Untergünzl/Unterneukirchen – Biogas ist für Landwirte, so lautet das Fazit einer neuen Studie, längst mehr als ein zusätzlicher Betriebszweig. Beim Thema „Biogas“ gehe es, so die Studie, die vom Wirtschaftsministerium gefördert wurde, um Energie, Wertschöpfung, Versorgungssicherheit – und um die Frage, welche Zukunft bestehende Anlagen nach dem Auslaufen bisheriger Förderungen haben können.
Wie groß das Interesse an diesen Fragen ist, zeigte sich bei der offiziellen Vorstellung der Machbarkeitsstudie eines möglichen bayerischen Pilotprojekts im Hofcafé Untergünzl bei Unterneukirchen. Schnell wurde deutlich, dass es nicht nur um einzelne Anlagenbetreiber geht, sondern um eine Zukunftsfrage für ganze Regionen: Wie kann vorhandenes Biogaspotenzial besser genutzt werden? Wie lassen sich Landwirtschaft und Industrie enger verbinden? Und kann aus vielen einzelnen Anlagen ein neues regionales Energiesystem entstehen?
Die Ergebnisse der Studie, die das Regensburger Ingenieurbüro RegPower mit vom Bayerischen Bauernverband erhobenen Zahlen und Fakten erarbeitet hatte, untersuchten die Möglichkeiten von Biogasanlagen in den Landkreisen Altötting, Mühldorf und Rottal-Inn. Ziel war es, herauszufinden, unter welchen technischen, wirtschaftlichen und organisatorischen Voraussetzungen mehrere bestehende Anlagen ihr Gas künftig gemeinsam aufbereiten, in das Erdgasnetz einspeisen oder nahegelegene Industrie- und Gewerbebetriebe direkt versorgen können. Für Veit Hartsperger vom Bayerischen Bauernverband war die Veranstaltung auch persönlich ein besonderer Termin. Es war seine letzte große Veranstaltung in dieser Funktion, bevor er sein neues Amt als Bürgermeister von Neuötting antritt. Hartsperger machte deutlich, dass die Studie weit über die drei beteiligten Landkreise hinaus Bedeutung haben könne.
Schon im Vorfeld war von einem „zukunftsweisenden bayerischen Pilotprojekt“ die Rede. Die Ergebnisse, so Hartsperger, lieferten „wertvolle Erkenntnisse und übertragbare Ansätze für ganz Bayern“. Genau darin liege der besondere Wert des Projekts: Es gehe nicht nur um eine Momentaufnahme, sondern um eine Blaupause, wie bestehende Biogasanlagen in eine neue Phase geführt werden könnten.
Auf dem Programm standen der bayerische Weg im anstehenden Gastransformationsprozess, die Rolle der Agrarwirtschaft in diesem Wandel und die Vorstellung der Untersuchungsergebnisse. Damit war der Bogen gespannt zu der Frage, die viele Betreiber von Biogasanlagen derzeit umtreibt: Wie geht es weiter, wenn bestehende Anlagen aus der bisherigen EEG-Förderung herausfallen?
Der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger machte deutlich, dass er Biogas weiterhin als wichtigen Bestandteil einer dezentralen Energieversorgung sieht. Die bestehenden Anlagen dürften nicht vorschnell aufgegeben werden. „Wir müssen das Biogaspotenzial nutzen, auch durch Einspeisung ins Gasnetz oder für Flugkraftstoff, aber keinesfalls stilllegen“, sagte der Wirtschaftsminister.
Viele Betriebe stünden, so Aiwanger, vor der Herausforderung, dass mit dem Ende der EEG-Vergütung eine zentrale Einnahmequelle wegfalle. Umso wichtiger sei es, jetzt tragfähige Anschlussmodelle zu entwickeln. Ein solches Modell könnten regionale Biogas- Cluster sein. Der Grundgedanke ist einfach, die Umsetzung aber anspruchsvoll: Mehrere bestehende Biogasanlagen werden über ein gemeinsames Netz verbunden. Dadurch kann das erzeugte Gas gebündelt, effizienter aufbereitet und wirtschaftlich besser genutzt werden. Es könnte anschließend als Biomethan ins Erdgasnetz eingespeist oder direkt an Industrie- und Gewerbebetriebe geliefert werden.
Eine zweite Perspektive führt über die klassische Strom- und Wärmenutzung hinaus. Im Projekt „BAYSAF“ wurde untersucht, ob am Industriepark Gendorf nachhaltiger Flugkraftstoff produziert werden könnte. Dabei geht es um ein Verfahren, bei dem Biomethan, erneuerbarer Strom und biogenes CO2 genutzt werden, um Sustainable Aviation Fuel, kurz SAF, herzustellen.
