Mühldorf – Es war ein Christopher Street Day unter völlig anderen Vorzeichen als bei der Premiere im vergangenen Jahr. Nach dem tödlichen Angriff beim Berliner CSD am Vorabend war den Veranstaltern und den mehr als 600 Teilnehmern zunächst nicht nach Musik, Glitzer und ausgelassener Stimmung zumute. Der zweite CSD auf dem Stadtplatz wurde mit einer Schweigeminute für die Getötete und die Verletzten eröffnet. Gerade deshalb, so war von vielen Besuchern zu hören, sei es richtig gewesen, die Veranstaltung nicht abzusagen. Man wolle sich nicht einschüchtern lassen, sondern Solidarität zeigen und für eine offene Gesellschaft einstehen.
Politik und Kirche
zeigen Solidarität
Schon vor dem Beginn war bei einem queeren Gottesdienst an die Opfer von Berlin erinnert worden. Rebecca Sürth, die sich in der AG Queer des Bistums Passau engagiert, bezog die Getötete, Verletzten und Angehörigen ausdrücklich in das Gebet mit ein. „Wir beten für die Community, die zum Ziel von Terror, Hass und ideologischer Verblendung geworden ist“, sagte sie. Das Böse dürfe nicht siegen – ganz gleich, ob es sich politisch, pseudotraditionalistisch oder fundamentalistisch-religiös verkleide.
Aus der stillen Eröffnung entwickelte sich ein ebenso farbenfroher wie politischer Nachmittag. Regenbogenfahnen wurden geschwenkt, viele Gäste waren bunt gekleidet oder geschminkt. Die Resonanz übertraf die Premiere deutlich: Waren im vergangenen Jahr rund 450 Menschen gekommen, zählten die Veranstalter diesmal mehr als 600.
Für die Stadt Mühldorf sprach die Dritte Bürgermeisterin Kathrin Enzinger. Sie dankte den Menschen, die trotz der schrecklichen Tat von Berlin den Weg zum CSD gefunden hatten. Ihr Kommen sei ein Zeichen dafür, dass sich eine freie und weltoffene Gesellschaft nicht durch Angriffe davon abhalten lasse, gemeinsam und friedlich zu feiern. Enzinger überbrachte auch die Grüße von Bürgermeisterin Claudia Hungerhuber. Der CSD sei ein Fest der Vielfalt, der Lebensfreude und der Gemeinschaft, zugleich auch eine Erinnerung, dass die Rechte queerer Menschen keineswegs selbstverständlich gewesen seien und es vielerorts bis heute nicht seien. „Vielfalt ist keine Herausforderung, die wir bewältigen müssen. Vielfalt ist eine Stärke“, erklärte Enzinger. Ein besonders wichtiges Zeichen sei, dass mit dem neuen Bürgermeisterteam nun die Regenbogenfahne am Rathaus wehe. „Der CSD ist weit mehr als eine bunte Veranstaltung: Er ist ein Bekenntnis zur freiheitlichen Demokratie und zu einer Gesellschaft, in der jeder Mensch seinen Platz hat.“
Neben Enzinger waren auch Zweiter Bürgermeister Stefan Lasner und Landrat Max Heimerl gekommen. Heimerl unterstrich, er wolle mit seiner Anwesenheit Solidarität mit den Opfern von Berlin und mit der queeren Community zum Ausdruck bringen. Auch Vertreter von SPD, Grünen und Linken zeigten Flagge.
Kristin Martl-Hassan, Sprecherin des veranstaltenden Vereins „Mühldorf ist bunt“, machte deutlich, dass der Wunsch nach einer offenen und toleranten Gesellschaft auch im ländlichen Raum lebendig sei. Niemand solle seine Identität verbergen oder in eine Großstadt ziehen müssen, um sich sicher und frei fühlen zu können.
Als Verbündete stehe sie an der Seite der queeren Community. Dieses „Allyship“ bedeute nicht, nur freundlich zu nicken, wenn es um die Probleme queerer Menschen gehe, „sondern den Rücken zu stärken, wenn es stürmisch wird, Vorurteilen zu widersprechen und Betroffenen Raum zu geben, damit ihre Stimmen gehört werden.“
Vielfalt sei keine Gefahr, sondern eine Stärke. Akzeptanz dürfe deshalb auf Dauer kein politisches Ziel bleiben, sondern müsse zu einer Selbstverständlichkeit werden – in jeder Gasse und an jedem Platz in Mühldorf. Bei aller Trauer und spürbarer Betroffenheit über die Ereignisse in Berlin überwog die Entschlossenheit. „Hass darf nicht bestimmen, wer sich auf öffentlichen Plätzen sicher zeigen und frei leben kann. Wir in Mühldorf antworten darauf mit Solidarität, Mut und Farbe“, betonte Initiator Daniel „Dex“ Mareyen.
Es gab Musik, eine Schlagershow und einen Zug durch die Stadt, der auch auf Solidarität der Mühldorfer stieß: An den Tischen der Straßencafés schwenkten sie Regenbogenfähnchen. Störungen gab es keine; die Polizei, Verstärkungskräfte und ein privates Sicherheitsteam sorgten für einen reibungslosen Ablauf. Eines steht bereits fest, wie Mareyen bestätigte: „Im nächsten Jahr treffen wir uns wieder in Mühldorf.“