Waldkraiburg/Gars – „In zwei Minuten ist es soweit“, sagt Anna Walter. Die Tierbestatterin kommt aus der Krematoriumshalle zurück in den Verabschiedungsraum. Gegen 10 Uhr soll an diesem Tag in der Pegasus-Tierbestattung in St. Erasmus bei Waldkraiburg ein totes Pferd verbrannt werden.
Tierbestattungen sind
seit 2017 erlaubt
Seit 2017 ist es in Deutschland gesetzlich erlaubt, die Pferde nach dem Tod zu verbrennen. Das Krematorium in Waldkraiburg öffnete vier Jahre später. „Davor mussten sie in die Tierkadaver-Verwertungsanlage gebracht werden“, sagt Walter. Doch das werde den Wünschen der Tierbesitzer nicht immer gerecht. Die 38-Jährige weiß aus eigener Erfahrung, dass ein Pferd weit mehr als ein Nutztier ist. „Es ist ein Freizeitpartner und bester Freund“, sagt sie.
Der Mensch nutzt das Pferd schon seit vielen Jahren. Wann genau es domestiziert wurde, ist nicht bekannt. Bereits in der Antike benötigten die Menschen es, um Streitwagen zu ziehen. Seit dem neunten Jahrhundert wird das Pferd auch als Arbeitstier eingesetzt. Mit der Erfindung des Autos wurden die Vierbeiner als Transportmittel und Arbeitstier in den Industrieländern überflüssig.
Pferde sind vielen eine
emotionale Stütze
Über die Zeit hat sich der Nutzen vom Pferd geändert. Heute bietet das Tier viel emotionalen Halt für den Besitzer. Das weiß auch Sarah Hacker. Wenn die 39-jährige Pferdewartin und -trainerin zur Pferdekoppel geht, dreht sich ihre Alt-Oldenburger Stute Moonlight schon von Weitem in ihre Richtung. „Pferde erkennen ihren Besitzer oft schon am Schritt“, sagt Hacker.
Seit 2011 betreibt sie den Hof in Höhenberg in der Gemeinde Gars. 28 Pferde leben auf dem Gelände. Die meisten gehören Hacker und dienen als Schulpferde für Reitschüler. Besonders für die Kinder und Jugendlichen stelle das Reiten ein Hobby abseits der digitalen Welt dar, sagt die 39-Jährige. Das sei wichtig, auch um Empathie zu fördern.
Hacker schätzt vor allem auch die Gutmütigkeit der Pferde. Mit ihren rund 700 Kilogramm Gewicht sind die Tiere den Menschen körperlich überlegen. „Dennoch nutzen sie das nicht aus, sondern versuchen es uns recht zu machen und die Anweisungen so gut es geht auszuführen“, betont die 39-Jährige. Die Tiere sind für Hacker wie „ein Anker, der einen auffängt“. Das Pferd spiegle die eigene Laune und Gefühle wider, sagt sie. „Ist man selbst unruhig, ist es auch das Pferd.“ Das Tier helfe einem, die eigenen Emotionen wahrzunehmen, sagt Hacker.
Die Vierbeiner begleiten einen zudem häufig über viele Jahre. Ihre Stute Moonlight ist vor 14 Jahren als Fohlen zu Hacker gekommen. „Pferde haben eine hohe Lebenserwartung“, sagt sie. Das älteste Pferd auf ihrem Hof ist bereits 37 Jahre alt. Auch Hacker weiß: Wenn ein Pferd stirbt, verlieren Besitzer einen langjährigen Weggefährten und Freund. Viele wünschen sich deswegen ein würdevolles Ende für ihr Tier, sagt sie.
Im Eingangsbereich des Pferdekrematoriums stehen kleine Urnen in Schwarz, Weiß oder Beige. Pferdebesitzer können sich entscheiden zwischen Urnen mit Bild oder ohne, mit Hufeisen, Modellen aus Keramik, Holz oder Kupfer, heißt es auf der Website von Pegasus Tierbestattungen.
Auch Anhänger mit den Haaren oder der Asche des Pferdes oder ein Abdruck des Hufes in Ton können als Erinnerungsstück erworben werden. Das Tierbestattungs-Team versuche, den Abschied so gefühlvoll wie möglich zu gestalten, sagt Walter. Im Verabschiedungsraum sind LED-Kerzen angeschaltet, der Name des verstorbenen Tieres steht auf einem Schild, Taschentücher stehen bereit. Rund 20 Einäscherungen im Monat finden statt, erklärt Walter. Die Kosten pro Verbrennung belaufen sich je nach Größe des Pferdes auf rund 2.500 Euro.
Zuvor braucht es noch einen Antrag beim Veterinäramt. Da Pferde laut Walter rechtlich gesehen als Nutztiere gelten, ist nach dem Tod der Tiere eigentlich die Tierkadaververwertungsanlage vorgesehen – zur Eindämmung von möglichen Seuchen. Per Bescheid ist jedoch auch eine Verbrennung möglich.
An diesem Tag soll ein Schimmel verbrannt werden. Das tote Tier liegt in einer großen Kiste aus Holz. Der Körper ist mit einer blauen Decke zugedeckt, nur die Hufen und der Kopf sind wahrnehmbar. Ein paar Blumen liegen auf der Schläfe des Pferdes. Das Tor zum Ofen öffnet sich und die Holzbox samt Pferd fährt in den rund 1.000 Grad heißen Raum. Danach schließt sich das Tor wieder. Etwa sechs bis acht Stunden dauere die Einäscherung, erklärt Walter. Und noch einmal so lang, bis die Asche abgekühlt ist und der Besitzer sie abholen kann.