Buchbach – Jens Winkler und weitere Bürger aus Buchbach sind besorgt, besorgt um den Hochwasserschutz in ihrer Gemeinde. Noch gut in Erinnerung sind den Bewohnern die Überschwemmungen aufgrund von Starkregen an Pfingsten 2022. Stark betroffen war damals insbesondere der Ort Steeg. Wiesen waren überschwemmt, aus dem Gulli drückte es das Wasser heraus, der Erlbach ging über, wie Videos und Fotos zeigen.
Ein Teil des Wassers blieb damals auf der Wiese beim Schützenheim. Genau auf dieser Wiese will die Firma Tectum-Immobilien, eine Tochterfirma der Bauer-Gruppe, nun maximal 72 Wohneinheiten bauen – und dafür sogar den Erlbach verlegen. Geplant sind ein Mitarbeiterwohnheim mit maximal 36 Appartements, maximal vier Mehrfamilienhäuser à acht Wohneinheiten und eine Hausgruppe mit maximal vier Reihenhäusern mit je einer Wohneinheit. Winkler und weitere Bürger befürchten, dass damit eine wichtige Versickerungs- und Überflutungsfläche bei Starkregen versiegelt werde.
Ist der Kanal
bereits ausgelastet?
Die Größe des Baugebiets „ist schon eine Masse“, sagt Winkler. Auch begrünte Dachflächen würden nicht genug Niederschlag zurückhalten. Er kann nicht verstehen, wieso „Gemeinden heute immer noch Baugebiete ausweisen, wo Wasser aus- und versickern kann und die Natur und Umwelt weiter nur mit Füßen getreten wird“, sagt er.
Für ihn und weitere Bürger sprächen mehrere Dinge gegen das Bauvorhaben: Zum einen sei der Kanal in Buchbach bereits an seiner Kapazitätsgrenze angekommen und gehe immer wieder über. 72 neue Haushalte anzuschließen, könne zwar die Kläranlage verkraften, der Kanal aus den 50er-Jahren jedoch nicht, befürchtet er. Kritisch sehen er und weitere, dass der Erlbach verlegt und zusätzlich verrohrt werde. „Bei Starkregen wird sich weiter Wasser an den Verrohrungen stauen und übergehen“, befürchtet Winkler.
Rund 70 Personen haben auf einer Liste mit Bedenken gegenüber dem Bauprojekt unterschrieben. Diese habe Winkler der Gemeinde, dem Landratsamt Mühldorf, dem Wasserwirtschaftsamt und dem Amt für ländliche Entwicklung zukommen lassen.
Winkler stellt dabei klar: Er und die Bürger seien nicht komplett gegen den Neubau und würden wissen, dass die Bauer-Gruppe viel zum Wohl der Gemeinde beitrage und die Gemeinde um den Hochwasserschutz bemüht sei. Aber würden die Wohnungen nach derzeitigen Plänen ausgeführt, sei das ein Rückschritt in Sachen Umweltschutz, sagt Winkler.
Er fragt sich auch, wieso keine weiteren Gutachten für den Erlbach beauftragt würden. Ihn macht es stutzig, dass dort so gut wie kein Leben gefunden worden sei. Er schlägt vor, lieber nach der Ursache für das geringe Leben im Gewässer zu suchen, als die Situation für Tiere noch weiter zu verschlimmern. „Sollten wir nicht Lebensraum schaffen und erhalten?“. Winkler schlägt vor, entweder kleiner zu bauen, sodass der Bach nicht verlegt werden müsse, oder auf alternative Flächen umzusteigen.
So sieht es auch die Mühldorfer Ortsgruppe des Bund Naturschutz. In ihrer Stellungnahme weisen sie die Gemeinde darauf hin, dass die Verrohrung des Erlbachs mehr Schaden anrichte. Die Gruppe hält dabei die Aussage in der Umweltverträglichkeits-Vorprüfung, dass dadurch keine relevante Verschlechterung der gewässerökologischen Durchgängigkeit entstehe, für falsch. „Gerade für viele Wasserinsekten ist bekannt, dass mit einer zunehmenden Länge der Verrohrung die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass dieses Hindernis überwunden wird“, so der Bund.
Bebauung in einem
wassersensiblen Bereich
Zudem befinde sich die geplante Bebauung in einem wassersensiblen Bereich, so die Mühldorfer Ortsgruppe. „Im Falle von extremen Gewässerhochwasser oder auch extremen Starkregenereignissen besteht trotz der konzeptionierten Maßnahmen ein Gefährdungsrisiko“, heißt es darin. Die Ortsgruppe hält die vorgesehene Bebauung für riskant und rät dazu, alternative Standorte zu suchen.
Das Landratsamt Mühldorf erklärt auf Anfrage, dass die geplante Bachverlegung und die Verrohrung normalerweise nur dann planfestgestellt werden können, wenn zumindest keine Verschlechterung gegenüber der bisherigen Situation entstehe. „Nachdem das Planfeststellungsverfahren derzeit noch nicht abgeschlossen ist, kann inhaltlich zu der aufgeworfenen Frage lediglich auf das laufende Verfahren verwiesen werden“, so die Behörde.
