Mühldorf – Vielleicht ist Michel Friedman selbst ein Zeichen dafür, dass es Hoffnung gibt: seine Existenz, dass er lebt. Hoffnung darauf, dass die Bedrohungen von Demokratie und Menschenwürde in Deutschland nicht das Letzte sein müssen. „Vor 90 Jahren stünde ich vor einer Gaskammer“, sagt Friedman zum Ende seiner Lesung in Mühldorf. „Heute bin ich hier vor Ihnen.“
Begleitet von Beamten des Landeskriminalamts. Sie müssen ihn schützen, nachdem es früher Drohungen gab, ihn zu erschießen. Friedman, schwarzer Anzug, schwarzes hochgeschlossenes Hemd, sitzt auf einer kleinen Bühne im großen Saal der Hochschule Mühldorf beim Campus-Gespräch. Eine kleine Lampe erleuchtet in dem ansonsten abgedunkelten Raum die Blätter mit Auszügen aus „Mensch, Liebeserklärung eines verzweifelten Demokraten“. Im Saal ist es sehr still.
Tiefe Einblicke
in die Gefühlswelt
Friedman spricht meist ruhig, manchmal beschleunigt er seine Rede oder hebt er die Stimme, wird eindrücklicher. Seine Gesten sind sparsam, ab und an unterstreicht er das Gesagte ausdrucksvoll. Die Stärke seiner Rede kommt aus den Wörtern, aus seiner Sprache, die bildhaft ist, konkret, eindrücklich. Sie nimmt die Zuhörer tief mit hinein in Friedmans Gefühlswelt. Und die ist zerrissen, zwischen den Gegensätzlichkeiten, die aus seiner Liebe zum Menschen erwachsen. „Der Mensch gibt mir Zuversicht“, sagt Friedman und nimmt die Entwicklung Deutschlands aus der Menschenverachtung des Nationalsozialismus zu einem Staat, zu Demokratie und Freiheit als Wegweiser. „Ich muss nicht für meine Meinung sterben oder ins Gefängnis, wie in einer Diktatur.“
Und gleichzeitig ist der Mensch derjenige, der ihm Angst macht. Der Mensch, der Radikalen folgt, ein autoritäres System sucht. Der Demokratie und Freiheit zerstören will. Friedman spricht von einer „gefährlichen Übergangszeit“: von digitaler Revolution, Krieg, ökonomischen und sozialen Verwerfungen. „Was es seit 1945 nicht mehr gegeben hat, ist der Angriff auf unsere freiheitliche Demokratie. Das freiheitliche, demokratische Europa könnte in einigen Jahren Geschichte sein.“
50 Verwandte wurden
im KZ ermordet
Friedman kam vor 70 Jahren in Paris zur Welt, er entstammt einer polnisch-jüdischen Familie. Fast alle, Friedman spricht von 50 Verwandten, wurden von den Nationalsozialisten im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau getötet. Nur seine Großmutter und seine Eltern überlebten, sie waren „Schindler-Juden“, benannt nach dem deutschen Unternehmer Oskar Schindler, der etwa 1200 bei ihm beschäftigte Juden vor der Ermordung rettete. „Mich hätte es nicht geben dürfen“, sagt Friedman.
1965 kehrte Friedman als Kind mit seinen Eltern nach Deutschland zurück, Lebensmittelpunkt der Familie war Frankfurt am Main. Friedman ist promovierter Jurist, als Fernsehmoderator tätig, engagiert sich in der jüdischen Gemeinde, ist CDU-Mitglied und kämpft seit Jahren gegen Rechtsradikalismus, Judenhass und für Demokratie.
Oskar Schindler als
Hoffnungszeichen
In seinem Buch macht er Oskar Schindler zum Hoffnungssymbol: „Der Mensch gibt mir Zuversicht“, sagt er. Denn Schindler habe in einem Land gelebt, in dem alle gesagt hätten, „was sollte ich denn tun?“ „Er konnte was tun.“ Bis heute bestimmt dieses Handeln Friedmans Blick. „Solange es einen solchen Menschen gibt, werde ich nicht bereit sein, Menschen mit Zynismus zu betrachten.“ Und so fordert er, für die Demokratie zu kämpfen. Zu streiten, wie er es nennt. „Das letzte Wort ist nicht gesprochen“, sagt er. „Also müssen wir reden, müssen wir streiten.“
Dabei wird Friedman sehr konkret, bleibt nicht bei philosophischen Überlegungen stehen, wagt konfrontative Worte. Jeder Wähler wisse, was er wähle, wenn er die AfD wähle. Eine Partei, die den Hass in sich trage, die Menschen ihr Menschsein abspreche, die Freiheit und Demokratie zerstören wolle. „Protestwähler sind das nicht“, sagt er, Protestwähler, das sei lediglich eine Entlastung für alle anderen, sich nicht mit diesen Positionen auseinandersetzen zu müssen, eine Entschuldigung dafür, dass „wir uns mit diesen Wählern nicht streiten müssen“.
Wenn er das Gelangweiltsein und die Müdigkeit des Demokratischen sehe und dagegen das „leuchtende Gesicht des Hassenden“, werde ihm bange. „Ich mache mir Sorgen, weil die, die an die Demokratie glauben, so schwach sind.“ Es seien Menschen aus der Mittelschicht, die derzeit die Radikalen unterstützen würden, die den antidemokratischen Wandel trügen. Und mittendrin der Hass auf Juden, für ihn der Gradmesser schlechthin: „Jüdisches Leben ist das Thermometer für demokratische Ernsthaftigkeit. Es herrscht hohes Fieber.“
Zuhörer von Friedmans
Worten beeindruckt
Es ist ein kraftvolles Plädoyer. Demokratie, betont er, sei nicht die beste der schlechten Regierungsformen, sie sei die einzige, dem Menschen angemessene. „Sie ermöglicht mir das Leben“, sie gebe „das Recht, Mensch zu sein. Das einzige System, das die Würde des Menschen garantiert“. Jedes Menschen, auch das des politischen Gegners. „Können Sie sich vorstellen, wie es ist, wenn man sein Menschsein abgesprochen bekommt?“
Bei den über 100 Zuhörern kamen Friedmans Gedanken an. Hochschul-Dekan Dr. Alp Aslan würdigte Friedmans Worte: „Neben der Klarheit seiner Argumentation, steht seine Überzeugung, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist und vom Streit lebt, vom Widerspruch und der Fähigkeit zum Zuhören.“
Franz Langstein, Vorsitzender des KZ-Gedenkstättenvereins „Für das Erinnern“, schrieb am Tag danach: „Irgendwie hat er auch die Geschichte unserer Gedenkstätten interpretiert: Auch wenn nichts geht, geht immer was!“