Mühldorf – Mit dem Krieg in der Ukraine ist die Energieversorgung ganz schnell ein überaus wichtiges Thema für Deutschland geworden. Das hat sich noch einmal durch den Konflikt von Amerika und Israel gegen den Iran verstärkt. Dabei setzt die aktuelle Bundesregierung auf den Bau zusätzlicher Gaskraftwerke, die bei sogenannten Dunkelflauten, also wenn regenerierbare Energien aus Sonne und Wind nicht zur Verfügung stehen, die Energieversorgung aufrecht erhalten sollen. Ein Weg, der nicht unumstritten ist.
Im Zusammenspiel mit unterschiedlichen Akteuren wird im Landkreis allerdings gerade an einer Lösung getüftelt, die das Zeug hat, zumindest Bayerns mögliche Versorgungsengpässe zu lösen: Eine Kombination aus Agri-PV, Windkraft, Biogas und einem geradezu revolutionären Stromspeicher.
Aus Netzwerken ist ein
Gesamtkonzept geworden
Maßgeblichen Anteil, die Protagonisten und Tüftler an einen Tisch zu holen, hat dabei Josef Fürstenberger, Projektmanager für erneuerbare Energien, gelernter Landwirt und Metallbaumeister. Er ist im klassischen Sinn ein Netzwerker, der seine Augen und Ohren immer offen hält und so unterschiedliche Ideen zu einem Gesamtkonzept zusammengefügt hat. Alles fing damit an, dass er zusammen mit Herrmann Oberhauser senior ein Konzept für eine Agri-PV-Anlage entwickelt hat, mit der die Doppelnutzung von landwirtschaftlichen Flächen möglich ist. Eine Idee, die Josef Fürstenberger schon länger im Kopf hatte. „Ich machte mir Gedanken, wie man den Boden weiterhin sinnvoll nutzen und mehr Energie erwirtschaften kann“.
Dank des Know-how können Oberhauser und Fürstenberger mittlerweile PV-Anlagen bauen, wo die Module so hoch über dem Boden aufgestellt werden, dass die darunterliegende Fläche weiter landwirtschaftlich genutzt werden kann. Dieses Konzept bietet dem Landwirt, der die Fläche zur Verfügung stellt, zum einen steuerliche Vorteile und zum anderen kann er quasi einen doppelten Gewinn mit der landwirtschaftlichen Fläche erzielen.
Erste Flächen werden in diesem Jahr im Landkreis bereits mit diesem Konzept genutzt. Aber auch in den Nachbarlandkreisen sind Landwirte auf dieses Konzept aufmerksam geworden. Das gilt auch für große Industriebetriebe, die oftmals ungenutzte Flächen zur Verfügung haben.
Aus den ersten Anfängen kam der Kontakt mit Stephan Zäh von der Firma Q Tac-Solar aus Schrobenhausen zustande, die einen vergleichbaren Weg eingeschlagen hat. Mittlerweile ist das Konzept so ausgereift, dass auch die Finanzierung über eine Bank gesichert ist. Der Landwirt muss also keinen Cent investieren. Im Gegenteil, er bekommt fünf Prozent der Einnahmen vom Anlagenbetreiber, verspricht Josef Fürstenberger. Auch die Pflege der Anlage und des Grundstücks wird mit dem Betreiber festgelegt.
Notwendige
Speichermöglichkeit
Bei diesem Konzept profitiert aber auch die jeweilige Gemeinde. Über eine eigene Betreibergesellschaft bekommt sie Gewinnanteile vom Anlagenbetreiber. Zudem haben Bürger die Möglichkeit, Beteiligungen zu erwerben. „Weil wir immer größere Anlagen bauen und zu 90 Prozent selbst vermarkten wollen, ist es wichtig, für die notwendige Speichermöglichkeit zu sorgen, um stets Strom, Wärme und Kälte an die Abnehmer liefern zu können“, spinnt Fürstenberger den Faden weiter. Und hier hat ihm der Zufall in die Karten gespielt. Bereits im Jahr 2019 hat Fürstenberger auf der Messe „Intersolar 2019“ Georg Tränkl kennengelernt. Tränkl ist ebenfalls Metallbauer und ein Tüftler, der bereits damals an dem Bau eines Luftdruckspeichers gearbeitet hat. Seitdem haben Fürstenberger und Herrmann Oberhauser senior immer Kontakt zu Tränkl gehalten und die Entwicklung eines Prototyps aufmerksam verfolgt. Dieser ist mittlerweile fertig und Georg Tränkl sagt, dass dieses Modell bereits alle Prüfungen durchlaufen hat und vom TÜV abgenommen wurde.
Ein weiteres Puzzlestück ist die Gemeinde Schönberg. Hier war Bürgermeister Alfred Lantenhammer von Anfang an skeptisch in Sachen „Landkreiswerk“, das von Landrat Max Heimerl im vergangenen Jahr massiv vorangetrieben hatte. Schönberg geht einen anderen Weg, um die Energieversorgung der Gemeinde sicherzustellen.
Josef Fürstenberger kontaktierte Lantenhammer, stellte ihm sein Konzept vor und die beiden kamen überein, hier intensiv zusammenzuarbeiten. So kann beispielsweise die Gemeinde Schönberg ein Grundstück zur Verfügung stellen, wo ein Druckluftspeicher – quasi als Pilotprojekt – aufgestellt werden kann. Dieser Speicher könnte durch einen Strom-Mix aus Agri-PV, Windkraft und Biogas befüllt werden.
Das letzte Puzzleteil ist die Maschinenbaufirma MBM in Mühldorf. Geschäftsführer Tillmann Rosch hat signalisiert, dass er nicht nur willens, sondern in der Lage ist, so einen Druckluftspeicher zu bauen, der dann in Schönberg als Pilotprojekt aufgestellt werden kann.
Aktuell laufen vielversprechende Gespräche wegen staatlichen Fördermitteln, schließlich muss das Ganze auch irgendwie finanziert werden.
Kontakte zu Unternehmen
im Chemiedreieck
Wenn dieses Pilotprojekt funktioniert und sich bewährt, dann können die bayerische Wirtschaft, der Mittelstand und zahlreiche Handwerker, aber natürlich auch Privathaushalte davon profitieren. Josef Fürstenberger hatte bereits Kontakte zu maßgeblichen Unternehmen im Chemiedreick aufgenommen, die diese Entwicklung aufmerksam verfolgen. Allein die vier Landkreise Mühldorf, Altötting, Traunstein und Rottal-Inn können mit diesem Energiekonzept rund 51.000 Megawatt erneuerbare Energie liefern. Damit können rund 11,2 Millionen Vier-Personen-Haushalte mit Strom versorgt werden.