Der Markt Buchbach teilt auf Anfrage mit, dass zwei unabhängige Fachbüros hinsichtlich des Schutzes bei Starkregenereignissen zu dem Ergebnis gekommen seien, dass sich die geplante Bebauung dahingehend nicht negativ auswirke. Auch durch die zusätzliche Verrohrung des Erlbachs bestehe kein erhöhtes Risiko auf Rückstau, da der Durchmesser wesentlich größer sei, als es bisher der Fall gewesen sei.
Die Experten der Kommune gehen zudem davon aus, dass „Flachdächer mit entsprechender Begrünung zwar eine mengenmäßig begrenzte, aber insgesamt doch sehr wirksame Rückhaltung von Regenwasser darstellen“ würden. Das zuständige Wasserwirtschaftsamt Rosenheim ist eher der Meinung der besorgten Bürger und erklärt auf Anfrage: Dachbegrünung sei zwar ein wichtiger Baustein für eine wassersensible Siedlungsentwicklung. Aber: „Es ist richtig, dass eine Dachbegrünung alleine keinen Starkregen zurückhalten kann.“ Der Markt Buchbach weist weiter darauf hin, dass der Ablauf der Dächer durch unterirdisch verbaute Rigolen zurückgehalten werde. Auch im Bebauungsplan wird darauf hingewiesen, dass „unverschmutztes Niederschlagswasser von Dach- und sonstigen befestigten Flächen durch einen Regenwasserkanal mit unterirdischer Rückhalteanlage und gedrosselter Einleitung in den Erlbach verwirklicht“ werde. Die Gemeinde betont, dass es sich bei insgesamt 72 Wohneinheiten um die maximale Anzahl handle.
Kanäle sind ausreichend
dimensioniert
Zur Auslastung der Abwasserkanäle erklärt die Gemeinde, dass diese regelmäßig überprüft würden. „Dabei festgestellte Schäden wurden und werden zeitnah behoben.“ Auch die Auslastung der Kanäle sei dokumentiert. „Demnach sind die Kanäle im Anschluss an die geplante Bebauung in Steeg ausreichend dimensioniert“, erklärt die Gemeinde.
Der Markt Buchbach betont, dass die Gemeinde die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger ernst nehme. „Alle im Rahmen des Beteiligungsprozesses abgegebenen Bedenken wurden im Detail von entsprechenden Fachbüros geprüft und bei Bedarf auch bereits in den Planunterlagen berücksichtigt und dort auch entsprechend eingearbeitet“, teilt die Kommune mit.
In Bezug auf Starkregenereignisse erklärt die Gemeinde, dass die geplante Bebauung sich unterhalb der von Starkregenereignissen stark betroffenen „Steeger Siedlung“ befinde. Die Fachbüros seien zu dem Ergebnis gekommen, dass sich die neue Wohnsiedlung nicht darauf auswirke. Dennoch prüfe der Markt Buchbach gerade, vor der „Steeger Siedlung“ eine Rückhaltung zu installieren, so die Gemeinde.
Bachverlauf naturnah
gestaltet
Auch die Bauer-Gruppe teilt auf Anfrage mit, „die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger sehr ernst“ zu nehmen, verweist aber auch auf die Ergebnisse der zwei Gutachten. Die Verlegung des Erlbaches erfolge auf Grundlage fachlicher Untersuchungen und Abstimmung mit den zuständigen Behörden. „Ziel der Planung ist es, den Bachlauf so zu gestalten, dass er die anfallenden Wassermengen sicher aufnehmen und ableiten kann“, teilt die Bauer-Gruppe mit. Zudem werde der Bachverlauf naturnäher gestaltet.
Das Unternehmen habe auch einen Alternativstandort geprüft, der jedoch ungeeignet gewesen sei. Am finalisierten Standort soll Wohnraum – insbesondere für Mitarbeiter der Bauer-Gruppe – entstehen. „Nicht genutzte Wohnungen werden dem regionalen Wohnungsmarkt zur Verfügung gestellt“, teilt die Bauer-Gruppe mit.
Die Bauer-Gruppe legt zudem Wert auf die Feststellung, dass die Situation im Ort nicht isoliert betrachtet werden könne, sondern im Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen. Die öffentliche Diskussion habe gezeigt, „wie wichtig das Thema“ für viele Bürger sei.
Gleichzeitig sei es auch wichtig, „zwischen berechtigten Sorgen und den Ergebnissen fachlicher Untersuchungen zu unterscheiden“, heißt es von der Bauer-Gruppe. „Ziel bleibt es, eine Lösung zu finden, die sowohl zusätzlichen Wohnraum schafft als auch die Situation für Buchbach insgesamt verantwortungsvoll weiterentwickelt.“