Beim Akt der Stadterhebung vor 70 Jahren. Vorne von links: Bürgermeister Karl Wintermeier, Landrat Albert Weggartner und Innenminister August Geislhöringer.
Neumarkt-St. Veit – Selina Ehm stellt die Geschichte des Neumarkter Kinos im Herzoglichen Kasten vor, Daniel Baumgartner lässt die Ereignisse rund um die Stadterhebung von Neumarkt vor 70 Jahren Revue passieren. „Der Festakt dazu fand im damaligen Kino statt“, erklärt Baumgartner. Damit schließt sich der Kreis: zwei verschiedene Themen, ein zentraler Berührungspunkt. „Wir haben sozusagen einen Wolpertinger daraus gebaut“, lacht Daniel Baumgartner.
Auch im Staatsarchiv
fündig geworden
Der Geschichtskoordinator des Landkreises Mühldorf hat sich monatelang zusammen mit der Filmwissenschaftlerin und Historikerin Selina Ehm, die wie er selbst aus Neumarkt-St. Veit stammt, geforscht. Die beiden haben in Archiven gekramt, auf Zeitungsartikel zurückgegriffen, mit Zeitzeugen gesprochen und in staatlichen Archiven zusammengetragen, um ihre beiden Vorträge mit interessanten Details rund um die Stadterhebung am 27. Mai 1956 zu füttern.
„Die Dokumentenlage rund um die Stadterhebung, von der ersten Überlegung bis zum letzten Akt, dem Brief an die GEMA, ist im Archiv der Verwaltungsgemeinschaft Neumarkt-St. Veit ausgezeichnet“, lobt Baumgartner den reichen Fundus im Schloss Adlstein.
„Vom damaligen Kino, das im Herzoglichen Kasten untergebracht war, hatte es kaum Bilder gegeben“, berichtet Selina Ehm.
Im Hauptstaatsarchiv jedoch wurde man fündig. Zwei noch nie zuvor gesehene Aufnahmen vom Foyer des Kinos haben sie besonders gefreut. Beeindruckt deswegen, weil sie das widerspiegeln, was ihnen einige Zeitzeugen von 1956 – darunter Marianne Berghammer, Walter Findl oder Hannelore Döring – in den spannenden Gesprächen berichtet hatten. Ehm ist heute noch beeindruckt über das detailgetreue Erinnerungsvermögen der betagten Neumarkter Gesprächspartner.
Bei der Recherche in den Staatlichen Archiven fand Baumgartner es spannend, zu sehen, wie sich der Markt Neumarkt seinerzeit selbst gesehen hatte, als es darum ging, für die Erhebung zur Stadt zu werben. In einer Mappe stieß er auf Bilder von Gewerbebetrieben wie der Ziegelei Reißl, der Spinnerei Ackermann, unbekannten Aufnahmen vom Stadtplatz, vom Rathaus mit Türmchen, von der Stadtapotheke.
„Besonders interessant: die Vergleichsaufstellung mit der Marktgemeinde Dorfen, die ebenfalls Stadt werden wollte“, fügt Baumgartner hinzu, der zugibt, dass diese Gegenüberstellung zum Schmunzeln anregt. Weil etwa die Einwohnerzahl von 3811 mit dem Wert der letzten Volkszählung angegeben wurde. „Wahrscheinlich waren es aber weniger, 3400, weil viele Vertriebene inzwischen weggezogen waren“, berichtet Baumgartner.
Sechs Tankstellen als
Kriterium für eine Stadt
Man habe sich mit den vorhandenen Behörden gerühmt, mit Amtsgericht, Notariat, Krankenhaus und Landespolizei, mit der Anzahl der niedergelassenen Ärzte, schließlich mit einem Haushaltsvolumen von 389.641,50 Mark oder sechs Tankstellen.
Warum man damals unbedingt Stadt werden wollte? Auch Historiker Baumgartner kann darüber nur mutmaßen. „Wohl aus Prestigegründen. Denn es brachte weder Vor- noch Nachteile!“ Ampfing hat heute sogar mehr Einwohner als Neumarkt-St. Veit, „ist aber immer noch Gemeinde“.
