Waldkraiburg – Im Innenhof der Graslitzer Straße 60 bis 72 herrscht Aufregung. Rund 25 Personen haben sich versammelt. Sie und alle weiteren rund 140 Bewohner trifft dasselbe Schicksal. Zum 31. Dezember 2026 sollen sie aus ihren Wohnungen raus. Ende März lag die Kündigung des neuen Investors im Briefkasten. „Ich habe zwei Kinder und mein Mann ist Rentner“, sagt eine Frau. „Wir haben alle Kinder“, betont eine weitere Bewohnerin.
In den ehemaligen Sozialwohnungen, die in den 70er-Jahren von der WSGW erbaut wurden, mittlerweile mehrmals verkauft und nun der U-Living GmbH gehören, sind die Mieten noch günstig. Bewohnt von Personen, bei denen der Geldbeutel aus unterschiedlichen Gründen klein ist. Klar, es gebe freie Wohnungen in der Stadt, aber diese seien zu teuer, sagen mehrere Bewohner. „Wo sollen wir hin?“, fragen sie sich.
Günstige Wohnungen
sind Mangelware
In einem Kündigungsschreiben, das der Redaktion vorliegt, beruft sich U-Living auf Sanierungsmaßnahmen und eine damit einhergehende Verwertungskündigung. Die Bewohner können nicht nachvollziehen, warum sie deswegen ausziehen sollen. Während der Sanierung könnten sie woanders wohnen. Anschließend seien sie bereit, auch mehr Miete zu zahlen, erklären mehrere Betroffene.
Manche haben sich laut eigenen Angaben schon bei der WSGW und der Stadtbau Waldkraiburg nach anderen günstigen Wohnungen erkundigt – jedoch ohne Erfolg. Es gebe lange Wartezeiten, Bekannte von ihnen würden schon Monate auf eine Wohnung warten. „Wir haben Angst, auf der Straße zu landen“, sagt eine Frau, „ich wohne schon 50 Jahre hier“, eine andere. Einige fühlen sich dem Eigentümer ausgeliefert. „Er spielt mit uns“, findet eine Bewohnerin. Eine andere sagt: „Es kommen einfach ein paar Leute und tun einen raus.“
Auf Unverständnis stößt bei den Bewohnern auch, dass nur rund zwei Wochen vor der Kündigung Personen im Auftrag von U-Living in den Wohnungen gewesen seien, um etwaige Mängel festzuhalten. Bei vielen seien dabei nur die undichten Fenster angesprochen worden. Damals sei mitgeteilt worden, es werde saniert. Von einer Beendigung des Mietverhältnisses sei nicht die Rede gewesen. Dass die Wohnungen, wie in der Kündigung beschrieben, „erhebliche Mängel“ aufweisen und die „aktuellen Sicherheitsstandards“ nicht erfüllt würden, finden Bewohner übertrieben. Viele aus der Siedlung wollen rechtliche Schritte einleiten.
Auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen erklärt Alexander Kovin, Geschäftsführer von Real Estate Kovin, dass er die Verunsicherung und die Sorge der Bewohner „sehr ernst“ nehme. Für die Sanierung müsse jedoch das gesamte Haus leer stehen, um so die Fassade und alle alten Leitungen freilegen zu können. „Wir verstehen, dass die damit verbundenen Veränderungen für die Mieter eine große Belastung darstellen“, erklärt Kovin und verweist auf ein „umfangreiches Sozialpaket“ in Form von unter anderem Geldprämien an die Mieter, Unterstützung beim Umzug und voller Rückzahlung der Kaution. Kovin sagt, dass die Mieter eine „Rückkehr-Option“ hätten.
Eine Sanierung des Gebäudes ist laut Kovin dringend notwendig. „Starker Schimmelbefall, defekte Abwasserleitungen, veraltete Elektroinstallationen, Asbest in der Fassade, Drogenutensilien im Sandkasten und undichte Fenster und Türen“ seien vor allem Kindern nicht zumutbar, so der Geschäftsführer.
Diese Probleme können die Bewohner nur zum Teil bestätigen. Undichte Fenster und Türen sind ihnen bekannt. Vom Rest hören sie „zum ersten Mal“, erklärt ein Betroffener auf Anfrage der Redaktion. Auch acht weitere Mieter hätten diese Aussagen negiert, sagt der Mann. „Nur eine Nachbarin hat geschrieben, sie habe Schimmel. Aber die Ursache wäre das alte Fenster, das schon längst ausgetauscht werden sollte“, erklärt er.
Auch die Aussage Kovins, in der Fassade sei Asbest verbaut, konnte die Redaktion nicht nachprüfen. Die WSGW als Erbauer der ehemaligen Sozialwohnungen teilt auf Anfrage mit, dass sie zu den damaligen Baustoffen keine Auskunft mehr geben könne. „Sämtliche Unterlagen, die im Zusammenhang mit dem Bauvorhaben Graslitzer Straße vorhanden waren, sind dem damaligen Käufer ausgehändigt worden“, heißt es.
Die Immobilienfirma Kovin Group bewirbt die Wohnungen in Waldkraiburg in der Graslitzer Straße 60 bis 72 schon seit Oktober 2025 in den Sozialen Medien (Instagram). In einem Video zeigt Firmeninhaber Alexander Kovin das Areal und eine Wohnung von innen. Die Gebäude möchte er laut eigener Aussage „vollständig nach unserem Konzept sanieren und einzeln abverkaufen“.
Wohnraum soll
verdichtet werden
Zum Zustand des Inneren sagt er: Die Wohnungen sähen seiner Meinung nach „gar nicht so schlimm“ aus. „Wir haben schon weitaus Schlimmeres eingekauft und etwas Schönes daraus gezaubert.“ Besonders schätzt Kovin laut seinem Video die Raumaufteilung.
Kovin erklärt, dass die Immobilienfirma den Wohnraum in der Graslitzer Straße verdichten wolle. „Aus 77 Wohnungen machen wir durch Verdichtung und Aufstockung gesamt 122 Wohnungen“, sagt er. „Unser Ziel ist es, langfristig modernen und sicheren Wohnraum bereitzustellen. Gleichzeitig sind wir uns unserer Verantwortung gegenüber den aktuellen Bewohnern bewusst. Wir sind mit allen bereit, Gespräche zu führen, so fair und transparent wie nur möglich“, erklärt er. Laut den Instagram-Storys von Alexander Kovin und der Kovin-Group gibt es schon Interessenten für einzelne Wohnungen. Eine erste Wohnung wurde sogar bereits verkauft. Das zeigt eine Verzichtserklärung auf ein Vorkaufsrecht, die kürzlich im Briefkasten einer Bewohnerin lag. Darin die Information, dass ihre Wohnung am 20. März verkauft worden sei.