Ergotherapeutinnen fürchten Gesundheitsreform

von Redaktion

Die geplante Gesundheitsreform sorgt bei Ergotherapeutinnen für große Sorgen. Sie warnen vor Einsparungen bei Heilmittelerbringern und befürchten langfristige Folgen für Praxen, Patienten und die Versorgung vor Ort.

Waldkraiburg – „Dein Alltag ist unser Beruf“ – unter diesem Leitgedanken unterstützen Ergotherapeuten Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen. Sie helfen Menschen nach einem Schlaganfall zurück in ein selbstständiges Leben, unterstützen Kinder mit Entwicklungsproblemen oder trainieren mit Senioren alltägliche Handgriffe, damit diese möglichst lange in ihrem Zuhause bleiben können. Doch genau diese Arbeit sehen viele Ergotherapeuten durch die geplante Gesundheitsreform zunehmend gefährdet.

Um Milliardenlöcher bei den gesetzlichen Krankenkassen zu stopfen, will die Bundesregierung auch bei den Heilmittelerbringern wie Physiotherapeuten, Logopäden und Ergotherapeuten sparen. Vertreter der Branche warnen deshalb vor einem Rückschritt in der Versorgung. Welche Folgen die geplanten Änderungen für Praxen und Patienten vor Ort haben könnten, darüber sprachen mehrere Ergotherapeutinnen aus der Region mit dem CSU-Bundestagsabgeordneten Stephan Mayer.

Sie befürchten, dass geplante Einsparungen nicht nur die Arbeit vieler Praxen erschweren, sondern langfristig auch Patienten treffen könnten. Etwa dann, wenn ältere Menschen ohne therapeutische Unterstützung ihren Alltag nicht mehr selbst bewältigen können. „Bei den Heilmittelerbringern wird zu stark gespart, das ist ungerecht“, fassen es die Ergotherapeutinnen zusammen. Sie kritisieren die geplante Rückkehr zur Kopplung an die Grundlohnsumme sowie mögliche Abschläge. Die Grundlohnsumme umfasst die beitragspflichtigen Einnahmen der Sozialversicherten. Die Bindung daran wurde erst vor wenigen Jahren aufgehoben, um Praxen dauerhaft angemessene Vergütungen zu ermöglichen.

„Damit können wir jetzt kostendeckend arbeiten“, sagt Katja Rottmann, stellvertretende Vorsitzende der Landesgruppe Bayern vom Deutschen Verband Ergotherapie. Problematisch werde es allerdings, sobald Personal ausfalle. „Wenn ein Mitarbeiter krank ist, fällt die Behandlung aus und der Umsatz fehlt“, sagt Ergotherapeutin Renate Weyrich. Gleichzeitig steigen die allgemeinen Kosten. Zudem könnten Praxen bei der Suche nach Fachkräften bei der Bezahlung nicht mit Kliniken mithalten.

Dass bei Krankenkassen Geld gespart werden muss, wissen die Ergotherapeutinnen. Den Weg bei den Heilmittelerbringern sehen sie hingegen als falsch. „Wir arbeiten präventiv und verhindern dadurch weitere Kosten“, erklärte Ergotherapeutin Helga Reichl. Viele Patienten könnten somit ambulant behandelt werden. „Wir behandeln Patienten nach schweren Erkrankungen oder Unfällen, die eine intensive Behandlung benötigen. Gibt es die nicht, macht eine Operation keinen Sinn“, sagt Stephanie Pollmann.

Wie groß der Therapiebedarf ist, zeigt auch ein Blick auf die Warteliste: Mindestens drei bis sechs Monate müssten Patienten auf einen Termin warten, im pädiatrischen Bereich könne es sogar bis zu einem Jahr dauern, erklärten die Praxisinhaberinnen. Die aktuelle Vergütung ermögliche ein wirtschaftliches Arbeiten, die geplanten Änderungen durch die Gesundheitsreform hätten aber deutliche Einbußen zur Folge. „Praxen müssen sich dann umstrukturieren, weniger Hausbesuche machen und stärker auf Privatversicherte setzen. Der klassische Kassenpatient bleibt dabei auf der Strecke und die Schwächsten im System leiden“, schildert Ergotherapeutin Stephanie Pollmann die Situation. Ein Szenario, das auch ihre Kolleginnen befürchten. Praxen könnten schlimmstenfalls sogar schließen.

Neben der Vergütung sehen die Therapeutinnen auch die Bürokratie als großes Problem. Abrechnungen könnten vereinfacht und damit der Verwaltungsaufwand reduziert werden. „Die Techniken dazu gibt es. Mehr digitale Abläufe würden vieles erleichtern“, erklärt Pollmann. Damit würde auch mehr Zeit für die Patienten bleiben. „Wir wollen wirtschaftlich arbeiten können. In den vergangenen Jahren waren wir dazu auf einem guten Weg, jetzt aber werden wir ausgebremst“, sagt Renate Weyrich. Am Beispiel einer Praxis mit sechs Mitarbeitern rechnete Katja Rottmann vor, dass der Gewinn von aktuell 65.000 Euro in den Folgejahren auf bis zu 18.000 Euro zurückgehen könnte. „Eure Arbeit darf kein Draufzahlgeschäft sein, sie muss auskömmlich sein“, stimmt Stephan Mayer den Ergotherapeutinnen zu. Angesichts der Defizite von 15 Milliarden Euro, die bis 2030 auf bis zu 40 Milliarden Euro anwachsen könnten, stehe man vor einer großen Herausforderung. Aber man müsste die Argumente der Heilmittelerbringer ernst nehmen, es müsse eingespart werden „ohne extreme Härten“, so Stephan Mayer. Deshalb will sich Mayer für diese Berufsgruppe in Berlin einbringen. Schon nach den Pfingstferien will er ein Treffen mit Gesundheitspolitikern von CDU und CSU in Berlin organisieren. „Die Zeit drängt.“ Die Gesetzesänderung soll noch vor der Sommerpause beschlossen werden.

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