Weidenbach – Für Steinmetzmeisterin und Bildhauerin Franziska Kreipl-Poller gibt es in ihrer Werkstatt immer wieder außergewöhnliche Tage, wenn Eltern von Sternenkindern zu ihr kommen. Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt versterben, werden Sternenkinder genannt. „Ich bin selbst eine dreifache Sternenmutter“, sagt die 48-jährige Steinmetzmeisterin. Sie weiß genau, wie sich Eltern fühlen, die den Verlust eines Kindes verkraften müssen.
In der Werkstatt der Weidenbacherin können seit diesem Jahr Väter und Mütter für ihre Sternenkinder unter Anleitung sehr persönliche und individuelle Erinnerungsstücke anfertigen. Der erste Workshop dieser Art fand im März statt.
Ein gesellschaftliches
Tabu brechen
Bereits im Januar bot die Steinmetzmeisterin in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt einen Nachmittag an, der unter dem Titel „Für immer im Herzen – Erinnerungen aus Stein für dein Sternenkind“ stand. Betroffene Eltern gestalteten aus Speckstein Andenken für ihre verstorbenen kleinen Mädchen und Buben.
„Natürlich will niemand zum Club der Sterneneltern gehören“, beteuert Sternenmama Eva, fügt jedoch hinzu: „Ein Workshop bei Franziska verbindet Menschen mit dem gleichen Schicksal. Wir verstanden uns auf Anhieb und ganz ohne Worte, was richtig guttat.“
Carola John-Hofmann von der Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen im Gesundheitsamt informiert: „Ein früher Verlust in der Schwangerschaft durch Fehlgeburt oder Abort kommt Schätzungen nach häufig vor. Man geht davon aus, dass jede dritte bis siebte Schwangerschaft mit einem frühen Verlust endet. In Deutschland sind jährlich etwa 100.000 bis 200.000 Schwangere betroffen.“ Außerdem klärt John-Hofmann auf: „Die Quote für Totgeburten ab einem Geburtsgewicht von 500 Gramm lag im Jahr 2024 bei 4,3 pro 1.000 Geburten.“
Obwohl viele Frauen betroffen sind, werde das Thema in der Gesellschaft noch immer weitgehend tabuisiert. Um diesen Bereich aus der Tabu-Ecke zu holen, verfolgt das Gesundheitsamt nun zwei Ziele: Das Schicksal soll in der Gesellschaft sichtbarer und durch Aktionen wie eine bereits stattgefundene Ausstellung transparenter gemacht werden.
Betroffene Eltern können sich anhand einer Broschüre über Anlaufstellen informieren. Außerdem wurde in Mühldorf im sogenannten Holzhauser Garten ein Apfelbaum für Sternenkinder gepflanzt. Es ist vorgesehen, am Gedenkbaum eine Bank aufzustellen, um die Sichtbarkeit nochmals zu erhöhen. Begleitend zu den Aktionen fanden Vernetzungstreffen statt. „Wir hoffen, dass sich daraus ein tragfähiges Netzwerk entwickelt“, betont die Vertreterin des Gesundheitsamtes.
Mit den eigenen
Händen heilen
In der Werkstatt von Franziska Kreipl-Poller entsteht zwar kein Netzwerk, aber eine Gemeinschaft von Sterneneltern, die alle nur eines im Blick haben: ihren Kindern eine individuelle, lebenslange Aufmerksamkeit zu schenken. Sternenmutter Franziska ließ bei der Steinmetzmeisterin einen Grabstein für ihren verstorbenen Sohn anfertigen. „Während dieser Zeit kam bei mir der Gedanke auf, selber Hammer und Meißel in die Hand zu nehmen“, erzählt Franziska, die letztendlich mit Unterstützung von Kreipl-Poller einen glänzenden Stern anfertigte, der im Grabstein eingearbeitet wurde.
„Es ist ein wunderbares Gefühl, mit den eigenen Händen etwas Bleibendes für unser Kind geschaffen zu haben“, unterstreicht die junge Frau und verrät nach kurzem Innehalten: „Ich bekomme wieder ein Baby.“ Die Freude darüber sei groß, aber es würden auch Ängste und Sorgen mitschwingen.
Körperliche Arbeit bringe ein Stück Normalität zurück, so sieht es zumindest Sternenmama Eva, die ihre Zwillingssöhne beerdigen musste. Bei Bildhauerin Kreipl-Poller beschäftigte sich Eva damit, zwei Walflossen aus einem Stein zu formen, was mit ihrer verstorbenen Schwiegermutter verknüpft ist, die Wale liebte. Durch Evas Werk entstand eine Verbindung von der Großmutter zu den verstorbenen Zwillingen. „Die Oma passt jetzt auf die Jungs und auf uns auf“, ist sich Eva sicher, die noch davon sprach, wie erfüllend es gewesen sei, die eigenen Emotionen in das Material Stein zu legen.
Wie die Steinmetzmeisterin weiß, suchen die Eltern für das in Stein gemeißelte Andenken ihrer Kinder stets einen besonderen Ort aus. Neben dem Friedhof kann das der heimische Garten oder ein Platz unter einem Baum sein. Am 29. und 30. Mai richtet Franziska Kreipl-Poller wieder einen Workshop für Sternenkinder aus.
Sie ließ sich sogar zur Trauerbegleiterin ausbilden, und zwar mit dem Argument: „Bei dieser speziellen Arbeit brechen vielleicht plötzlich erneut Wunden auf. Ich möchte dann nicht neben den Eltern hilflos dastehen.“
Begleitung, Hoffnung
und der Blick nach vorn
Dass eine Sternenkind-mutter nach wie vor den Kinderwunsch in sich trägt, beweist auch Eva, die momentan wieder schwanger ist. „Der Wunsch nach einem Kind wurde nach dem Verlust meiner Zwillinge eher noch stärker“, sagt sie, und die Steinmetzmeisterin stimmt zu.
Deren ganzes Glück sind die elfjährige Johanna und der achtjährige Andreas. Was in der Familie Kreipl-Poller immer präsent bleiben wird, formuliert die Bildhauerin so: „Johanna und Andreas sind Kind Nummer vier und fünf und die Geschwister unserer drei Sternenkinder.“