„Wir sind die eigentlichen Patrioten“

von Redaktion

Gedenkfeier am Bunkerbogen am 1. Mai 2026

Mühldorf – Das außergewöhnlich große Polizeiaufgebot ließ es schon ahnen: Die Gedenkfeier am Bunkerbogen im Mühldorfer Hart hatte neben zahlreichen prominenten Gästen eine ganz besondere Repräsentantin des Judentums auf der Rednerliste: Charlotte Knobloch, seit 1985 Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, von 2005 bis 2013 Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses und 2006 bis 2010 Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland war von München nach Mühldorf gekommen, um an der Feier teilzunehmen. Und in der Tat trug ihre engagierte Rede entscheidend dazu bei, dass es ein besonderer Tag des Gedenkens wurde, der, zusammen mit anderen bemerkenswerten Beiträgen, das Erinnern dafür nutzte, Mut für die Zukunft zu machen und die Zuhörer mit Zuversicht im Hinblick auf die Verteidigung von Demokratie und Freiheit zu erfüllen.

Mühldorfer Hart wird
drittgrößter Gedenkort

Zunächst begrüßte Franz Langstein, Vorsitzender des Vereins „Für das Erinnern“, die etwa 200 Besucher. Doch nicht nur wegen der großen Resonanz hatte Langstein Grund zur Freude, sondern auch, weil der Erwerb des Geländes um den Bunkerbogen durch den Freistaat Bayern Ende vergangenen Jahres zu einem erfolgreichen Abschluss gekommen war. „Der Bau des dritten Gedenkorts ‚Bunkerbogen‘ kann nun ebenfalls beginnen, und dann wird der Mühldorfer Hart nach Dachau und Flossenbürg der drittgrößte Gedenkort in Bayern sein.“

In einem kurzen Abriss rief Langstein den Zuhörern die Geschichte des Ortes ins Bewusstsein, an dem die Nationalsozialisten noch im Frühjahr 1944, also relativ kurz vor Kriegsende in einer verbunkerten Produktionsanlage Teile für Jagdflugzeuge herstellen wollten, wozu es nicht mehr kam.

Aber bereits für den Bau der riesigen Bunkeranlage wurden Häftlinge aus dem KZ Auschwitz auf dem Weg über andere Lager in den Süden gebracht, die vor allem aus Ungarn und Polen stammten, doch auch gefangen genommene französische Widerstandskämpfer waren unter den Zwangsarbeitern. „Es war Mord durch Arbeit“, brachte Langstein die Arbeitsbedingungen auf dieser Baustelle knapp auf den Punkt.

Landrat Max Heimerl knüpfte an die bewegende Geschichte von „Baby Hannah“ und damit der anwesenden und mit großem Applaus begrüßten Lynn Farbman an, welche die Geburt in einem denkbar überlebensfeindlichen Umfeld wie durch ein Wunder überlebte. Er sah dies als ein besonderes Zeichen der Hoffnung auch für die Gegenwart, betonte aber, dass positives Denken allein nicht hinreichend sei, man müsse darüber hinaus von sich aus aktiv werden gegen Antisemitismus und Fremdenhass. Er hob in diesem Zusammenhang das herausragende Engagement von Franz Langstein und des Vereins „Für das Erinnern“ hervor.

Nach ihm ergriff der ungarische Botschafter in der Bundesrepublik, Dr. Péter Györkös, das Wort. In seiner frei und in perfektem Deutsch vorgetragenen Rede wurde deutlich, wie sehr ihn der Besuch an diesem Ort berührte, an dem so viele seiner Landsleute entsetzlich gelitten hatten und zu Tode gekommen waren. „Es hat viele Katastrophen in der ungarischen Geschichte gegeben, aber der Holocaust war zweifellos die größte.“

Mehr als 600.000 seiner Landsleute seien ihm zum Opfer gefallen. Und auch von den Zwangsarbeitern im Mühldorfer Hart stellten die ungarischen Juden den Hauptanteil. Orte des Erinnerns wie dieser seien so wichtig, hob Györkös hervor und dankte ebenfalls Franz Langstein und dem Verein „Für das Erinnern“ für das außerordentliche Engagement.

Unmittelbare Begegnung hat Schüler schockiert

Stellvertretend für die junge Generation ergriffen dann Juliana Dörfler und Otto-Sebastian Schwarzenbeck vom Gymnasium Gars das Wort. Sie haben an der Schule am Seminar „Schüler führen Schüler“ teilgenommen und hoben hervor, dass man zwar Dachau besucht und von Auschwitz gehört habe, aber erst die viel unmittelbarere Begegnung und intensive Beschäftigung mit den Gräueln des Nationalsozialismus „vor der eigenen Haustür hat uns wirklich betroffen gemacht und schockiert.“ Sie erinnerten auch an Horkheimer und Adorno, die den Antisemitismus mit einer Art Ventilfunktion erklärt haben, wenn es darum gehe, „Verantwortliche für die ganze gesellschaftliche Misere zu finden“, was vielleicht auch die aktuelle politische Lage erklären könne.

