Traunstein/Haag – Ein „Luxusleben auf Firmenkosten“ leistete sich ein 27 Jahre alter Mitarbeiter, der bei einer Firma im Solarbereich mit Sitz in Haag, Landkreis Mühldorf, Ware im Gesamtwert von rund vier Millionen Euro veruntreute und – teils im Zusammenwirken mit anderen Leuten – den Verkaufserlös in die eigene Tasche steckte. Dank seines Geständnisses vor der Neunten Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzender Richterin Barbara Miller muss der Angeklagte „nur“ sechseinhalb Jahre Haft in einem Gefängnis verbüßen.
Aus Betrug
wird Untreue
Fast 100 Einzelvorwürfe lagen dem Ex-Angestellten in der 30-seitigen Anklage zwischen November 2021 und Mitte Januar 2025 zur Last. Mit seinem freiwilligen Ausscheiden endete die Serie. Einige kleinere Punkte stellte das Gericht in dem dreitägigen Prozess ein. Aus „Betrug“ wurde aus rechtlichen Gründen „Untreue“. Übrig blieben 70 Fälle der Untreue und 14-fache Geldwäsche mit einem Gesamtschaden beziehungsweise Wertersatz von exakt 3.402.221,77 Euro. Die Masche des 27-Jährigen war: Firmenkunden erhielten einerseits Rechnungen über „null Euro“, andererseits eine zweite mit einem gegenüber dem tatsächlichen Warenwert reduzierten Betrag. Was sie nicht wussten: Die Beträge aus der zweiten Rechnung landeten beim Angeklagten beziehungsweise dessen Firma. Andere Geschäfte funktionierten gemeinschaftlich mit anderen tatverdächtigen Personen, von denen sich der 27-Jährige gemäß Geständnis den Großteil des Auftragswertes zurückholte. Auf Anzeige einer Krypto-Bank hin, der der Geldfluss verdächtig vorkam, ermittelte die Kripo Mühldorf zehn Monate in dem komplizierten Fall. Ins Visier gerieten bislang sieben weitere mutmaßliche Mittäter. Zwei Männer sitzen schon in Untersuchungshaft.
Dass die krummen Geschäfte des Kundenbetreuers jahrelang niemand bemerkte, erklärte der Firmenchef in dem Prozess. Er führe ein großes Unternehmen mit etwa 200 Millionen Euro Jahresumsatz, das sich in einer Übergangsphase befunden habe. Die Geschäfte hätten sich enorm – ähnlich wie bei einem „Start-up“ – entwickelt. Er habe keinen detaillierten Überblick gehabt. Auf einige Millionen Euro sei es nicht angekommen, so der 62-Jährige sinngemäß. Der Geschäftsführer verwies darauf, man habe das Buchhaltungssystem inzwischen geändert. Die Staatsanwälte Caroline Sprater und Martin Brunner plädierten auf eine Haftstrafe von sechs Jahren neun Monaten.
1,3 Millionen
Euro verspielt
Der 27-Jährige habe circa 1,3 Millionen Euro der veruntreuten Gelder verspielt, andere für einen großen BMW, eine Rolex-Uhr und teure Reisen ausgegeben. Dazu Martin Brunner: „Der Angeklagte hat sich auf Kosten der Firma ein Luxusleben geleistet. Für den BMW hätte er bei seinem Gehalt drei Jahre arbeiten müssen.“ Die behauptete Spielsucht, nach einem psychiatrischen Sachverständigen jedoch nicht im pathologischen Bereich, sei nur ein Faktor gewesen.
Zu dem relativ späten Geständnis meinte der Staatsanwalt: „Mit etwas mehr Aufwand hätten wir sämtliche Taten nachweisen können.“ Brunner wertete den „unfassbar hohen Schaden“ strafschärfend, dazu die hohe kriminelle Energie, mit der der 27-Jährige bei Problemen den Modus Operandi angepasst und weitere Leute in seine Machenschaften hineingezogen habe. Diese seien für ihre Taten natürlich selbst verantwortlich. Der Staatsanwalt weiter: „Ohne den Angeklagten wäre es jedoch zu keiner der anderen Taten gekommen.“
Die Verteidiger, Carmen Gimmler aus München und Axel Reiter aus Mühldorf, traten für eine Strafe von sechs Jahren und drei Monaten ein. Anfangs habe ihr Mandant Schulden begleichen müssen, später auch Geld an Familie und Freunde verliehen. Für seine Spielsucht ab der Jugendzeit habe das Gehalt nicht ausgereicht. Dazu Anwältin Carmen Gimmler: „Er musste eine Lücke schließen, musste viel und schnelles Geld machen.“
Über eine Million Euro in Krypto-Währungen habe der Angeklagte verspielt, knapp eine Million Euro mit Sportwetten. Sie verneinte ein Luxusleben: „Ballermann-Urlaub ist kein Luxus.“ Wahrscheinlich sei kein Geld mehr da, so die Verteidigerin. Wegen des auf ihm lastenden Drucks habe der 27-Jährige Kokain konsumiert. Die Mittäter hätten gleichwertig mit dem Angeklagten zusammengearbeitet. Die Verteidiger hoben die „Lücke im Kontrollsystem der Firma“ heraus. Vielleicht sei es ein Fehler gewesen, einem damals 24-Jährigen so viel Verantwortung zu geben.
Kein Mitverschulden
des Arbeitgebers
Dazu Axel Reiter: „Ein junger Mann erlag den Verlockungen des großen Geldes. Das war sein maßgebliches Motiv.“ Ihr Mandant habe sich bei dem Unternehmen entschuldigt. Die Entschuldigung sei akzeptiert worden. Er stehe für seine Taten gerade und wolle versuchen, den Schaden irgendwann wiedergutzumachen.
Im Urteil griff die Vorsitzende Richterin die Argumente aus den Plädoyers auf. Ein Mitverschulden des Arbeitgebers verneinte Barbara Miller: „Anfangs wurde es ihm leicht gemacht. Seine Hemmschwelle sank immer mehr.“ Strafschärfend wertete sie die Vielzahl und die Dauer der Taten sowie den hohen Gesamtschaden.