Waldkraiburg – Für die Bewohner war es ein Schock, als Ende März die Kündigungen ihrer Wohnungen in der Graslitzer Straße 60 bis 72 in Waldkraiburg in der Post lagen. „Meine Mutter war aufgelöst“, sagt ein Sohn einer Bewohnerin, der anonym bleiben möchte.
Bewohner müssen
bis Ende 2026 raus
Bis Ende des Jahres müssen die Mieter ausgezogen sein. Eine zu kurze Frist, findet der Waldkraiburger mit Blick auf den Wohnungsmarkt in der Stadt. Er hätte sich gewünscht, von einer derartigen Kündigung wenigstens zwei Jahre im Voraus zu wissen. So bleibe genug Zeit, sich darauf vorzubereiten, sagt er. In den Wohnungen lebten einige ältere Personen, schon über viele Jahre. Das gewohnte Heim verlassen zu müssen, sei für sie ein herber Schlag, so der Waldkraiburger.
Die Wohnungen in der Graslitzer Straße 60 bis 72 wurden in den Jahren 1973 und 1974 als Sozialwohnungen von der WSGW gebaut, erklärt ein Sprecher der Wohnungs- und Siedlungsgenossenschaft auf Anfrage. 2018 hatte die WSGW die Wohnungen verkauft. Zu diesem Zeitpunkt lagen die Wohnungen laut dem Sprecher noch in der Preisbindung. Er geht davon aus, dass die Preisbindung zum 1. Januar 2025 oder 2026 endete. In der Zwischenzeit habe es mehrere Besitzerwechsel der Wohnblöcke gegeben, so der Sohn der Bewohnerin. Mittlerweile würden die Gebäude einer U-Living GmbH gehören.
Die U-Living GmbH ist ein Immobilienunternehmen mit Sitz im Landkreis Deggendorf. Auf der Website „u-living-invest“ wirbt das Unternehmen dafür, in Immobilien als Wertanlage zu investieren. Die Firma bewertet Waldkraiburg unter der Frage „Wie sicher ist die Vermietung?“ als „stabilen Arbeitsstandort“. „Kernsanierter Wohnraum ist knapp – Nachfrage strukturell stabil.“ Für Investoren übernehme U-Living die Erstvermietung.
Der Waldkraiburger befürchtet, dass U-Living die Wohnungen nach der Sanierung wiederum als Eigentum verkaufe.
U-Living äußert sich nicht zu Kündigungen
„Klar die Fenster gehören gemacht“, sagt er. Aber der Rest sei noch intakt und sozialer Wohnraum ginge so verloren. Die Betroffenen müssten sich anderweitig umschauen, was nicht einfach werde, meint der Sohn der Betroffenen. Laut der Stadt sind derzeit 143 Personen in den Wohnungen in der Graslitzer Straße 60 bis 72 gemeldet. Genauere Angaben zur Anzahl der von der Kündigung betroffenen Personen liegen der Redaktion nicht vor. Der Sohn der Bewohnerin schätzt, dass es rund 80 Mietverhältnisse treffe. Sie alle bräuchten nun Wohnungen in Waldkraiburg. Auch der Stadt ist bekannt, dass die Wohnungen in der Graslitzer Straße gekündigt wurden. Laut der Verwaltung ist der Wohnungsmarkt in Waldkraiburg jedoch nicht angespannt. Sie bewertet ihn als „ausgewogen“. „Gerade im Bereich des sozial geförderten und damit als bezahlbar geltenden Wohnungsbaus ist das Wohnungsangebot höher, als es durch die Stadt selbst und deren Bevölkerungsentwicklung notwendig ist“, heißt es auf Anfrage. Mit einigen betroffenen Bewohnern sei die Stadt bereits in Kontakt.
Die U-Living GmbH will sich zu den Kündigungen nicht äußern, das teilte eine Mitarbeiterin am Telefon mit. In einem Kündigungsschreiben, das der Redaktion vorliegt, heißt es, dass in der Bausubstanz des Gebäudes „erhebliche Mängel, insbesondere bei Heizungs- und Warmwasseranlagen, der Elektroinstallation und dem Brandschutz“ bestünden. Aufgrund dessen sei eine „groß angelegte Sanierung“ nötig. U-Living beruft sich deswegen auf eine „Verwertungskündigung“.
„Bei der Verwertungskündigung geht der Gesetzgeber davon aus, dass ein Eigentümer durch die Fortsetzung des Mietverhältnisses an einer angemessenen wirtschaftlichen Verwertung des Grundstückes gehindert wird und ihm dadurch erhebliche Nachteile entstehen“, heißt es dazu auf deutschesmietrecht.de. Dazu müsse der Eigentümer eine andere und angemessene Verwertung der Immobilie vorgesehen haben, was durch den Mietvertrag verhindert werde. Darunter fielen auch grundlegende Modernisierungs- und Sanierungsarbeiten. Gegen die Verwertungskündigung hätten die Bewohner Beschwerde eingelegt, sagt der Waldkraiburger.