Für Aiwanger liegt genau darin ein besonderer Reiz: Aufbereitetes Biomethan aus regionalen Biogasanlagen könnte künftig in die Herstellung von Flugkraftstoff einfließen. Damit würden vorhandene Ressourcen vor Ort genutzt und neue Wertschöpfungsketten in Bayern aufgebaut.
Deutlich Rückenwind kam auch von BBV-Präsident Günther Felßner. Er zeigte sich zufrieden damit, dass die Studie erfolgreich durchgeführt und eine Vielzahl an Daten aus den Betrieben zusammengeführt werden konnte. Für ihn habe das Projekt vor allem eines gezeigt: „Wir müssen Biogas neu diskutieren.“
Biogas sei „grünes Gas“ und könne einen wichtigen Beitrag leisten, wenn Deutschland weniger abhängig von Gasimporten werden wolle. Felßner stellte klar, dass heimische Energien aus Biogas, Wind und Sonne nicht weiter ausgebremst werden dürften. Der Bauernverband habe mit seiner Initiative und seiner aktiven Beteiligung gezeigt, dass er mehr sei als eine reine Berufsvertretung der Landwirtschaft: nämlich auch eine „Denkfabrik für die Gesellschaft“.
Was hinter dieser Einschätzung steckt, erläuterte anschließend Cornelius Herb, Geschäftsführer der RegPower, bei der Vorstellung der Studienergebnisse. Er machte deutlich, dass es nicht um Wunschdenken gehe, sondern um konkrete Mengen, Leitungen, Kosten und mögliche Abnehmer. In der Untersuchung wurden 195 Biogasanlagen ausgewertet.
Das ermittelte vermarktbare Biomethanpotenzial liegt bei 969 Gigawattstunden pro Jahr. Um diese Zahl greifbarer zu machen: Es geht um eine Energiemenge, die für eine ganze Region von Bedeutung ist – und die auf großes Interesse stößt. Denn die Nachfrage von Industriebetrieben nach regionalem Biomethan übersteigt das Angebot der betrachteten Anlagen deutlich.
Cornelius Herb stellte aber auch klar: Eine einfache Lösung, bei der nur Anlagen in unmittelbarer Nähe zum Gasnetz betrachtet werden, reiche wirtschaftlich nicht aus. Zu klein seien hier oft die Mengen, zu groß teilweise die Entfernungen.
Besser schneiden sogenannte erweiterte Cluster ab. Dabei werden Anlagen nicht nur nach ihrer Nähe zum Gasnetz, sondern nach Menge, Lage und wirtschaftlicher Sinnhaftigkeit zusammengeschlossen. Genau dort sieht die Studie das eigentliche Potenzial. Entscheidend sind nach den Berechnungen mehrere Faktoren: Wie viel Gas in einem Cluster zusammenkommt, wie dicht die Anlagen entlang möglicher Leitungen liegen und wie hoch die Investitionskosten pro Kubikmeter Rohbiogas sind. Auch ein höherer Anteil von Wirtschaftsdünger kann die Wirtschaftlichkeit verbessern.
Der größte Hebel aber liegt in der direkten Belieferung von Unternehmen. Wenn regionale Betriebe Biomethan direkt abnehmen, können solche Cluster wirtschaftlich deutlich interessanter werden. Nach der Studie könnten drei bis fünf Cluster wirtschaftlich werden – vorausgesetzt, Strategie, Förderung und Leitungsverläufe passen zusammen.
Eine Förderung nach dem Vorbild von „BioMeth Bayern“ würde dabei entscheidenden Spielraum schaffen. Sie könnte die Kosten für Durchleitung und Aufbereitung spürbar senken und damit Projekte ermöglichen, die ohne Unterstützung nur schwer darstellbar wären.
Herb machte damit deutlich: „Biogas-Cluster sind kein Selbstläufer, aber sie können zu einem wichtigen Baustein der regionalen Energiezukunft werden. Sie verbinden Landwirtschaft und Industrie, schaffen neue Absatzmöglichkeiten für bestehende Anlagen und halten Wertschöpfung in der Region.“ Zugleich könnten sie Gasnetze und Stromnetze entlasten, weil Energie dort besser genutzt wird, wo sie entsteht oder gebraucht wird.
Richtig vernetzt, wirtschaftlich klug geplant und politisch unterstützt, könne innerhalb der Cluster ein regionales Energiesystem entstehen, von dem Landwirtschaft, Unternehmen und Verbraucher profitieren.