Waldkraiburg – Zum Höhepunkt der Jahresversammlung des Waldkraiburger Fördervereins Stadtmuseum wurde der Vortrag von Tomàs Cidlina, studierter Historiker am Regionalmuseum in Böhmisch Leipa. Er hatte schon zwischen 2018 und 2021 mehrere Reisen nach Deutschland unternommen, um noch lebende Personen zu finden, die in ‚Leipsche‘ geboren waren. In seinem gleichnamigen Buch zeichnete er dies auf.
Enge Verbindung mit Waldkraiburg hat er, seit Archivar Konrad Kern das Haidaer Archiv nach Tschechien übergeben hatte. Daraus entwickelte sich ein vorbildliches Zeichen deutsch- tschechischer Zusammenarbeit, ja Verbundenheit. So warteten die interessierten Zuhörer auf Cidlinas Ausführungen zum Thema „Das Jahr 45 – Wege zur Versöhnung am Beispiel Böhmisch-Leipa-Waldkraiburg“, die er in perfektem Deutsch vortrug. „Geografisch liegen wir immer Seite an Seite, doch seit 1.000 Jahren stehen unsere Länder im Wechsel. Im 20. Jahrhundert gab es sehr viele Probleme, und Vaclav Havel setzte in den letzten 30 Jahren ein positives Zeichen. Doch den älteren Tschechen wurde der Hass gegen Deutschland im Kommunismus eingeimpft, die Feindschaft den Deutschen im Nationalsozialismus. Um daraus eine Freundschaft entstehen zu lassen, ist absolute Ehrlichkeit notwendig“, begann Cidlina seine Ausführungen.
Seit dem Hochmittelalter lebe man zusammen, als deutsche Kolonisten kamen. 1848 beispielsweise gingen deutsche und tschechische Studenten gemeinsam auf die Barrikaden. Die große Krise begann im Ersten Weltkrieg: Zwölf neue Staaten waren entstanden, es gab Identitätskrisen in vielen deutschen Siedlungen: Man war noch der Monarchie ergeben. „Ich erfuhr in der Schule nichts davon. Menschen starben für ihre Treue zur Monarchie. In Böhmisch-Leipa gab es Zusammenstöße zwischen Tschechen und Deutschen, ein Standbild Kaiser Josephs II. wurde gestürzt. 1923 kam ein Gesetz zum Schutz der Republik heraus, die Zahl der Arbeitslosen stieg rasant. Extreme politische Lager erstarkten, die Wirtschaftskrise wurde zum Politikum“, so Cidlina.
Konrad Henlein als führende Person begeisterte die Massen. In Leipa versammelten sich zum Beispiel 1934 10.000 Menschen. 1938 wurden Hitlers Thesen propagiert. In den Dörfern um Haida protestierte man zwar dagegen, doch Henlein überschritt die Grenzen: Eine Synagoge geriet in Brand. 200.000 Menschen fielen diesem Handeln zum Opfer, Hunderte gerieten in Gefangenschaft, auch aus Leipa. Man hatte keine Möglichkeit, sich den Nazis entgegenzustellen.
Als im Mai 1945 das Sudetenland kapitulierte und unter tschechische Verwaltung geriet, begann die Vertreibung der Sudetendeutschen. Millionen von wehrlosen Leuten wurden umgesiedelt, aus Leipa 15.000 und 10.000 aus den umliegenden Orten, eine tiefe Kluft entstand.
Die neue tschechische Regierung probierte soziale Experimente und bis in die Gegenwart mangelt es beispielsweise an kulturellen und nationalen Einrichtungen. „Die Aufgabe heute besteht zweifellos darin, die deutsch-tschechischen Beziehungen in der dritten und vierten Generation zu stärken. Deswegen gilt mein Dank Konrad Kern und den Teilnehmern, die im Mai 2025 zu Besuch kamen“, so Cidlina.
Er versprach: „In unserer Region gibt es weitere Gemeinden, die dem Beispiel Leipas folgen wollen. Vieles aus eurem Archiv wurde übersetzt und bekannt gemacht und sprach das Mitgefühl der Bevölkerung an“.
Einen berührenden Moment habe es bei einem Musik-Festival in Dauba gegeben, als die Komposition „Der hölzerne Christus“ in der zerstörten Kirche aufgeführt wurde: trotz allem ein Zeichen der Versöhnung.
„Die Menschen müssen verstehen lernen, wie grundlegend der Begriff Heimat ist. Sie müssen ihn im Herzen tragen, wo auch immer auf der Welt. Nur wenn man sich über die Vergangenheit einigt, kann man die Gegenwart bewältigen“, so Tomàs Cidlinas Schlusswort. fis