Waldkraiburg – Zwölf Jahre lang hat Robert Pötzsch die Geschicke Waldkraiburgs gelenkt – in einer Zeit, die immer mehr zum „Dauerkrisenmodus“ wurde. Im Interview blickt er zurück auf Krisen, Entscheidungen und das, was oft übersehen wurde.
Am 30. April endete nach zwölf Jahren Ihre Amtszeit als Bürgermeister. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?
Dankbar und ehrfurchtsvoll. Es war wirklich eine schöne Zeit, ich habe viel erlebt und über die Menschen erfahren. Diese Zeit möchte ich nicht missen. Es gab viel Positives, wenig Negatives. Das sage ich jetzt bewusst, denn man hängt sich gefühlt immer nur an den negativen Dingen auf. Die vielen positiven Dinge werden als selbstverständlich hingenommen, sind sie aber nicht.
Was war für Sie die erste große Herausforderung?
Das war 2015, als die erste große Flüchtlingswelle auf uns zugerollt ist. Das war für alle Beteiligten ein großes Thema. Damals dachten wir: Schwieriger wird es nicht. Aber gefühlt hat jede folgende Herausforderung das Ganze noch einmal getoppt. Was man im Nachhinein sagen muss: Wir kommen aus diesen Krisen nicht mehr raus, wir sind im Dauerkrisenmodus.
2014 haben Sie als Neuling das Amt übernommen, 2015 kam schon die Flüchtlingskrise, später die Corona-Pandemie oder der Brandanschlag. Wie blicken Sie darauf zurück?
Auf Krisen kann man sich nur bedingt vorbereiten. Man kann gewisse Rahmenbedingungen schaffen, man kann Szenarien immer wieder durchspielen. Aber jede Krise ist anders, darauf kann man sich nicht zu 100 Prozent vorbereiten. Meine Vergangenheit beim Rettungsdienst und bei der Bergwacht hat mir geholfen, ruhig zu bleiben. In Krisen sind aber auch andere Funktionen wie Einsatzkräfte, die Regierung oder das Landratsamt eingebunden, die uns sehr unterstützt haben. Als Bürgermeister muss man entscheiden, auch wenn man nicht weiß, ob es zu 100 Prozent richtig ist. Wichtig ist, die Entscheidungen hinterher kritisch zu hinterfragen.
Im Rückblick dominieren oft die großen Schlagzeilen, aber es ist viel mehr passiert.
Richtig. Wir haben Kita-Plätze geschaffen und mit der Geothermie Meilensteine gesetzt. Wir haben tolle Mitarbeiter für die Verwaltung gefunden und sind mit den Geschäftsführern der Stadtwerke und Stadtbau perfekt aufgestellt. Das sind Dinge, die unserer Stadt weiterhelfen, gerade wenn es um die Versorgungssicherheit geht. Dass die Stadtbau fast alle Gebäude kernsaniert hat – das alles sind positive Dinge, die aber oft übersehen werden.
Sie betonen die Rolle der Stadtwerke. Warum ist dieser Bereich so zentral?
Die Stadtwerke sind für die Versorgungssicherheit da – Strom, Wasser und Fernwärme. Das sind wichtige Kernaufgaben, auf die wir uns besinnen müssen. Wir müssen die Kraft der Stadtwerke dort einsetzen, wo sie für die Zukunft der Bürger existenziell ist.
Bei welcher Entscheidung sagen Sie: Das war der richtige Weg?
Das an einem einzelnen Projekt festzumachen ist schwierig. Gerade bei unseren Kernaufgaben wie Kinderbetreuung und Schulen haben wir Meilensteine erlebt. Was wirklich gut war: der weitere Ausbau der Geothermie. Besonders wichtig war mir, die Vielfalt Waldkraiburgs kennenzulernen – zum Beispiel in der Kultur, von der Vernissage bis zur Operette. Es macht Spaß, sich bewusst mit dieser Vielfalt auseinanderzusetzen. Das habe ich wirklich schätzen gelernt.
Schmerzt es, wenn Bürger sagen: Die Stadt hat nichts zu bieten?
Es schmerzt nicht, es ärgert. Weil manche den Horizont nicht erweitern, nicht nach rechts und links blicken, um ihren Horizont zu erweitern.
