Das Baby aus dem KZ

von Redaktion

Lynne Farbman weiß viele Jahre nicht, wer sie wirklich ist – Sie erzählt ihre Geschichte in Mühldorf

Mühldorf – Anfang 1945 kommen im Waldlager des KZ Mühldorfs zwei Kinder zur Welt. Ein Junge und ein Mädchen. Der Junge wird ertränkt, das Mädchen nicht. Sie überlebt und kennt lange ihre eigene Geschichte nicht.

81 Jahre später: Lynne Farbman steht zusammen mit ihrer Familie im Haberkasten. Dutzende Gäste heißen sie in Mühldorf willkommen. Elf Kilometer entfernt liegt ein dunkler Ort, ein schwarzer Fleck in der Geschichte Mühldorfs – und ihrer eigenen: das ehemalige Konzentrationslager Mühldorfer Hart, ein Außenlager des KZ Dachau.

„Baby Hannah“ übergibt
ihre Familienchronik

Lynne Farbman ist das Mädchen, das als Letztes im KZ Mühldorf geboren wurde und als „Baby Hannah“ bekannt ist. Inzwischen lebt sie in den USA und ist amerikanische Staatsbürgerin.

Am Donnerstag, 30. April, übergab die Amerikanerin aus Ohio dem Geschichtszentrum Mühldorf unter der Leitung von Korbinian Engelmann ihre Familienchronik. Farbmans Ziel ist es, ihre Daten im Stadtarchiv sicher aufzubewahren und vor Verlust zu schützen. Auch Claudia Hungerhuber begrüßte – einen Tag vor ihrem Amtsantritt als Bürgermeisterin – Farbman. Sie tauschte sich mit der Zeitzeugin aus und betrachtete den Schaukasten über die Geschichte der „Senors“, Farbmans Geburtsname.

Ein Foto der kleinen Lynne
in der Dauerausstellung

In der Dauerausstellung „Alltag, Rüstung, Vernichtung. Der Landkreis im Nationalsozialismus“ des Mühldorfer Museums entdeckt man bei genauerem Betrachten ein Foto der kleinen Lynne, 1949 in Heidenheim. Vor über zehn Jahren schrieb Farbman, deren jüdischer Name Chana Leah Senor ist, einen Brief an das Stadtarchiv Mühldorf. Das veränderte alles. Es entpuppte sich eine neue Wahrheit, vielmehr eine neue Identität.

Eine neue Identität
tut sich auf

Alles, was sie zu dem Zeitpunkt weiß, ist, dass ihr Vater Isaak Senor und ihre Mutter Rachel Kachmer sich im Außenlager Mühldorf kennengelernt hätten. Nach deren Befreiung gingen diese nach Ampfing, wo Farbman angeblich am 16. Januar 1945 zur Welt gekommen sei.

Stadtarchivar Edwin Hamberger berichtet den OVB-Heimatzeitungen und innsalzach24, dass Farbman im Jahre 2007 auf der Suche nach ihrer Geburtsurkunde zu Besuch im Stadtarchiv Mühldorf war. Erfolglos. „Mein Name ist Lynn Farbman, geborene Senor“, sagte sie zu ihm. Hamberger stieß daraufhin auf die Memoiren des Sylvain Kaufmann, ebenfalls Überlebender im KZ Mühldorf, der von einem „Baby Hannah“ schrieb, geboren am 16. Januar 1945.

Vortrag von Stadtarchivar
Edwin Hamberger

Nach längeren Recherchen bestätigte sich dann sein Verdacht, dass Lynne „Hannah“ Farbman, „Baby Hannah“, sein muss.

Anlässlich des Kriegsendes und der nachfolgenden Erinnerungen zeichnet Historiker und Stadtarchivar Edwin Hamberger am Freitag, 8. Mai, um 19 Uhr im Mühldorfer Museum die zentralen Entwicklungsschritte der Erinnerungskultur nach. Der Eintritt zu diesem Vortrag ist frei. Um eine Anmeldung wird gebeten unter Telefon 08631/ 699980 oder per E-Mail an info@museum-muehldorf.de.

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