Zum Erzählen verführt: Senioren erinnern sich

von Redaktion

Heimat- und Kulturkreis organisiert wieder ein „Erzählcafé“, wo das Jettenbacher Landleben beleuchtet wurde

Jettenbach – Mit einer Lesung aus dem Buch „Spuren des Neubeginns, Frauenleben im Landkreis Mühldorf nach 1945“ eröffnete die Ehrenvorsitzende Elvira Schreiner das Erzählcafé. 28 Personen waren der Einladung des Heimat- und Kulturkreises gefolgt.

„Müh und Arbeit war ihr Leben“, so begann die Geschichte von Maria Heindl, der in Grafengars geborenen späteren Kramerin. Die Nachkriegsstory beginnt im März 1945 und schildert den Neuanfang auf dem Land. Mit den 5.000 Mark Schulden beim Vater und den 1.000 Mark Erspartem gründete Maria einen Gemischtwarenladen. Ihr Gatte, der „Schmied Hans“, betrieb neben seiner Schmiede ein Auto-Taxi. Ein Auto war damals noch rar. Die Familie Heindl war geschäftstüchtig und ein Synonym für das Nachkriegsdeutschland. Als Moderator fungierend öffnete der Geschichtskoordinator des Landkreises Mühldorf, Daniel Baumgartner, mit seinen Fragen die Herzen der Gäste. Peter Heindl erzählte von einem lebendigen Dorfleben. Nahezu konstant hatte Jettenbach über die Zeit 700 bis 800 Einwohner. Die Brauerei beschäftigte rund 80 Mitarbeiter und war der größte Arbeitgeber. Von unzähligen Klein- und Kleinstbauern berichtete Sigfried Stuhlrainer. Selbstversorger zu sein, war in jener Zeit kein Hype, sondern Lebensgrundlage. Ein Leben auf einem verwitweten Hof mit etwa zehn Milchkühen schilderte Therese Wimmer. Der Vater im Krieg gefallen, bewirtschafteten die Mutter von der „Wimmer Resi“ mit Helfern den Hof notgedrungen selbst. Per Zeitungsanzeige wurde schließlich ein neuer Ehemann gefunden und Hof bekam einen neuen Bauern.

Dorle Jonda berichtete in der lockeren Atmosphäre von schneereichen Wintermonaten. An einem Seil hängten die Schulkinder ihre Schlitten an den Bulldog einfach an. Nicht selten endete eine Fahrt im Graben. Von der Waldrandsiedlung bis ins Schulhaus im Dorf brauchte man schon eine halbe Stunde. Auf dem Heimweg konnte schon es auch mal drei Stunden dauern. Je nachdem, ob einer in den Bach am Mooswiesenweg fiel oder sonstige Ereignisse dazwischenkamen, berichtete Elvira Schreiner.

Auch von den drei Schulgebäuden, dem Hechenthalerhaus in der Hauptstraße, der „alten Schule“ und der „Neuen“, an der Grünthaler Straße war zu hören. Damals gab es zwei Klassen. Von der ersten bis zur vierten Klasse und von der fünften bis zur achten Klasse. Da waren die Kinder und Lehrer gleichermaßen gefordert, konzentriert zu bleiben. Ein sehr guter Lehrer sei er gewesen, der Lehrer Knoll. Bei dem einen oder anderen Störenfried kam schon mal das Tatzensteckerl zum Einsatz. Heute wären die damaligen Praktiken zur Erziehung nicht mehr möglich. Da war sich die Gesprächsrunde einig. Vom Hamstern, Organisieren oder schwarz Schlachten war auch die Rede. „Das war in dieser Zeit kein Spaß an der Freud“, sondern oft notwendig fürs Überleben, kam es aus der Teilnehmerschaft. Viele Berichte und Geschichten sind auf der Homepage www.erinnern 45.de/Rueckblick als Mitschnitt hinterlegt.

Auch einen musikalischen Beitrag gab es noch. In dem von Elvira Schreiner vorgetragenen Jettenbacher Lied werden die Eigenschaften der Maderl und Burschen aufgezeigt und deren Lieblingsplatz besungen. cg

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