Stress im Kopf: Unterwegs im Demenz-Parcours

von Redaktion

Was passiert im Gehirn eines Demenzkranken und wie fühlt es sich an, wenn alltägliche Handlungen zur Qual werden? Eine Volontärin wagt in Mühldorf den Selbstversuch und testet am Gesundheitsamt einen Demenz-Parcours, der die Symptome der Krankheit für gesunde Menschen erlebbar machen soll.

Mühldorf – Wie fühlt es sich an, dement zu sein? Theresa Gruber, Volontärin bei den OVB-Heimatzeitungen, will es wissen – obwohl diese meist im Alter auftretende Erkrankung für die 20-Jährige kaum fassbar ist. Beim Tag der offenen Tür am Gesundheitsamt Mühldorf bekommt sie die Chance: im Demenz-Parcours.

Roboter:
„Hallo Elvis“

Am Eingang bildet sich eine Menschentraube. Der Grund: Eine Frau hält eine Art „Fellknäuel“ auf dem Arm. Julia Weiss, Geschäftsstellenleiterin der Gesundheitsregion plus, erklärt: „Das ist Elvis, unser Haustierroboter!“ Die Volontärin nimmt ihn auf den Arm und erkennt – naja, auf den ersten Blick erkennt sie nicht wirklich, was das denn sein soll. Ein graues Stofftier mit Augen und kleinen Ohren – ein Gesicht kaum zu erkennen. Sie erschrickt: „Das bewegt sich! Und macht Geräusche!“ Tatsache: Das kleine Wesen fängt an, zu murmeln und bewegt den Kopf hin und her. Gruber spürt, wie sich ihr Körper beruhigt.

Elvis sei für Menschen mit Demenz entwickelt, berichtet Weiss. Der kleine Roboter „wohnt“ im Gesundheitsamt, steht aber als Leihgabe zum Beispiel für Pflegeheime zur Verfügung. Gerade für Demenzpatienten, die früher selbst Haustiere hatten, eignet sich Elvis gut. Nähe. Zuneigung. Und vor allem: Zuspruch. „Es fördert die soziale Interaktion“, erklärt Weiss. „Viele Menschen öffnen sich dadurch wieder.“

Gruber möchte ihn gar nicht mehr loslassen: „Es fühlt sich an, als hätte ich eine kleine Katze auf dem Arm!“ Nach diesem berührenden Einstieg blickt sie noch gespannter auf den Demenz-Parcours: Wenig später steht Gruber vor einer schlichten Holzbox, in die sie von oben hereinschaut. Ein Brett versperrt den Blick auf ihre Hände, nur ein Spiegel im Inneren soll ihr Orientierung geben. Nun taucht sie in die Welt der Demenz ein. Sie schlüpft in die Rolle einer Frau namens Erna, die erkrankt ist.

„Erna ist müde. Sie legt sich auf ihr Bett. 16.08 Uhr zeigt der Wecker. Erna kennt die Bedeutung der Zahlen nicht mehr. 17.33 Uhr. Sie ist immer noch müde. ‚Mittagessen. Ich muss kochen. Habe ich heute schon Mittag gegessen?‘ (…) Die Kinder sagen: ‚Mama, früher warst Du so ordentlich. Räum doch einfach mal auf!‘“ So steht es in einem Heft, das die fiktive Geschichte einer Frau erzählt, deren eigenes Zuhause sich plötzlich fremd anfühlt. Ihr Alltag bildet die Rahmenbedingungen für die 13 Teststationen.

Die Box greift das Thema Haushalt auf. Darin herrscht Chaos. Mülltüten, Becher, Stifte, bunte Gummis. Begleiterin Julia Weiss stellt einen Timer. Zwei Minuten für das Aufräumen. Theresa Gruber merkt, wie ein Druck in ihr hochsteigt. In Gedanken versucht sie, sich zu beruhigen: „Du kannst das.“ Sie muss in der gemessenen Zeit Aufgaben abarbeiten. Becher sortieren, Stifte aufräumen, Müll wegwerfen. Banale Handlungen aus dem Alltag. Aber eben alles aus einer neuen Perspektive. Da sie ihre Hände nur über dem Spiegel sehen kann, spielt ihre Motorik wahrlich verrückt.

