Die rauchende Todesärztin

von Redaktion

Historiker Prof. Joachim Wild über Dr. Erika Flockens Entscheidungen über Leben und Tod

Schwindegg – Sie beurteilte, ob die abgemagerten Häftlinge im NS-Unterkommando Schloss Schwindegg arbeitsfähig waren oder in die Krankenbaracke sollten, wo man sie zum Sterben sich selbst überließ: Dr. Erika Flocken. Historiker Prof. Dr. Joachim Wild hat in Archiven gestöbert und teilte seine Erkenntnisse bei einem Vortrag mit einem großen Publikum im Bürgersaal. Der Vortrag über die Geschichte von Schloss Schwindegg und Thalham in der NS-Zeit zog in Schwindegg viele Interessierte an.

Prof. Dr. Joachim Wild ist ehemaliger Direktor des Bayerischen Hauptstaatsarchivs und Honorarprofessor für Bayerische Landesgeschichte. Im Rahmen einer breiter angelegten Forschung schreibt er außerdem eine Ortschronik für Obertaufkirchen und arbeitet sich durch Quellen über Schloss Schwindegg. Dabei stieß er auf detaillierte Schilderungen aus einem der dunkelsten Kapitel der Geschichte und gewann neue Erkenntnisse über das KZ in Thalham und das Wasserschloss in der Ortsmitte.

Die OVB Heimatzeitungen führten ein Gespräch mit dem Experten.

Sie haben einen Vortrag über das Schloss Schwind-egg und das KZ in Thalham im Bürgerhaus gehalten. Wie sind Sie auf Ihre Erkenntnisse gestoßen?

Dr. Joachim Wild: Folgende Quellen haben mir hauptsächlich geholfen: das Schlossarchiv Schwindegg und das Staatsarchiv in München. Hier lagen die Berichte der Gendarmeriestation, die an den Landrat gerichtet waren. Die Protokolle der Kriegsverbrecherprozesse der Alliierten befanden sich im Bayerischen Hauptstaatsarchiv.

Was haben Sie
herausgefunden?

Wild: Der Kern der Geschichte ist der Bunkerbau in Mettenheim-Hart. Das Schloss und KZ-Thalham waren Unterkommandos. Die Gemeinden haben sich nicht darum beworben. Der Grund für Thalham wurde beschlagnahmt. Das Schloss wurde in Besitz genommen. Im Lager Thalham waren etwa 200 Insassen untergebracht. Die Zahl der Zwangsarbeiter blieb unter 200, weil es viele Todesfälle gab. Die klarste Korrektur der bisherigen Annahmen ist: Es waren zwei Lager, nicht drei. Neu für mich waren einzelne Details.

Welche sind das?

Wild: Sie belegen die Grausamkeit des Lagerlebens und zeigen, wie in der Endphase des Systems NS-Staat alles auf die Spitze getrieben wurde. Unzureichende Verpflegung, dünne Suppe ohne Fleischeinlage und harte körperliche Arbeit von 4 Uhr morgens an über zehn Stunden – davon ist die Rede. Die Zwangsarbeiter wurden geschlagen und ausgepeitscht. Das Foto einer Peitsche und die Aussage eines Überlebenden belegen dies. Beide Beweismittel wurden nach der Befreiung an die Amerikaner übergeben.

Gibt es weitere
Einzelheiten?

Wild: Es gibt Belege für die absolut fehlende Hygiene. Die Gefangenen durften sich nur einmal die Woche die Hände waschen. Typhus brach aus. Die Kranken wurden in eine Baracke gesperrt, und man wartete, bis sie tot waren. Von elf Menschen in der Baracke sind zehn gestorben. Nur einer hat überlebt. Er wurde später Kronzeuge.

Welche Rolle spielte
Dr. Erika Flocken dabei als Ärztin im Schloss?

Wild: Sie war Vertragsärztin der „Organisation Todt“ in Mühldorf (einer paramilitärischen Bautruppe im NS-Staat, die den Namen ihres Führers Fritz Todt, trug/Anm. d. Red.). Und sie war Chefärztin im Lazarett in Schloss Schwindegg für die „Organisation Todt“. Dr. Flocken war mehrmals im KZ Thalham. Sie untersuchte die Insassen auf Arbeitsfähigkeit. Es gibt Berichte, in denen sie sich auf einem Stuhl sitzend zurücklehnt und raucht, während die Insassen unbekleidet an ihr vorbeigehen mussten. So hat sie die Menschen eingestuft als arbeitsfähig, aber auch die Typhuskranken und die Lungenkranken in Augenschein genommen.

Also ein Nachweis für Tod durch Arbeit?

Wild: Hier ist kein ärztlicher Ethos mehr erkennbar.

Was geschah mit Dr. Flocken nach Kriegsende?

Wild: Sie wurde angeklagt und als eine der wenigen Frauen zum Tode verurteilt. Sie war ein kleines Rädchen in einer Maschinerie.

Man kann heute nicht sagen, wie man sich selbst in einem solchen Regime verhalten hätte. Aber wir haben heute die Chance, zu zeigen, dass wir aus der Geschichte gelernt haben.

Wild: Es geht darum, rechtzeitig den Anfängen zu wehren. 1933 war es noch halbwegs möglich, Gegenwehr zu leisten. Unrecht als Unrecht zu benennen. Gegen Ende des NS-Systems war es Selbstmord, sich zu wehren. Nicole Sutherland

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