Mühldorf – Die Bilder sind noch im Kopf: Menschen feiern zusammen in Wirtshäusern oder auf Straßen, sie tragen Trikots oder fliegen begeistert zum nächsten Spiel der deutschen Nationalmannschaft ins fremde Land. So sieht es heuer, knapp vier Wochen vor Eröffnung der WM in Mexiko, Kanada und den USA, aus.
Eins steht jedenfalls schon jetzt Wochen vor dem Eröffnungsspiel fest: Aus der Region wird wohl kaum jemand in die USA reisen. Silke Rauch, Inhaberin von Rauchs Reiseladen in Mühldorf, sagt: „Wir haben keine einzige Anfrage für die WM!“
Hohe Kosten bremsen
das Interesse
Die Mühldorferin spricht zuerst von den extrem hohen Kosten für einen Besuch der Spiele. Das sei wohl der Hauptgrund für das mangelnde Interesse. Denn die Preise bis zu mehreren 1.000 Euro für die Finalspiele schrecken ab und werden von den Nebenkosten noch weiter in die Höhe getrieben. „Parkplätze kosten bis zu 300 Euro“, schüttelt Rauch den Kopf über die extremen Gebühren. An Karten kommen Fußballfans außerdem nur noch direkt über die Fifa. Sie können ausschließlich über das Internet direkt beim Fußballverband gebucht werden. Seit 1994 habe die Fifa mit einem deutschen Tour-Anbieter als Partner für Komplett-Pakete zusammengearbeitet, sodass Interessenten im Reisebüro vom Flug über das Hotel bis zur Eintrittskarte alles kaufen konnten, erinnert sich Rauch. „Für 2026 hat die Fifa kein Operator-Programm aufgelegt. So ist es uns nicht möglich, einfach Reisen in Kombination mit Eintrittskarten anzubieten.“
Dazu komme, dass das Interesse an USA-Reisen seit dem Beginn der zweiten Amtszeit von Präsident Donald Trump massiv nachgelassen hat. „Es ist sehr mau“, sagt Rauch, „wir hatten heuer erst zwei USA-Buchungen.“ Neben der allgemeinen politischen Situation seien vor allem die Einreisekontrollen abschreckend: „Keiner will sich an der Grenze halbnackt machen“, sagt sie über die vielen geforderten Angaben, die die USA neuerdings bei einer Reise verlangen. „Man kann noch hinfahren, aber es will keiner mehr. Das touristische Amerika existiert nicht mehr.“
Bleibt Fußballfreunden also nur die Feier zu Hause. Für die gibt es inzwischen die ersten Fan-Artikel. Im Globus in Mühldorf ist von der Schminke über Armbänder bis zu Trikots und Bällen alles erhältlich. Allerdings, schränkt Marktleiter Tobias Au ein, nicht in Originalqualität. Denn das Original kostet 150 Euro, viel für einen Fußball, findet Au. Im Globus gibt es deshalb eine abgespeckte Version, das gilt auch für das Trikot. „Wir haben das komplette Fan-Paket.“
Fußball-Fans sind
noch zurückhaltend
Wie groß die Begeisterung für die Fan-Artikel ist, lässt sich laut Au noch nicht sagen. „Dafür ist es zu früh.“ Aktuell seien die Fußball-Anhänger sehr zurückhaltend. „Aus Erfahrung geht es erst so richtig los, wenn das erste Spiel bevorsteht.“ Und dann kommt es natürlich darauf an, wie weit das deutsche Team kommt. Au denkt mit Schrecken an das Ausscheiden in der Vorrunde in Katar. „Aber diesmal kommen wir ins Endspiel“, ist er zuversichtlich. Auch sein Kollege Gerhard Kohlschmid erwartet, dass die Begeisterung für die WM kommen wird. Im Mühldorfer Sportgeschäft gibt es Bälle und Trikots vom Originalausstatter Adidas. Und auch schon die ersten Nachfragen, die nach dem DFB-Pokalfinale und dem Näherrücken des Termins deutlich steigen werden, ist der Sportartikelhändler überzeugt.
Denn die, die im Landkreis Fußball schauen wollen, dürften die hohen Eintrittspreise oder die politische Situation in den USA nicht vom Fußballvergnügen abhalten. „Fußball ist ein Fernsehsport“, sagt Kohlschmid, „da ist es egal, wo das Turnier ausgetragen wird. Das Zuschauerinteresse ist da.“ Das gilt natürlich vor allem für das gemeinsame Schauen mit Freunden oder beim Public Viewing. „Da gehört es dazu, das entsprechende Outfit zu haben“, sagt Kohlschmid und vergleicht das gemeinsame Fußball-Feiern mit dem Volksfest: „Da geht man in Tracht hin, zum Fußballschauen im Trikot oder Fanschal.“ Also Fahne ausgepackt, Deutschlandmütze aufgesetzt und ab zum FC Mühldorf. Denn der will auch heuer das eine oder andere Spiel öffentlich zeigen. „Das ist diesmal wegen der Termine und Zeiten gar nicht so einfach“, sagt Vorsitzender Maximilian Heinrich. Mal stehen Kai Havertz und Co. erst ab 22 Uhr auf dem Rasen, oft erst um 20.45 Uhr an einem Wochentag. Keine guten Voraussetzungen für gemeinsames Feiern, zumindest in der Gruppenphase, weist Geschäftsführerin Alexandra Seisenberger auf die Nachbarn hin: „Es ist dort alles recht dicht bebaut.“
Beim FC Mühldorf mit der
Nationalmannschaft
Trotzdem wirft der FC zum Auftakt gegen Curacao den Grill an und stellt Bierbänke vor dem Vereinsheim in Mößling auf. Anpfiff ist am Sonntag, 14. Juni, um 19 Uhr, Angrillen schon zwei Stunden vorher. „Wie es danach weitergeht, werden wir sehen“, sagt FC-Chef Heinrich. Zu den Finalspielen sind die heimischen Kicker dann auf jeden Fall am Start – falls es die deutsche Nationalmannschaft in die Ausscheidungsspiele schafft.