Weiss macht es der 20-Jährigen nicht leicht: „Theresa, was stellst du dich denn so an? Warum brauchst du denn solange? Mach doch einfach den Haushalt. Die Zeit tickt!“ Das helfe, den Einfluss von außen besser zu verstehen. „Wie sehr Umgebung, Druck oder Ungeduld die Situation zusätzlich erschweren können“, so Weiss.

Theresa Gruber richtet ein riesiges Chaos an: Becher fliegen durch die Luft, Stifte fallen auf den Boden und die Volontärin ist alles andere als entspannt: „Man weiß ja eigentlich, dass man es kann. Aber durch den Spiegel und den Zeitdruck entsteht ein großer Stress im Kopf.“ Die Zeit ist um. Gruber schaut in die Box, die unordentlicher ist als zuvor. „Ich hab’ mich so unwohl gefühlt. Mein Gehirn wurde durch den Spiegel irgendwie gebremst.“ Sie merkt, dass sie sich mehr Unterstützung von außen gewünscht hätte. „Jetzt verstehe ich, welchen Einfluss die Familie oder Freunde auf einen haben können.“

Beim Stand „Autofahren mit Demenz“ fährt Gruber das Spielzeugauto gegen die Wand der Simulationsbox. Oben fühlt sich wie unten an, das Gehirn wie ein dicker Knoten. „Ich bin plötzlich so unsicher.“ Als sie versucht, vor dem Spiegel mit Messer und Gabel zu essen, fliegt die rote Papierkugel, die Fleisch darstellt, durch den Raum. Ein kurzer Moment der Frustration macht sich breit. Es ist nur eine Übung – und doch wird spürbar, wie schnell Überforderung entstehen kann. Einfache Tätigkeiten, die im Alltag selbstverständlich erscheinen, wie Verkehrsschilder lesen, geraten durch die Spiegelperspektive ins Stocken. Die Hände gehorchen nicht mehr.

Der Parcours von „Hands on Dementia“ basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Entwickelt wurde er, um Außenstehenden einen Perspektivwechsel zu ermöglichen. Um sich in den Kopf von Demenzpatienten hineindenken zu können. Geleitet wird das Projekt von Natalia Schweizer, Sozialpädagogin und Beauftragte des Demenz-Netzwerks Mühldorf.

Einfaches wird
plötzlich schwer

„Die einfachsten Sachen werden plötzlich schwierig“, sagt Schweizer. „Genau das wollen wir erlebbar machen.“ Der Parcours kann kostenlos ausgeliehen werden und wird bereits vielfältig genutzt: von Schulen, Gemeinden, aber auch von Betroffenen und ihren Angehörigen. „Es entsteht immer ein Austausch über die Krankheit“, so Schweizer. „Das ist uns besonders wichtig.“

Dabei gehe es nicht nur um ältere Menschen. „Von Demenz können auch Jüngere betroffen sein“, betont sie. „Es gibt ganz unterschiedliche Formen.“ Im Landkreis Mühldorf gebe es zahlreiche Hilfsangebote – gebündelt und zugänglich für Betroffene und Familien. Für Theresa Gruber bleibt nach dem Durchlauf vor allem ein Gefühl zurück: Respekt. Und ein neues Verständnis. „Man merkt, wie schnell man an seine Grenzen kommt“, sagt sie. „Und wie wichtig Geduld und Unterstützung von außen sind.“

Weitere Berichte zum Themenschwerpunkt Gesundheit auf ovb-online.de.

Hands on Dementia

Artikel 1 von 11