Mettenheim – Auch nach acht Jahrzehnten ist diese Geschichte noch lebendig. Denn nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der damit verbundenen Vertreibung aus ihrer Heimat ab dem Jahr 1946 hat die Entstehung von Mettenheim-Hart ebenso wie die der Stadt Waldkraiburg begonnen. Die Kulturfreunde und der Geschichtskreis Mettenheim haben dazu zu einem Erzählnachmittag ins Gasthaus Kreuzer-Wirt eingeladen.
Irmgard Westermair, die mit Daniel Baumgartner vom Landratsamt Dreh- und Angelpunkt der Recherchen war, begrüßte die Interessenten, unter ihnen vor allem die Zeitzeugen. Aus der Bildersammlung von Hans Wimmer vorgetragen gab es immer wieder Wortmeldungen von Gästen, die sich selbst oder ihre Vorfahren erkannten.
Bunkeranlage soll
Gedenkstätte werden
Das Lager Mettenheim entstand 1944 als Außenlager des KZ Dachau, als etwa 8.300 Häftlinge und Kriegsgefangene unter unmenschlichen Bedingungen für den Bau einer bombensicheren Rüstungsfabrik eingesetzt wurden. Reste der Bunkeranlage sind noch heute im Mettenheimer Wald zu sehen. Sie sollen zu einer Gedenkstätte werden. Das Memorandum im Mühldorfer Prozess von 1947 spricht von 4.050 Todesfällen. Nach Kriegsende dienten die dürftigen Unterkünfte den über 1.000 Vertriebenen.
Am 2. Mai 1945 kamen amerikanische Soldaten nach Mettenheim. Nach und nach konnte unter anderem das Kloster der Armen Schulschwestern seinen Betrieb und die Betreuung von Internatsschülern, Unterricht und Arbeit in der Landwirtschaft wieder aufnehmen.
Die Gemeinde hatte damals 710 Einwohner und es kamen über 1100 Flüchtlinge. „Man stelle sich das in die heutige Zeit übertragen vor, was das für die Gemeinde und die Menschen auf beiden Seiten bedeutete“, so der Tenor an dem Abend. Doch im Gegensatz zu heute habe es nur ein Miteinander gegeben. Erwünscht waren sie nicht, aber abgesehen von einigen Feld- und Waldplünderungen aufgrund der Not rauften sich Einheimische und Flüchtlinge zusammen, berichteten die Referenten.
Gemeinschaftsgefühl
trotz Notlage
Das „Lied der Flüchtlinge“ von Hans Albers, das die Not und Hoffnung von Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg thematisiert, bildete den Einstieg in die Interviews. Daniel Baumgartner vom Geschichtszentrum des Landkreises Mühldorf unterhielt sich mit den Zeitzeugen. Zeitzeugin Ottenthaler landete nach der Vertreibung zunächst im KZ Dachau, ehe sie nach einem dreitägigen Transport in einem Kohlewaggon in Mettenheim ankam. „Hier fühlten wir uns wohl, denn im Barackenlager entstand trotz der Notlage ein Gemeinschaftsgefühl“.
Elli Legler und Elli Süß haben die Geschichte von Mettenheim-Hart von Beginn an bis heute verfolgt. Ihre Erinnerungen reichen von den Erlebnissen in der Lagerschule, die 1947 unter Lehrer Herbert Pilsak aus dem Egerland entstand, und den ersten Lebensmittelgeschäften Dotzauer, Keilwerth und Erber bis hin zum Bäcker Schwartz, der mit dem Pferdegespann seine Brotwaren ausfuhr.
Elmar Spieske hatte sogar den Original-„Flüchtlings- koffer“ mitgebracht und erzählte aus seiner Kindheit, als er mit seiner Mutter als „Schlepperin“ den Weg von Oppeln in Schlesien über den Osten kurz vor der Gründung der DDR in den Westen nach Mettenheim kam. Sie wohnten im Dorf beim Schmied und fortan gehörten die Bewohner, der Zelger- und Kreuzer-Wirt bis heute zu seinem Lebensinhalt.
Die in Mettenheim 1936 geborene Resi Schaumeier erlebte den Krieg oft genug mit der Flucht in den Bunker, aber auch die erlösende Zeit, als die amerikanischen Soldaten für Hoffnung und eine bessere Zeit sorgten. „Es war eine erlebnisreiche Zeit, auch weil ich von ihnen oft einen Kaugummi oder einen Mohrenkopf geschenkt bekam“, so die Bäuerin aus ihrer 90-jährigen Ortsgeschichte.
Fröhlichkeit und
Gottvertrauen
Schließlich erzählte Maria Koller aus ihrer Kriegs- und Nachkriegszeit in Gumattenkirchen. Wie ihre Vorrednerinnen resümierte die Zeitzeugin, dass diese Zeit trotz aller Angst und Schrecken nur mit Gemeinschaft, Fröhlichkeit und Gottvertrauen zu überwinden war. Die Geschichte in der ehemals selbstständigen Gemeinde Gumattenkirchen versuchten vor allem Regina Hewitson und Blasius Petermeier aus dem Redaktionsteam aufzuarbeiten.
Der Verwaltungsangestellte und spätere Bürgermeister Norbert Spieske berichtete zehn Jahre danach von 49 Eheschließungen unter den Heimatvertriebenen und 31 Paaren, die sich aus Einheimischen und Vertriebenen fanden. Die gegenseitigen Kontakte fanden meist im Gasthaus „Neue Heimat“ statt. 1955 wurde die Lagerschule aufgelöst und in die Dorfschule integriert. 1956 gehörte das Lager endgültig der Vergangenheit an. Dennoch sprechen ältere Einheimische heute noch vom „Lager“, wenn sie von Mettenheim-Hart reden.
Zum Andenken errichtete der Ortsverband des Bundes Vertriebener Deutscher 1957 ein Ehrenkreuz. In Folge herrschte rege Bautätigkeit und als Gewerbebetriebe (Metzgerei Krause, Schreinerei und Lebensmittel Erber, Kühlerbau Peukert) entstanden, war von einem neuen Mettenheim die Rede: Mettenheim-Hart entstand. Eine Ausstellung im Kultur-Mobil steht in den nächsten Wochen in Mettenheim am Kirchenplatz, am Dorfladen, in Gumattenkirchen und Lochheim sowie abschließend am Kulturhof zur Besichtigung offen.