wie Bayern. Zugleich räumte er ein, dass nicht alles perfekt sei, und dankte vor allem Schulleitungen und Lehrkräften, die mit großem Engagement Engpässe vor Ort auffangen würden. Die Sparmaßnahmen auch im Personalbereich seien bedauerlich, angesichts der wirtschaftlichen Lage aus Sicht der Staatsregierung aber unvermeidbar gewesen. Die zugesagten 1.500 Neueinstellungen von Lehrkräften sollten im Haushalt 2028 wieder zum Tragen kommen. In der Diskussion verwies Wunsch zudem auf bereits geschaffene zusätzliche Stellen und nannte dabei die Zahl von 155 Lehrkräften. Dass er sich der offenen Diskussion stellte, wurde ihm von vielen Teilnehmern hoch angerechnet.
Deutliche Kritik kam unter anderem von Doris Kessler, Elternbeiratsvorsitzende des gastgebenden Gymnasiums. Das Ziel der „schwarzen Null“ werde von Ministerpräsident Markus Söder „wie ein Heiligtum“ vor sich hergetragen, sagte sie. Für Raumfahrtprogramme oder Flugtaxis stünden dreistellige Millionenbeträge bereit, bei ausreichend Lehrkräften werde dagegen gespart – das passe nicht zusammen.
Debatte um Handyverbot
und Medienkompetenz
Der Umgang mit dem Handy und mit den sozialen Netzwerken war auch im Austausch zwischen den Teilnehmern der Tagung ein wichtiges Thema. Die Landtagsabgeordnete Dr. Ute Eiling-Hütig, Vorsitzende des Bildungsausschusses im Bayerischen Landtag, bezog Position. Die CSU-Politikerin machte deutlich, dass sie die Digitalisierung an Schulen weiter stärken will, zugleich aber klare Grenzen bei der privaten Nutzung von Smartphones im Schulalltag befürwortet.
„Ein Handyverbot allein reicht sicher nicht aus, um alle Probleme zu lösen“, sagte sie. Aber zumindest im schulischen Alltag müsse das Handy auch „ausgesperrt“ werden können: „Schule muss ein Ort bleiben, an dem Konzentration, soziales Miteinander und Lernen Vorrang haben.“ Nötig seien aber nicht nur Regeln, sondern auch Medienbildung und entsprechend geschulte Lehrkräfte.
Erfahrungen aus
Rosenheim fließen ein
Dieser Linie folgt auch René Krieger, stellvertretender Vorsitzender der Landeselternvereinigung und Vorsitzender des Elternbeirates am Sebastian-Finsterwalder- Gymnasium in Rosenheim. Er plädiert allerdings bei der Frage nach einem Handyverbot für Lösungen vor Ort an den Schulen: „Ein Verbot der Nutzung der Geräte im Bereich der Schule stößt auf höhere Akzeptanz, wenn es vom Schulforum, also Schulleitung, Elternbeirat und Schülervertretung, beschlossen und nicht übergestülpt wird“, machte er deutlich. Die Frage nach dem Umgang mit dem Smartphone außerhalb der Schule liege aber in der Verantwortung der Eltern, die hier nicht nur steuernd eingreifen können, sondern am besten auch selbst Vorbild sind.
Schutz vor digitalem
Mobbing wichtig
Einig waren sich Krieger und Eiling-Hütig bei der Nutzung sozialer Netzwerke: Hier sei es, um Kinder und Jugendliche vor Mobbing und schädlichen Inhalten zu schützen, notwendig, dass der Gesetzgeber eingreift. Unabdingbar sei aber auch die Medienbildung in der Schule.