Von Freunden zu Feinden

von Redaktion

Streit eskaliert in Schlägerei auf Haager Parkplatz

Mühldorf/Haag – Einst waren sie gute Freunde, doch seit ein paar Jahren feinden sie sich nur noch an und gehen sich aus dem Weg. Die zwei Männer aus Haag sahen sich erst vor dem Amtsgericht Mühldorf wieder. Denn der eine soll den anderen ganz unvermittelt angegriffen haben. Das wurde von einer Zeugin beobachtet.

Staatsanwalt Alexander Fischer trug eine recht kurze Anklageschrift vor. Demnach soll es am 21. November 2025 gegen 14.30 Uhr auf einem Parkplatz in Haag zu dem angeklagten Vorfall gekommen sein. Dabei soll der beschuldigte Mittfünfziger aus Haag einen gut zehn Jahre jüngeren Haager von seinem Rad heruntergerissen haben, während dieser über den Parkplatz fuhr.

Während der Fahrt vom
Rad gerissen

Als der Radler auf dem Boden lag, soll ihm der Angreifer mit der Faust gegen die rechte Gesichtshälfte geschlagen haben. Der Angeklagte hatte sich deshalb vor Richter Florian Greifenstein wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu verantworten.

Der Angeklagte erschien ohne Rechtsbeistand und verteidigte sich vor Gericht selbst. Selbstbewusst ergriff er das Wort und erklärte, dass dem Ganzen eine längere Geschichte vorausgegangen war. Das vermeintliche Opfer sei vor Jahren sein Kollege und auch ein guter Spezl gewesen. „Ich war Alkoholiker“, holte er weiter aus. Wegen einer Leberzirrhose sei er vor ein paar Jahren beinah „hopsgegangen“, an einer Tankstelle zusammengebrochen und auf der Intensivstation gelandet.

Der Kollege und Freund habe ihm geholfen, habe ihm nötige Utensilien in die Klinik gebracht. Dafür sei er dankbar gewesen. Nachdem für ihn ein Betreuer eingesetzt worden war, sollte sein Helfer ihm Auto- und Wohnungsschlüssel wieder zurückgeben. Der habe das verweigert. Wollte angeblich sogar den Betreuer anzeigen, da der sich nicht richtig kümmere. „Das fand ich nicht in Ordnung“, so der Angeklagte. Er habe ihn darauf angesprochen, aber nur zu hören bekommen: „Nächstes Mal lass ich dich verrecken. Verpiss dich, Hurensohn!“ Im Laufe der Jahre sei das immer schlimmer geworden. Bei jedem zufälligen Zusammentreffen sei er beschimpft worden und sei ihm der Mittelfinger gezeigt worden.

An besagtem Tag im November habe er seinen Intimfeind zufällig gesehen, wie er über den Parkplatz radelte. Der Radfahrer habe ihm wieder den Mittelfinger gezeigt. „Da bin ich zornig geworden und habe gegen sein Rad getreten, aber ich habe ihn nicht heruntergerissen“, schilderte er seine Sicht der Dinge und betonte: „Ich bin ein netter Kerl.“

Angeklagter spricht
von Notwehr

Stattdessen sei der andere Mann auf ihn losgegangen und habe ihm mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. Aufgeregt springt der Angeklagte bei dieser Aussage auf und demonstriert im Gerichtssaal die Schläge. Bei dem Gerangel seien beide zu Boden gegangen, berichtete er weiter, dort hätten sie sich gewälzt. In der Anklage sei alles verdreht dargestellt, monierte der Beschuldigte: „Für mich war das Notwehr!“

Die Version einer Augenzeugin der Parkplatz-Rauferei stellte sich allerdings anders dar. Die Frau wollte nur zum Einkaufen gehen, als sie einen Mann bemerkte, „der auf einen Radfahrer zurennt und ihn vom Radl reißt“. Sie drehte sich kurz weg und dann wieder hin zu dem Geschehen und sah beide Männer raufend und mit Fäusten zuschlagend am Boden liegen. Andere Passanten trennten die Männer und die Frau rief die Polizei.

Auch das Opfer der Attacke bestätigte diesen Ablauf. Er kenne den Angeklagten seit über 20 Jahren. Der sei früher ein „angenehmer Teddybär“ gewesen, bevor er an der Tankstelle zusammenbrach. Er habe sich um ihn gekümmert und sei dafür beschimpft worden. Während dieser Aussage lachte der Angeklagte, was dazu führte, dass die beiden Männer anfingen, sich vor den Augen von Richter und Staatsanwalt zu streiten.

Der Angeklagte habe eine ganze Liste von Leuten, denen er „auf die Fresse hauen“ werde, erzählte der Zeuge. Schon im Juli 2025 sei er zum ersten Mal von ihm geschlagen worden: „Ich stand am Pfandautomaten und er haute mir ohne Vorwarnung von hinten gegen meinen Kopf, dass die Brille davonflog.“ Danach seien sie sich länger nicht begegnet. Bis zum 21. November. „Er hat mich während der Fahrt vom Rad getreten, sich auf mich gestürzt, mir mit Fäusten mehrmals gegen die Schläfe geschlagen und hat versucht, mir mit den Fingern die Augen auszustechen“, erinnerte er sich an diesen Tag. „Es war wie im Horrorfilm, ich hatte Todesangst.“

„Wie soll das denn in einem kleinen Ort wie Haag weitergehen?“, fragte Richter Greifenstein die beiden. „Abgesehen davon, wer schuld ist. Es ist doch peinlich, wenn sich erwachsene Männer auf dem Parkplatz prügeln.“ Er riet den beiden verfeindeten Männern: „Schließen Sie doch Frieden.“ Ein Rat, der unbefolgt verpuffte.

Staatsanwalt Fischer sah den Angriff und die vorsätzliche Körperverletzung als bewiesen an. Vor allem die Aussage der gänzlich unbeteiligten Zeugin, die keinen der beiden Streithähne kenne, sei absolut glaubhaft. Der Konflikt habe eine lange Vorgeschichte, aber der Angeklagte sei uneinsichtig und seine Schläge seien für sein Opfer gefährlich gewesen. Er forderte eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 50 Euro.

Aussagen unterschieden sich diametral

„Ich bin sprachlos, ich finde es ungerecht“, äußerte sich dazu der Angeklagte. Der andere sage nicht die Wahrheit. Er, der während der Verhandlung den anderen Beteiligten immer wieder ins Wort fiel, wurde nun ganz still. Den Kopf in den Händen wartete er auf das Urteil.

Das brachte ihm schließlich 90 Tagessätze zu je 40 Euro ein. Richter Greifenstein erläuterte, dass er dem Angeklagten seine Version zugestehen würde. Aber: „Es gibt eine absolut neutrale Zeugin.“ Die Beziehung zwischen den beiden Männern sei eine hochemotionale, die Aussagen der beiden unterschieden sich diametral. „Schon einen anderen vom Rad zu stoßen, ist eine vorsätzliche Körperverletzung, ein dicker Hund“, belehrte er den Verurteilten. „Noch dazu am helllichten Tag im öffentlichen Raum!“

Der Haager akzeptierte das Urteil, wirkte resigniert. Er fragte lediglich nach, wie er denn die Rechnung zu bezahlen habe.

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