Mühldorf – Seit einem Jahr hält die erratische Politik von US-Präsident Donald Trump die Welt in Atem. Hinzu kommen Konflikte und Kriege und ein aufsteigendes China. Alles Herausforderungen für die heimischen Unternehmen, Herausforderungen, die Mühldorfs größter Arbeitgeber ODU bestens meistert. Wie, das erklärt ODU-Chef Dr. Henner Spelsberg im OVB-Gespräch.
Vor gut einem Jahr sagten Sie, die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump treibe Ihnen „Tränen in die Augen und Schweiß auf die Stirn“. Wie sieht es heute aus?
Angst und Schweiß sind nicht die treibende Kraft. Angst ist ein ganz schlechter Begleiter, persönlich nicht und unternehmerisch erst recht. Es geht darum, die Realitäten der Welt zu sehen und anzunehmen. Wenn in Nordamerika die Bevölkerung eine Regierung wählt, die einen anderen Kurs verfolgt, oder wir in China eine Regierung haben, die auch einen sehr klaren Kurs verfolgt, dann gilt es, das anzunehmen.
Wir überlegen immer, wie wir damit aktiv umgehen. Bei den Zöllen haben wir mit den Kunden Lösungen gefunden und weisen die Zölle auf unseren Rechnungen explizit aus. Wir zeigen dem Kunden: „Das ist keine versteckte Preiserhöhung, wir verdienen daran nichts.“ Das klingt wie eine Kleinigkeit, ist aber mit sehr viel Aufwand verbunden, weil die Zölle und deren Berechnung gar nicht so trivial sind.
Gleichzeitig stellen wir uns auch die Frage: Welche Chancen liegen darin? Jede Entwicklung, und zwar wirklich jede Entwicklung, ist auch gleichzeitig eine Chance.
Wie haben die Kunden darauf reagiert?
Wir sind gemeinsam mit unseren Kunden sehr strukturiert mit der Situation umgegangen und konnten einen Großteil der zusätzlichen Belastungen transparent weitergeben. Das hat insbesondere in Nordamerika einen intensiven Austausch erfordert, da sich die Rahmenbedingungen mehrfach verändert haben. In vielen Fällen stand für unsere Kunden jedoch weniger der Preis im Vordergrund als vielmehr die verlässliche Verfügbarkeit unserer kritischen Komponenten. Dennoch bleibt festzuhalten, dass sich daraus preislich oder margenseitig ein Wettbewerbsnachteil gegenüber lokalen Anbietern ergibt.
Hat es Ihrem Geschäft geschadet?
Wir haben auch in Nordamerika ein deutlich steigendes Geschäft, auch im Verteidigungsbereich. Wir wurden auch für neue Designs ausgewählt. Der Bedarf nach unseren Leistungen scheint immer noch ungebrochen zu sein. Wenn es um die Leistungsfähigkeit oder den Preis geht, dann gewinnt immer wieder das Erstgenannte: die Leistungsfähigkeit.
Know-how schlägt also Nationalismus?
Sagen wir es so: Im Ergebnis ist das Leistungsversprechen, das wir geben, mehr wert als das Bestreben nach nationaler Unabhängigkeit. Der Glaube an die globale Vernetzung und an die westliche Zusammenarbeit ist auch in Nordamerika immer noch größer als das Streben, sich völlig unabhängig zu machen.
Sie haben gesagt, das USA-Geschäft ist gewachsen. Können Sie das beziffern?
Wir sind als Gruppe insgesamt wieder im zweistelligen Prozentbereich gewachsen. Da sticht keine Region hervor. Wir sind in der Medizintechnik und in der Verteidigungstechnik stärker gewachsen als erwartet: etwa doppelt so stark, wie wir geplant hatten. Wir sind auch außerhalb der USA gewachsen, weil alle Nicht-US-Amerikaner einen großen Bedarf haben, eine US-unabhängige Lieferkette aufzubauen. Das ist für uns eine Herausforderung und gleichzeitig eine Chance.
Welche Chancen?
Die größte ist, dass Europa die außergewöhnliche Möglichkeit hat, sich als wirklich stabile, verlässliche, unabhängige Versorgungsquelle zu etablieren. Das merken wir in Europa, das merken wir aber auch in anderen Teilen der Welt. Auch dadurch haben wir neue Aufträge bekommen. Bei hochkritischen Anwendungen kommt es für die Leistungsfähigkeit des Hauptsystems am Ende immer auch auf den Stecker und das Kabel an, die hoch zuverlässig sein müssen.
Was heißt das für ODU?
Die Dynamiken im Markt sind fast zu groß und zu viele. Wir müssen uns konzentrieren und das auswählen, was uns langfristig trägt.
