Mein strahlender Tag in Tschernobyl

von Redaktion

Am 26. April 1986 ereignete sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Bis heute ist das Gebiet eine Sperrzone. Eine Reporterin der Waldkraiburger Nachrichten besuchte das Areal 2019 und berichtet von ihren Eindrücken aus der Geisterstadt Prypjat.

Waldkraiburg/Prypjat – Als unsere Touristenführerin ihren Geigerzähler an das Metall der Gondel des berühmten gelben Riesenrades hält, zeigt er einen Wert von 285,6 Millisievert. Der Grenzwert liegt laut Bundesamt für Strahlenschutz bei einem Millisievert im Kalenderjahr. Das Riesenrad sollen wir nicht anfassen, sagt die Reiseführerin. Mit einer Gruppe von Geografie-Studierenden war ich am 23. März 2019 in der Sperrzone rund um Tschernobyl und Prypjat.

„Radioaktive Kekse“
zur Begrüßung

Zwei Tage zuvor waren meine Freunde und ich in Kiew gelandet. Begrüßt wurden wir von ukrainischen Geografie-Studenten – mit Keksen, auf denen das schwarz-gelbe Radioaktivitäts-Symbol abgebildet war. Die Studienkollegen hatten die Tour organisiert. Dabei waren neben meiner Gruppe von Studenten aus Graz (Österreich) auch welche aus Brünn (Tschechien). Über die noch verbleibende Strahlung vor Ort machten wir uns wenige Gedanken. „Sie würden uns ja nicht reinlassen, wenn es nicht sicher wäre“, habe ich mir damals gedacht.

Gemeint habe ich damit die Sperrzone rund um den am 26. April 1986 explodierten Kernreaktor im Atomkraftwerk in Tschernobyl. Damals wurde enorm viel Radioaktivität freigesetzt, die Region nordöstlich von Tschernobyl war kontaminiert. Laut Internationaler Atomenergie-Organisation starben rund 4.000 Personen infolge der Katastrophe, darunter viele Bewohner aus Prypjat und Helfer, die Aufräumarbeiten übernommen hatten. Manche Schätzungen gehen von höheren Zahlen aus.

Die Strahlung breitete sich auch über Teile Ost-, Mittel- und Nordeuropas aus. Am 28. April bemerkten Mitarbeiter eines Kernkraftwerks in Schweden erhöhte Strahlenwerte. Die schwedische Behörde für Strahlensicherheit kontaktierte Beamte in der Sowjetunion, die einen nuklearen Vorfall zuerst bestritten. Erst am Abend gab eine amtliche Nachrichtenagentur einen Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl bekannt.

Der Eingang in die Sperrzone führte für uns durch Körperscanner, wie man sie von Flughäfen kennt. Gepiepst haben sie bei keinem. Wir fragten uns schon, ob das überhaupt etwas misst. Durch Teile der rund 4.300 Quadratkilometer großen Sperrzone fuhren wir in einem Kleinbus und hielten an verschiedenen Stationen. Darunter auch an einer Gedenkstätte für die vielen Orte, die aufgrund der Verseuchung evakuiert werden mussten.

Die Reaktorkatastrophe war Folge eines schiefgegangenen Sicherheitstests. Es sollte ein vollständiger Stromausfall simuliert werden. Aufgrund schwerwiegender Verstöße gegen die Sicherheitsvorschriften und wegen der bauartbedingten Eigenschaften des Kernreaktors kam es zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg und infolge dessen zur Explosion und zu einem Brand. Die rund 44.000 Einwohner der Stadt Prypjat wurden 37 Stunden nach dem Unfall evakuiert.

Prypjat ist heute eine Geisterstadt, ein „Lost Place“. Das wurde auch bei unserem Besuch deutlich. An einem ehemaligen Autoscooter wachsen Bäume und Sträucher hinauf. Die Fahrzeuge stehen noch auf der Bahn. Das Metall des Riesenrads ist verrostet, vor einer Tribüne wachsen Bäume, ein ehemaliges Sportfeld ist heute ein Wald.

Auch in anderen Orten der Sperrzone zeichnete sich ein ähnliches Bild. Ehemalige Klassenzimmer stehen leer, Papier liegt noch auf dem Boden. Puppen sitzen am Fenster oder liegen auf ehemaligen Kinderbetten. Ihre Gesichter sind schwarz, das Haar ist kraus und manchen fehlt ein Auge. Beim Anblick der zurückgelassenen Spielsachen wurde mir mulmig. Von dem Leben, das in den Orten herrschte, waren nur mehr erdrückende Rückstände übrig.

Nach dem Unfall wurde über den explodierten Reaktor ein Sarkophag aus Stahl und Beton gebaut. 2019 wurde eine neue Schutzhülle, das „New Safe Confinement“, fertiggestellt. Seine Haltbarkeit sollte auf 100 Jahre ausgelegt sein. Unsere Fremdenführerin brachte uns damals bis auf wenige Meter an die silberne Kuppel hin. Davor steht ein Denkmal.

Durch manche Passagen
geht es besonders schnell

Ab Mitte der 2010er-Jahre wurde die Sperrzone vermehrt für Tagestouristen geöffnet. Vor Ort wurde uns damals gesagt, die Strahlenbelastung sei an den Orten, an denen wir uns aufhalten werden, gering. In Städten wie Kiew sei die Belastung höher. Dennoch gab es ein paar Regeln zu befolgen. Essen und Trinken etwa waren nur an bestimmten Standorten erlaubt. Das Mittagessen, so wurde es uns gesagt, wurde aus der Stadt geliefert und nicht in der Sperrzone angebaut. Durch manche Passagen der Zone fuhr unser Kleinbus extra schnell, damit wir uns dort nicht zu lange aufhielten. Die Fenster sollten wir geschlossen halten.

Seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine sind Reisen nach Tschernobyl nicht mehr möglich. Russische Truppen hatten das Gebiet besetzt, das aber nach wenigen Wochen wieder von der Ukraine zurückerobert worden ist. Im Februar 2025 wurde die Schutzhülle des Reaktors durch russische Drohnen beschädigt. Ein Experte sagte im Juli 2025 in der Tagesschau, dass die Schutzhülle womöglich nie mehr das leisten werde, wofür sie vorgesehen war. Eine Reparatur sei schwierig und mit hohen Kosten verbunden.

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