Wie bewerten Sie mit Abstand das Wahlergebnis?
Wir haben verloren. Wir haben es nicht geschafft, die zufriedenen Bürger zu motivieren. Natürlich habe auch ich Fehler gemacht und hätte zum Beispiel Themen anders kommunizieren können. Aber die Leute wollten jetzt einfach wieder eine Veränderung.
Muss man sich als Bürgermeister besser verkaufen? Das entspräche aber weniger Ihrem Naturell.
Innerhalb der UWG haben wir uns gesagt: Sobald wir uns verändern, müssen die Alarmglocken läuten. Man hätte es mir angesehen, wenn ich mich verstelle oder wenn ich Halbwahrheiten erzähle. Mir war es immer wichtig, mir treu zu bleiben. Jetzt ist es vielleicht der Grund gewesen, dass mich der eine oder andere nicht mehr gewählt hat, weil ich so bin, wie ich bin.
Vor zwölf Jahren waren Sie derjenige, der eine Veränderung versprochen hat. Jetzt wollen die Leute wieder etwas Neues. Schmerzt das?
Das deutliche Ergebnis in der Stichwahl war schon ein Schlag ins Gesicht. Ich hatte immer versucht, eine Politik zu machen, bei der ich alle mit ins Boot hole und Lösungen aufzeige. Ich war mir für schmerzhafte Entscheidungen nie zu schade. Beim Waldbad zeigt sich: Wenn man nicht entscheidet und nichts grundlegend verändert, kommt der Tag, an dem man über eine Schließung diskutiert. Was aber auch schmerzt: Der Wähler hat eine Entscheidung getroffen, die auch von der Unzufriedenheit auf anderen politischen Ebenen gespeist wurde, die wir vor Ort nicht verändern können. Politisch ist die Herausforderung nicht vom Tisch, sondern es wird die nächsten Jahre spannend bleiben. Emil Kirchmeier hat eine gute Grundlage, auf der er aufbauen kann.
War die Absage vom Stadtfest ein entscheidender Fehler?
Die Absage ist ein Paradebeispiel. Vielleicht hätte ich einen größeren politischen Rückhalt suchen sollen, statt die Entscheidung fast allein zu treffen. Aber die Finanzlage zwang uns, Fakten zu schaffen. Wenn man immer nur nachgibt, erreicht man nichts. Dieser Punkt allein war für die Abwahl sicher nicht entscheidend, aber sicherlich ein Baustein.
Sie nehmen Ihr Stadtratsmandat nicht an. Warum?
Ich bleibe im Kreistag, aber nicht im Stadtrat. Es funktioniert nicht, als ehemaliger Chef hinten zu sitzen und zu hören, was man anders hätte machen können. Auch das Verhältnis zur Verwaltung, das man aufgebaut hat – da hat man intern andere Gespräche geführt als ein Stadtrat.
Was schätzen Sie an der Arbeit mit dem Stadtrat?
Wir haben eine echte Diskussionskultur aufgebaut. Trotz teilweise hitziger Debatten konnten wir uns danach immer in die Augen schauen. Das war mir immer wichtig und das haben wir auch geschafft. Die Menschen wollen Lösungen, sie wollen, dass man gemeinsam weiterkommt.
Wie geht es für Sie weiter?
Ich hätte gerne noch weitergemacht. Ich war motiviert, weiterzumachen trotz der Herausforderungen. Es gibt schon Vorstellungen, wie es jetzt weitergeht, vertraglich fixiert ist aber noch nichts. Eventuell steige ich daheim wieder mit ein, nachdem mein Bruder den Betrieb übernommen hat. Ich möchte auf jeden Fall in Waldkraiburg bleiben. Wir haben hier unseren Lebensmittelpunkt.
Was macht Waldkraiburg für Sie lebenswert?
Die Vielfalt in jeder Form – ob in der Kultur, im Sport, bei Veranstaltungen oder einfach nur die vielfältigen Möglichkeiten, seinen Lebensmittelpunkt zu gestalten. Ich gehe zum Fußball, klettere in der DAV-Kletterhalle in den Himmel, schaue mir ein Konzert an, gehe danach schön essen oder treffe mich mit Freunden auf unserem Volksfest. Diese Vielfalt macht Waldkraiburg aus. Man muss sie nur erkennen und schätzen lernen.