Mühldorf – Die Regenfälle waren kurz, aber heftig. Binnen weniger Minuten hatte es am Mittwoch, 6. Mai, knapp 17 Liter Niederschlag pro Quadratmeter in Mühldorf gegeben. Laut „Wetterkontor.de“ ein Zehntel der Gesamtregenmenge von 2026. An den neuralgischen Stellen sammelte sich das Wasser. Mit der Regenmenge waren einige Gullys in der Kreisstadt überfordert. Hauptsächlich in den Unterführungen staute sich das Wasser.
Hilferufe von der
Terrasse aus gehört
So auch bei der Bahnunterführung an der Töginger Straße. Heini Tratzl (54), seit Jahrzehnten leidenschaftlicher Feuerwehrmann bei der Freiwilligen Feuerwehr Mühldorf und stellvertretender Kommandant sowie Brandmeister, wohnt mit seiner Familie nicht weit von der Mulde entfernt, in der sich bei Starkregen gerne die Wassermassen stauen.
Er befand sich gerade auf der Terrasse. Deswegen haben er und sein Sohn Lukas (13) es auch gleich gehört, als eine Frau lauthals nach Hilfe schrie, nachdem das Unwetter über Mühldorf gezogen war.
Tochter Anna Maria, ebenfalls Mitglied der Mühldorfer Feuerwehr, war bereits zum Einsatz alarmiert worden. Vater und Sohn jedoch waren zu Hause auf der Terrasse, als sie die Hilfeschreie vernommen hatten. „Wir haben gleich unsere Warnwesten angezogen und sind in Richtung Unterführung gerannt“, berichtet Lukas, der mit seinen 13 Jahren der Jugendfeuerwehr in Mühldorf angehört.
An der überschwemmten Unterführung angekommen, reagierten Vater und Sohn dann rasch. Lukas positionierte sich im trockenen Bereich der Unterführung und versuchte, herannahende Verkehrsteilnehmer davor zu warnen, in die Unterführung einzufahren. Vater Heini kümmerte sich derweil um die Frau, die mit ihrem Audi A1 in die überschwemmte Unterführung eingefahren war und nun von Panik übermannt wurde. „Das Wasser stand knapp einen halben Meter hoch in der Unterführung, man hat die Reifen nicht mehr gesehen. Ich war damit beschäftigt, die Frau zu beruhigen!“
Dass die Dame in Hysterie verfallen war, kann Tratzl nachvollziehen. „Bei diesen Wassermassen bekommt man die Autotür nicht mehr auf.“ Glück im Unglück: Der Motor des Audi lief noch. „Beste Chancen also, dass sich die Frau selbst aus dieser Situation befreien konnte!“ Aber erst galt es, die Dame zu beruhigen. Vom Gehweg aus redete Tratzl der Autofahrerin gut zu. Zunächst ohne Erfolg. Der 54-Jährige musste die Frau anschreien, damit sie Notiz von ihm nahm. Endlich reagierte sie. Tratzl war aber gleichzeitig damit beschäftigt, einen Sprinter davon abzuhalten, ebenfalls in die Unterführung einzufahren. Das tat er mit hektischen Handsignalen. Hintergrund: „Wenn ein so großes Fahrzeug auch noch in die Unterführung hineinfährt, gibt es Wellen und das Wasser schwappt über die Motorhaube, der Motor säuft ab. Und dann wird es wirklich ein Problem.“
Der Sprinter-Fahrer war einsichtig, das Fahrzeug blieb stehen, Tratzl kümmerte sich wieder um die Frau, wies sie ruhig an, den Rückwärtsgang einzulegen und den Wagen langsam aus der Unterführung zu lenken. Das klappte. Die Frau konnte aufatmen.
Wenig später kamen auch schon die Feuerwehrkollegen und auch der Rettungsdienst. „Der 14er ist gekommen, der Mannschaftstransportwagen“, klärt Lukas auf, „die Rettungsschwimmer waren mit dabei.“ Man begann, die Pumpen aufzubauen und die Unterführung von den Wassermassen zu befreien.
Viele Tausend Kubikmeter Wasser hatten sich da angesammelt, es dauerte drei Stunden, bis die Mulde wieder einigermaßen trocken war. Dass es immer wieder Situationen gibt mit Fahrzeugen, die nach Starkregenereignissen in Unterführungen fahren, können viele nicht nachvollziehen. Tratzl erklärt, dass es oft schwer ist, den hohen Wasserstand zu erkennen. „Besonders in der Töginger Straße: Die Wasseroberfläche spiegelt den Beton der Brücke wider, das Wasser ist oft nicht zu erkennen, man kann sie tatsächlich mit der Fahrbahn verwechseln. Oder man erkennt es erst spät, weil die Unterführung nach einer Kurve kommt.“
Wie der Vater, so der
Sohn – aber mit Geduld
So spricht der Mann nach über drei Jahrzehnten bei der Feuerwehr. Das hat Lukas noch vor sich. Er ist Jungfeuerwehrler und wollte sich gleich selbst in die Fluten stürzen, um der Frau zu helfen.
Da hatte aber der Vater sein Veto eingelegt. Wobei der Sohnemann betont: Das hätte er sich schon zugetraut. Bei der Feuerwehr lerne man schließlich schon in der Jugend, in Gefahrensituationen richtig zu handeln.
Regelmäßig belegt er Erste-Hilfe-Kurse und er übt fleißig mit seinen Kameraden von der Wehr: Saugschlauch koppeln, Löschangriffe einüben, Löschwassersuchwanderungen. Das alles sorgt für Begeisterung bei dem 13-Jährigen, der sich noch etwas gedulden muss, bis er erstmals tatsächlich bei einem Einsatz mitfahren darf. Dazu muss er erst einmal 16 Jahre alt werden.