Hat der Iran-Krieg für Sie Auswirkungen?
Wenige unmittelbare. Natürlich wird es erhöhte Energiepreise geben. Bei den Gütern und Rohstoffen wird es Verzögerungen geben. Wir arbeiten vermehrt mit unseren Beständen, um die Unruhe in den Märkten auszugleichen. Uns treibt mehr die wahnsinnige Steigerung der Metallpreise, also Gold und Silber, um. Wir haben viele Kontakte, bei denen Gold gebraucht wird.
Das heißt?
Hier geht es nicht nur um die Versorgung, sondern auch um den Preis. Der Goldpreis ist im letzten Quartal 2025 bis heute teilweise bis zu 70 Prozent gestiegen. Das spüren wir und wir müssen mit unseren Kunden klären, wie wir damit umgehen.
Gibt es keine Alternativen zu Gold?
Wir arbeiten daran. Es wird aber keinen vollständigen Ersatz geben. Es geht darum, die Stecker noch leistungsfähiger zu machen und gleichzeitig weniger Gold einzusetzen.
Sie hatten vor einem Jahr auch überlegt, Teile der Fertigung aus Mexiko in die USA zu verlagern.
Da haben wir nichts unternommen. Inzwischen erkennen auch die Amerikaner, dass die Region Kanada-USA-Mexiko sehr verzahnt ist und die Lohnabstände in den USA gegenüber Mexiko eklatant sind. Bei personalintensiven Arbeiten schlägt daher der Lohnkostenvorteil weiterhin den Zollnachteil. Wir werden uns in Nordamerika aber auf jeden Fall resilienter aufstellen.
Kann man nach einem Jahr Trump sagen: „Es wird nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird“?
Strategisch ist man immer gut beraten, mit Gelassenheit in die Welt zu blicken. Operativ bedeutet es für unsere Leistungsgemeinschaft bei ODU, dass viele Kolleginnen und Kollegen sehr viel Aufwand betreiben müssen. Die Themen kommen oft mit wenig Ankündigungszeit plötzlich hoch und die Kunden können zu Recht von uns erwarten, dass wir das schnell für sie lösen. Das ist Teil unseres Leistungsversprechens.
Ist vielleicht auch generell das Interesse gewachsen, den Freihandel zu erhalten?
Ich glaube, dass die großen Player dieser Welt wie China und Nordamerika mit einer sehr klaren Politik des Machtanspruchs mehr auf Unabhängigkeit setzen. Europa kann sich aber als Vertreter des freien Handels jetzt genau richtig positionieren. Europa hat eine ganz klare Berechtigung in dieser Welt: Es ist nicht so erratisch wie andere Regionen.
Worauf kommt es an?
Wir müssen uns als Europa wieder mehr zutrauen. Wir haben gute Köpfe. Wenn wir dem einzelnen Menschen wieder mehr zutrauen und nicht dem Anspruch erliegen, alles regeln zu wollen, dann kann Europa auch wieder die Kraft entfalten, die in ihm steckt. Dazu passt auch unser Set-up mit unserer Zentrale in Europa und Vertretungen in Nordamerika und Asien.
Um die dortigen Entwicklungen mitzubekommen?
Absolut. Das Gebilde ODU braucht seine globale Aufstellung. Wir stehen ja dafür, dass wir verlässliche Lösungen am Puls der technologischen Entwicklung bereitstellen. Da gibt es Felder, da ist Europa führend, dann gibt es Felder, da ist Nordamerika führend, und auch China ist wiederum führend in anderen Feldern.
Bleibt es bei Ihren langfristigen Wachstumszielen?
Wir sehen unsere strategische Ausrichtung weiterhin bestätigt, auch weil einige Themen aktuell deutlich an Dynamik gewinnen. Die Märkte bieten uns attraktive Wachstumsmöglichkeiten. Entscheidend ist nun, dass wir uns so aufstellen, dass wir dieses Potenzial auch erschließen können. Dabei geht es nicht nur um Kapazitäten, sondern auch darum, wie wir arbeiten. Es bleibt eine anspruchsvolle Aufgabe, aber wir – und damit meine ich alle 2.800 Kolleginnen und Kollegen – haben unsere Zukunft selbst in der Hand. Ganz in dem Sinne unseres Unternehmensmottos „wODUzählst“.
Das ist doch eine schöne Position, seine Entwicklung selbst in der Hand zu haben.
Ja, und dessen sind wir uns genauso bewusst wie Ministerpräsident Markus Söder, als er anlässlich seines Besuchs zur Einweihung unseres neuen Logistikzentrums sagte: „ODU ist ein megageiles Unternehmen.“
Jörg Eschenfelder