Aber es gab auch Widerstand. Gemeinderat Hans Peteranderl positionierte sich aktiv dagegen, lud die „Massen“ zu einer „entscheidenden Aussprache über die Stadterhebung“. Aussagen aus dieser Versammlung („Diktatur!“) musste er in einer Sondersitzung zurücknehmen.
Bereits einige Wochen zuvor, in der entscheidenden Gemeinderatssitzung, war sich das Gremium unter Bürgermeister Karl Wintermeier nicht einig. Lediglich mit 12:4 Stimmen wurde der Antrag zur Stadterhebung befürwortet.
Entsprechende Gutachten wurden erstellt, darunter auch ein historisches von Benno Hubensteiner, und auch Landratsamt und Regierung rechtfertigten schließlich die Stadterhebung, die am 25. April 1956 verliehen wurde. Die Feierlichkeiten dazu fanden am 27. Mai 1956 statt: im Kino, das damals im Herzoglichen Kasten untergebracht war.
Und dieses hat seine ganz eigene, nicht weniger interessante Geschichte. Sie beginnt 1926, und zwar mit Leni Maierhofer, die als Inhaberin auch die Geschäfte geführt hatte. „Ungewöhnlich zu einer Zeit, in der die Frauen noch für die Gleichberechtigung einstehen mussten.
Eine spannende Geschichte“, zeigt sich Selina Ehm fasziniert von der Historie des „Lichtspielhauses“, das laut Zeitungsannonce von damals „in einem der kleinen Wohnhäuser des vormaligen Fruhmannbräu-Anwesens“ untergebracht war. Als „Osterüberraschung“ von „Frau Direktor Mayerhofer“ wurde als „Sensationsstück“ am Ostersonntag, der auf den 1. April 1926 fiel, „Das blonde Hannele“ angekündigt. Die Geburtsstunde des Neumarkter Kinos. 100 Sitzplätze hatte es damals bereits. Nach einem Umbau 1930 erhöhte sich die Platzzahl auf 250.
1953 dann bereits der Umbau des Herzoglichen Kastens, der einen Anbau erhielt. Das Kino konnte nun auch als Veranstaltungssaal genutzt werden. „400 Sitzplätze fasste er. Das wird wohl ein Grund sein, warum man den sehr modernen Saal dem Postwirt oder der Genossenschaft vorgezogen hatte“, mutmaßt Baumgartner.
Ein Stück Hollywood
in Neumarkt
Zunächst seien es in den Nachkriegsjahren Heimatfilme gewesen, welche die Neumarkter ins Lichtspielhaus gelockt hatten, erklärt Selina Ehm. Doch heutige Klassiker, wie „Das Wirtshaus im Spessart“ mit Lilo Pulver (1958) wurden in den 1960er-Jahren immer mehr durch Filme der nun ins Rampenlicht tretenden jungen Regisseure wie Volker Schlöndorff, Rainer Werner Fassbinder und Margarethe von Trotta verdrängt.
Internationales Kino brachte den Hollywood-Glamour nach Neumarkt, wie „Kleopatra“ (mit Liz Taylor und Richard Burton von 1963) oder „My Fair Lady“ (mit Audrey Hepburn und Rex Harrison von 1964). Der „Onkel Filser“ mit Michl Lang und Hansi Kraus wurde ebenso auf die Leinwand im „Filmtheater Neumarkt“ gebannt wie „Ein Fall für Harper“ mit Paul Newman und Robert Wagner. Das war im Jahr 1968 noch der Fall, wie eine Zeitungsannonce belegt.
Filme gibt es auch
heute wieder – als DVD
Nicht viel später gingen im Kino dann aber die Lichter aus. Nach dem Tod der Kinobesitzer Georg (1966) und Leni Mayerhofer (1965) hatten die Söhne das Kino zwar zunächst weitergeführt. „Jedoch ohne großes Interesse“, bedauert Selina Ehm. 1968 war in der Zeitung zunächst noch die Sommerpause angekündigt worden, am 1. September sollte es weitergehen. „Aber die Türen des Kinos blieben für immer verschlossen!“
Der Herzogliche Kasten vegetierte in den folgenden Jahren ungenutzt vor sich hin, bevor er 1990 umgebaut wurde und heute Sitz der Stadtbücherei ist. Filme gibt es auch dort wieder. Allerdings nur noch in Form von DVDs, die man sich ausleihen kann.