Legendäres Vehikel aus Berlin

von Redaktion

Seit fast 50 Jahren ist er ungewaschen, voller Rost und Moos und dennoch verkehrssicher: Der Opel Olympia von Professor Hanns-Lüdecke Rodewald ist Kult in Berlin. Ein Kraiburger Schrauber hat die „rollende Langzeitstudie“ nun fit für den TÜV gemacht und den Bewuchs gegossen.

Für andere ist der alte Opel Olympia Schrott. Nicht für Flo Rauscheder (links) und Prof. Hanns-Lüdecke Rodewald (rechts).

Kraiburg/Oberneukirchen – Flo Rauscheder holt die Gießkanne raus und wässert das Moos und die Flechten auf der Motorhaube des alten, rostigen Opel Olympia Caravan, Erstzulassung 1956. Nicht nur in Berlin ist diese Klapperkiste Kult.

Wer den 44-Jährigen kennt, für den ist es nichts Ungewöhnliches, dass das ein oder andere Pflänzlein auf einem Fahrzeug wächst und von ihm gepflegt werden will. Bekannt wurde der Hobby-Schrauber durch den „Wald-Käfer“, einen alten VW, den er im Wald ausgegraben und im „Rat-Look“ restauriert hat. Es folgten der Wald-Bulli und der Wald-Porsche.

Zündkerzen ja,
Autopolitur nein

Kein Wunder also, dass Gleichgesinnte ihre Rostlauben zu Flo bringen, wenn sie technisch überholt werden müssen. So auch Professor Hanns-Lüdecke Rodewald aus Berlin. „Lüder“ hat seinen alten Olympia zu Flo nach Oberneukirchen überführt. Dort lebt der Kraiburger inzwischen mit seiner Freundin Laura Ubrig auf einem alten Hof, wo er viel Platz für seine Schrauber-Projekte hat.

Lüders 70 Jahre alter Wagen wurde 1977 zum letzten Mal gewaschen, ist für viele Schrott. Dabei hat der Opel Olympia Caravan TÜV und ist nicht nur in Berlin Kult. Youtube-Videos, Fachzeitschriften und sogar Bachelor-Arbeiten beschäftigen sich mit dem moosbewachsenen Vehikel.

Rodewald ist Professor für Kraftfahrzeugtechnik, Verbrennungsmotoren und Fahrzeugsicherheit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin und inzwischen pensioniert. Aus seinem alten Olympia hat er eine Langzeitstudie, ein urbanes Projekt, gemacht: Wie lange fährt dieses Auto noch, wenn man es nicht wäscht oder pflegt und nur technisch notwendige Wartungen macht?

Zündkerzen, Bremsbeläge, Reifen und die Batterie werden regelmäßig gewechselt. Ansonsten wird es bewegt und wissenschaftlich beobachtet, ist gar eine touristische Attraktion in Kreuzberg.

Polizei und Behörden sind dagegen keine Fans. Es kam sogar zu einer Zwangsstilllegung wegen vermeintlicher Verkehrsunsicherheit. Rodewald schaltete einen Sachverständigen ein und konnte beweisen, dass dem nicht so war und die Stilllegung unrechtmäßig erfolgte. „Ich bekam vom Land Berlin Schadensersatz, weil ich das Auto nicht nutzen konnte“, so der Professor.

Die Polizei habe ihn dann in Frieden gelassen, nicht aber das Ordnungsamt. Mehrmals habe es ihm vorgeworfen, gegen das Abfallbeseitigungsgesetz zu verstoßen und ein „noch zugelassenes Vollwrack“ auf der Straße abzustellen. Doch mithilfe des TÜV konnte Rodewald stets beweisen, dass alles okay war mit dem „Wrack“, wie er lachend erzählt.

Die Umweltzone im Graefekiez, dem Stammplatz des Wagens, war lange Zeit eine Herausforderung. Mit 14 Verfahren wegen Verstoßes gegen die Bestimmungen musste Rodewald sich im Laufe der Zeit herumschlagen. Es gab einen Freispruch und mehrmals wurde eingestellt, berichtet er.

„Wenn ich fahren wollte, wurde der Wagen auf einem Anhänger aus der Zone herausgezogen und ich ließ den Motor erst dann an“, so Rodewald. Einem Richter war das zu unsicher. „Ich könnte ja heimlich nachts in dem Bereich damit herumfahren und die Umwelt verschmutzen, hat er gesagt. Und mich dann verurteilt.“ Die Sache landete in nächster Instanz vor dem Kammergericht. Obwohl zum gleichen Sachverhalt einmal ein Freispruch und dann eine Verurteilung erfolgt war, wollte das Gericht kein klärendes Urteil sprechen: Der Streitwert war mit 80 Euro zu gering. „Ich zahlte die Strafe und bekam dennoch später eine Ausnahmegenehmigung. Die Behörden wollen es mir halt immer schwer machen“, sagt er schmunzelnd.

Der alte Stellplatz ist nun „autofreie Zone“. Darum wurde der Wagen umgeparkt, steht heute vor einer Pizzeria und ist ein beliebtes Instagram-Motiv.

Während Lüder früher seinen Wagen auf der Straße selbst reparierte, sagt er heute, mit 70 Jahren: „Mein Rücken zwickt, wenn ich auf dem kalten Boden unter dem Wagen liege“. Darum sei er froh, Flo Rauscheder zu kennen. „Der ist der Schrauber meines Vertrauens. Andere verstehen dieses Auto gar nicht“, so der Berliner. Wollte er den Olympia in eine normale Werkstatt bringen, nehme ihn diese gar nicht an. „Ein Mechaniker wollte ihn einst putzen, bevor er Hand anlegte. Gott bewahre“, erzählt der Professor mit einem Lachen.

Rauscheder wurde auf Rodewald bereits 1997 durch eine Story in der Zeitschrift „Oldtimer Markt“ aufmerksam. Darin ging es um die Zwangsstilllegung. 2011 entdeckte der Kraiburger ein Youtube-Video über den Langzeitversuch, wie lange ein Auto ohne Pflege hält, und nahm Kontakt auf.

„Ich bin froh, einen Gleichgesinnten gefunden zu haben“, sagt Lüder Rodewald über Flo Rauscheder. Und weil der Berliner mit dem Olympia zu einem Alt-Opel-Treffen in die Schweiz wollte, brachte er den Wagen nach Oberneukirchen zur technischen Wartung. „Die Schweizer wollen immer alles picobello. Die verstehen das nicht, wenn man einen alten Wagen nicht schick macht. Mir ist das nun mal nicht wichtig. Aber technisch sollte er schon bei Kräften sein.“

„Hätte nicht gedacht, dass
der Wagen so fit ist“

Rauscheder ist begeistert von dem Kult-Auto und überrascht, wie wenig er Hand anlegen musste. „Hätte nicht gedacht, dass der Wagen so fit ist. Hab ihn durchgecheckt für den TÜV und musste nur ein bisschen schweißen und schmieren.“ Die Geschichte von Rodewald und seiner „Langzeitstudie“ fasziniert ihn schon sehr lange. „Der hat sich mit allen möglichen Behörden angelegt. Gerade in Berlin so ein Auto zu halten, ist eine Challenge. Auf dem Land würde es keinen jucken.“ Ihm ist daran gelegen, dazu beizutragen, dass der Olympia noch möglichst lange verkehrssicher bleibt. Und weiter verwittert. Mit Rost und Moos. Denn die gehören zu diesem kuriosen Kult dazu.

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