Es gab viel Applaus für den pointierten Beitrag der beiden Schüler, und Charlotte Knobloch, die nach ihnen sprach, zeigte sich gerade von den Worten der beiden sehr jungen Menschen besonders berührt und freute sich generell über die große Zahl der Anwesenden: „Sie sind hier“, betonte sie und sah das als Statement für das Erinnern. „Der Bunkerbogen steht bis heute als ein sichtbares Zeichen der Menschenverachtung. Wir erinnern uns hier an etwas, das nicht vergessen werden darf.“

Solche Symbole der Erinnerung seien wichtig, da auch die letzte Generation von Zeitzeugen wie zum Beispiel Max Mannheimer inzwischen fast vollständig verstummt sei. Je mehr jedoch die Zeitzeugen verstummen würden, desto lauter seien umgekehrt die Stimmen derjenigen geworden, die vergessen und einen Schlussstrich ziehen wollten.

„Sie sagen ‚Heimat‘
und meinen ‚Hass‘“

Knobloch hob die sich aus dem ersten Satz in Artikel eins des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ ergebende Verpflichtung auch im Hinblick auf das Erinnern an den Holocaust hervor und zeigte sich entsetzt, dass die AfD nach aktuellen Umfragen inzwischen die stärkste politische Kraft in Deutschland ist. „Was ist das für eine Realität! Ich hätte nie geglaubt, dass so etwas möglich ist in meinem Land!“ Mit dem Kampf gegen das Erinnern fange es an. „Sie sagen ‚Patriotismus‘ und meinen Vergessen, sie sagen ‚Heimat‘ und meinen Hass. Das ist nicht das Land, in dem ich leben möchte.“ Nach dieser negativen Bilanz nahm Knoblochs Rede mit einem ganz persönlichen Brückenschlag zu den Anwesenden eine Wendung zum Positiven und zur Zuversicht: „Wir sind hier, weil wir den Schutz der Erinnerung schätzen.“ Die Anwesenden wüssten, wogegen und wofür sie kämpften, nämlich für die Wahrung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. „Wir sind die eigentlichen Patrioten! Wir lieben dieses Land, wie es heute ist.“ „Shalom“ als Motto der Veranstaltung sei daher hervorragend gewählt, es meine das friedliche Zusammenleben aller in der Gesellschaft.

„Dieses Land darf die
Freiheit nicht verlieren“

Noch einmal wandte sie sich speziell an die jungen Leute, die oft äußerten, das Erinnern an den Holocaust sei unangenehm wegen der Schuld. „Ihr seid nicht schuld an dem, was geschah, ihr seid verantwortlich dafür, dass es nicht wieder geschieht!“, wiederholte sie eine auch von ihr immer wieder hervorgehobene Position Max Mannheimers. Sie habe gesehen, wozu Menschen fähig seien – auch im Guten. Sie sei, auch wie sie die Anwesenden vor sich sehe, optimistisch, dass sich die positiven Kräfte in der Gesellschaft durch die Kraft des Erinnerns durchsetzen werden: „Dieses Land darf seine Freiheit nicht wieder verlieren.“

Dementsprechend dankte sie zunächst für das besondere Engagement vor Ort und schloss dann ganz allgemein ihre mit stehenden Ovationen bedachte Rede: „Ich danke allen, die nicht tatenlos bleiben.“

„Baby Hannah“ erzählt
ihre Überlebensgeschichte

Als letzte Rednerin ergriff, wie schon im Vorjahr, die mit Angehörigen aus den USA angereiste Lynn Farbman das Wort und erzählte ihre wahrhaft unglaubliche Lebensgeschichte, wie sie erst mit 70 Jahren erfahren habe, dass sie am 16. Januar 1945 im Lager Mühldorf als „Baby Hannah“ zur Welt gekommen sei und dass es ihrer Mutter mit der Unterstützung anderer auf geradezu wunderbare Weise gelungen sei, sie zu ernähren, sich um sie zu kümmern und sie zu beschützen. Immer wieder neue Details ihrer Überlebensgeschichte entgegen aller Wahrscheinlichkeit seien ihr in den letzten Jahren bekannt geworden.

Anschließend erfolgte die traditionelle Kranzniederlegung, und die Feier schloss mit einem gemeinsamen Gebet. Passend begleitet wurde die Veranstaltung von der Capella Laudate Dominum aus Burghausen mit Musik, die zum Mitsingen einlud, aber auch Pausen zur inneren Einkehr bot, in denen das zuvor Gehörte nachwirken konnte.

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